Stand: 14.08.2018 16:50 Uhr

"Aquarius": Es bleibt ein bitterer Beigeschmack!

Nach tagelanger Irrfahrt im Mittelmeer zeichnet sich eine europäische Lösung für das Rettungsschiff "Aquarius" und die 141 Geflüchtete an Bord ab: Malta erklärte sich am Dienstag nach anfänglicher Weigerung bereit, das Boot anlegen zu lassen. Spanien bot die Aufnahme von 60 Menschen an, Portugal will 30 Flüchtlinge aufnehmen. Auch Deutschland nimmt einige Menschen auf. Die am Freitag geretteten Flüchtlinge stammen überwiegend aus Somalia und Eritrea. Die Hälfte von ihnen sind Minderjährige.

Ein Kommentar von Holger Beckmann, ARD-Korrespondent in Brüssel

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Für die Geflüchteten an Bord der "Aquarius" ist die Zeit der Ungewissheit vorbei.

Vielleicht muss man einfach mal an die grundlegenden Dinge erinnern: Es geht um 141 Menschen. Richtig: Das sind Flüchtlinge. Und auch richtig: Flüchtlinge sind im reichen Europa derzeit nicht wirklich beliebt. Aber: Diese Menschen sind in Not. Sie haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt beim Versuch, europäisches Festland zu erreichen, und beinahe wären sie gescheitert. Und: Diese Menschen sind keine Aussätzigen. Sie haben weder Ebola noch sonst eine todbringende Krankheit, sondern: Sie haben vor allem Hunger. Ganz besonders die Kinder unter ihnen, es sind viele. Was sie brauchen, ist also: festen Boden unter den Füßen, ein Dach über dem Kopf und ausreichend zu essen und zu trinken.

Quälend lange Zeit der Ungewissheit

Die gute Nachricht ist: Das werden sie nun sehr bald bekommen, weil die "Aquarius" nach tagelanger Irrfahrt endlich einen Hafen in Malta ansteuern darf. Und doch bleibt ein bitterer Beigeschmack. Denn wieder hat es quälend lange gedauert, bis sich ein Mitgliedsland dieser großen Europäischen Union dazu bereit erklärt hat. Wieder sind lange Verhandlungen hinter verschlossenen Türen notwendig gewesen, um einen Weg zu dem zu finden, was trotz aller Schwierigkeiten, die diese nicht enden wollende Migration über das Mittelmeer mit sich bringt, für Europa selbstverständlich bleiben muss: Menschlichkeit.

Immer nur Einzellösungen

Das menschliche Prinzip ist der Kitt, der die Staaten dieser Union letztlich zusammenhält. Wenn er bröckelt, hat die EU keine Zukunft. Deshalb ist es gut, dass die EU-Kommission sich von Anfang an dafür eingesetzt hat, auch diesmal eine Lösung zu finden. Und gut ist auch, dass Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Portugal und Spanien die Menschen auf der "Aquarius" aufnehmen wollen. Aber - natürlich reicht das nicht. Denn es versuchen ja jeden Tag viele, über das Mittelmeer zu kommen. Deshalb werden sich solche Geschichten wiederholen. Und immer wird es Einzellösungen geben müssen. Weil eines nach wie vor fehlt: Europas Antwort auf die Migration.

Auch Osteuropa muss mitziehen

Es braucht eine gemeinsame europäische Politik dafür, damit die Lasten, die das mit sich bringt, gleichmäßig verteilt werden. Und die Menschen, die kommen, auch. Erst wenn es diese Bereitschaft gibt, auch in Osteuropa, dann kann man über außereuropäische Sammelzentren reden, über einen besseren Schutz der Außengrenzen oder über Schlepper. Es wird dringend Zeit. Sonst werden noch viele Schiffe Irrfahrten auf dem Mittelmeer machen müssen, nur weil ihre Besatzungen Menschenleben gerettet haben.

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NDR Info | Kommentar | 14.08.2018 | 17:08 Uhr