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In unserer Familie habe ich oft die Rolle des Sündenbocks. Meine Frage ist: Wie kann ich mich dagegen wehren? Und was bedeutet das eigentlich das Wort "Sündenbock"?

Die Sache mit dem "Sündenbock" ist uralt. Stellen Sie sich das Land Israel vor und zwar vor mehr als 2000 Jahren. Menschen zerren einen Sündenbock - und zwar einen richtigen Ziegenbock - vor den Tempel. Ein Priester legt dem Tier die Hände auf. Nicht um ihn zu segnen. Nein, der Priester überträgt dem Tier alle Sünden, die das Volk begangen hat. Und dann? Dann wird das Tier aus der Stadt gejagt und in die Wüste getrieben - so wird das Volk von seiner Schuld befreit. Eine seltsame Zeremonie - diese Feier am jüdischen Festtag Jom Kippur, dem Versöhnungstag: Ein Tier wird mit den Sünden der Menschen beladen und in die Wüste geschickt. Daran erinnert noch heute das Wort "Sündenbock".

Und Sie sagen, Sie sind der "Sündenbock" in Ihrer Familie? Da sind Sie nicht die Einzige. Sündenböcke, denen immer die Schuld gegeben wird, gibt es überall. Man findet sie in Schulen und Kindergärten, in Firmen und Familien. Sie werden beschuldigt, gepiesackt, gemobbt, sogar bedroht.

Sie fragen: Wie kann ich mich wehren?  Zunächst indem Sie verstehen, was hier geschieht. Es ist wie ein Mechanismus! Erst ist da irgendeine Krise. Dann wird dafür jemand beschuldigt. Diesem Opfer wird schließlich Gewalt angetan, meist nur psychisch, doch manchmal kommt es zu körperlicher Gewalt. Wichtig ist, dass jedes Opfer erkennt: Es geht nicht um mich! Ich bin kein "Sündenbock". Andere wollen mich dazu abstempeln. Die Täter machen sich schuldig.

Jesus hatte übrigens ein wirksames Mittel dagegen: Die Nächstenliebe. Jesus hat niemanden ausgeschlossen. Er hat den Aussätzigen berührt, der zurückgezogen in einer Höhle leben mußte. Er hat mit eine ausländischen Frau am Brunnen gesprochen - undenkbar für einen jüdischen Mann. Er hat sich mit Zöllnern und Prostituierten an einen Tisch gesetzt, obwohl er sich damit selbst in Gefahr brachte. Nächstenliebe, Vergebung, Neuanfang - das hilft gegen Ausgrenzung und Beschuldigungen. Sprechen Sie darüber mit ihren Angehörigen. Und lassen Sie sich keinesfalls eine Schuld einreden.

Der letzte echte "Sündenbock" wurde übrigens vor wohl 2000 Jahren in die Wüste getrieben. Heute wird der jüdische Versöhnungstag anders gefeiert. Es ist ein heiliger, feierlicher Tag. Viele Juden fasten an diesem Tag und einige Juden tragen sogar weiße Kleider als Symbol der Reinheit. Jeder macht seinen Frieden mit Gott. Und wer sich mit einem anderen gestritten hat, versöhnt sich. Das ist wahre Versöhnung... und nicht, wenn einer zum Sündenbock abgestempelt und in die Wüste getrieben wird.

Autor: Jan von Lingen

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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