Stand: 10.04.2019 17:00 Uhr

PR-Instrument? Pressereisen in der Politik

von Daniel Bouhs & Andreas Maisch

Julia Gerlach kennt das Dilemma der Auslandsberichterstattung. Sie hat viele Jahre als freie Korrespondentin aus Kairo berichtet, unter anderem für die "Berliner Zeitung". Wann immer es ging, wollte sie die Region auch bereisen. "Die Einschätzung ist immer ganz anders, wenn man selber hingefahren ist", sagt sie. Allerdings sei es vor allem für freie Mitarbeiter immer schwieriger, von Zeitungen nicht nur die eigentlichen Texte, sondern auch Reisekosten bezahlt zu bekommen.

Wer von Pressereisen berichtet, sollte transparent sein. © NDR

PR-Instrument? Pressereisen in der Politik

ZAPP -

Wenn Journalisten in Regierungsmaschinen einsteigen, bezahlen sie. Von anderen Stellen lassen sich viele aber einladen - auch in der Politik.

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"Gerade Tageszeitungen haben im Moment extreme finanzielle Probleme", sagt Gerlach, die inzwischen in Berlin ein Projekt für geflüchtete Journalisten leitet und deshalb unbefangen über ihre bisherigen Arbeitsbedingungen sprechen kann. Viele Regionalzeitungen seien "zu dem Schluss gekommen, dass Berichterstattung aus dem Ausland nicht das ist, was ihnen viele Leser und Leserinnen bringt."

Pressereisen sorgen für exklusive Zugänge

In dieser Situation stoßen Pressereisen auf fruchtbaren Boden, auch wenn diese von staatlichen Institutionen angeboten werden. Sie laden Journalisten ein, organisieren Gesprächspartner und übernehmen teils auch die Kosten für Flüge, Hotels und den Transfer vor Ort. Einige buchen zudem freie Journalisten als Autoren für ihre Hausmagazine. Die Autoren verkaufen ihre Recherchen, die so entstanden sind, wiederum auch an Zeitungen.

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Kennt das Pressereisen-Dilemma aus eigener Erfahrung: Julia Gerlach.

Gerlach war etwa für die Entwicklungshilfeagentur der Bundesregierung, die GIZ, im Jemen. Die GIZ schützt dort Frauen, die vor ihren Männern geflohen sind. Gerlach hat darüber zunächst für das Hausmagazin "Akzente" berichtet, dann aber auch für Zeitungen. "Ohne diese Einladung hätte ich nicht berichten können", sagt Gerlach. Die Lage vor Ort sei zu riskant für eine klassische Reise gewesen. Die GIZ hätte sie in ihr Sicherheitskonzept eingebunden. Die Reise sorgte also für exklusiven Zugang.

GIZ verweigert Interview zu Pressereisen

"Natürlich ist es schwierig, in so einer Situation jemanden zu finden, der sagt 'Hör mal zu, dieses Projekt ist total korrupt und wir werden hier schlecht behandelt und es gibt auch nichts zu essen'“, sagt Gerlach allerdings auch. Ihr ist sehr wohl bewusst, dass dieses Modell auch seine Probleme hat. "Wenn man investigativ über solche Projekte berichten möchte, dann darf man natürlich keine Pressereise machen."

Die GIZ lädt zwei bis drei Mal Journalistengruppen ein, eines der gut 1.500 Projekte weltweit zu besuchen. Ein Interview dazu verweigert die weitgehend steuerfinanzierte Einrichtung. Schriftlich heißt es, die GIZ wolle ihre Arbeit in den jeweiligen Ländern greifbar machen. "Uns geht es auch darum, zu erklären, wozu unser Engagement nützlich ist." Dafür vermittle sie auch Gesprächspartner in der jeweiligen Region. Letztlich sei das alles aber auch nur ein Angebot, das nicht an Bedingungen geknüpft sei. Den Journalisten stehe es vielmehr "frei, weiter zu recherchieren".

Loyale Übersetzer und abhängige Gesprächspartner

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Sein Verlag bezahlt Reisekosten selbst: Wolfgang Bauer.

"Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer hat das Glück, unabhängig arbeiten zu können: Seinem Verlag geht es so gut, dass er die Reisen seiner Autoren selbst bezahlen kann. In Afghanistan ist Bauer so auf ein Projekt der GIZ gestoßen, das sich nicht für eine Pressereise eignen würde. Bauer berichtete unter der Überschrift "Risse im Fundament" etwa über Baumängel und wirft den Verdacht der Korruption auf. Von Gesprächspartnern, die Organisationen auf Pressereisen vermitteln, erwarte er solche Hinweise nicht: "Die wurden eingeladen von der Hilfsorganisation, die ihnen später wieder diverse Hilfen zukommen lässt." Auch Dolmetscher seien häufig Mitarbeiter der Projekte und deshalb im Zweifel loyal.

Auch die Berliner Vertretung der EU-Kommission organisiert diverse Pressereisen. Bei vielen wird grundsätzlich der Apparat der Europäischen Union erklärt - klassische Bildungsreisen ohne konkrete Berichterstattung, an denen auch die Autoren dieses Beitrags schon teilgenommen haben. Die Kommission lädt aber auch zu einzelnen Themen ein, etwa zur Digitalpolitik oder einzelnen Beitrittskandidaten.

Nur jeder Dritte Teilnehmer lässt sich eine Rechnung geben

Reinhard Hönighaus, der einst selbst Wirtschaftsjournalist war und nun Sprecher der Kommission in Deutschland ist, sagt, er wolle Berichterstatter "einfach mal einladen in den Brüsseler Maschinenraum, damit sie die handelnden Personen und die Verfahren besser einschätzen können" statt nur vom Schreibtisch aus zu recherchieren. Ein besonderer Fokus liege dabei auf Reportern von regionalen Medien, die schließlich immer noch den Großteil der Zeitungsauflagen ausmachten.

Sowohl die EU-Kommission als auch die GIZ erklären gegenüber ZAPP: Wo die Institutionen anbieten, Kosten zu übernehmen, zahle nicht mal jeder Dritte Journalist seinen Anteil für Flüge oder Hotels. "Es gibt Selbstzahler. Das ist ehrenhaft. Das begrüßen wir auch", sagt Hönighaus. "Konsistent" seien das Vertreter von Axel-Springer-Medien und der öffentlich-rechtlichen Sender. Bei anderen überregionalen Redaktionen sei es "mal so, mal so". Regionale Medien ließen sich "eher selten" und freie Journalisten "besonders selten" eine Rechnung geben.

Transparenzhinweise sind die Ausnahme

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Zwei von drei Journalisten nehmen Kostenübernahme an, so EU-Kommissionssprecher Reinhard Hönighaus.

"Zeit"-Journalist Bauer schlägt als Ausweg einen Recherchefonds vor. In den könnten etwa die Organisationen einzahlen - entscheiden über Recherchevorhaben müsste ein unabhängiges Gremium. Eine andere Möglichkeit wäre freilich Transparenz. Bei den Stichproben zu den GIZ-Reisen fand sich kein einziger Hinweis. Die Redaktionen erklärten dazu auf Anfrage, Transparenz sei eigentlich Standard. In den konkreten Fällen sei eine Kennzeichnung mal vergessen worden, mal sei der Fall für eine Erklärung zu lange her und mal hätten auch die Autoren nicht ausreichend informiert.

EU-Kommissionssprecher Reinhard Hönighaus sagt, immerhin jeder zweite von ihm eingeladene Journalist weise in der Berichterstattung auch darauf hin. "Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn es alle täten."

Autor Andreas Maisch wurde unterstützt durch ein Recherchestipendium von Netzwerk Recherche.

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ZAPP | 10.04.2019 | 23:20 Uhr