Stand: 03.04.2019 18:00 Uhr

Eine Gratwanderung: PR oder Journalismus?

von Daniel Bouhs
Bild vergrößern
Für Professor Lilienthal ist klar: PR ist kein Teil des Journalismus. Jeder müsse selbst entscheiden, ob er beides mache - doch dürfe niemals jemand über das berichten, wofür er auch PR mache.

Philipp Eins hat sein Geschäftsmodell gefunden. Er berichtet fürs Radio, als Trainer bildet er Nachwuchs aus, und dann ist da noch ein neues Feld: Der Journalist produziert "Corporate Podcasts", also Audioreihen im Auftrag von Konzernen oder Verbänden. Für den Verband forschender Pharmaunternehmen arbeitet er derzeit beispielsweise an einer Reihe über die Digitalisierung dieser Branche.

Ein Journalist bei der Arbeit.

Eine Gratwanderung: PR oder Journalismus?

ZAPP -

Journalismus und PR sind zwei unterschiedliche Sachen - doch immer mehr Journalisten machen inzwischen auch PR für Unternehmen. Eine Gefahr für den Journalismus?

3,75 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Das ist nicht aus der Not getrieben", sagt Eins. Er sei ein überzeugter Freiberufler. Dabei sei es aber nun mal wichtig, sich mittel- und langfristig gut aufzustellen. "Nur Journalismus, das wäre wahrscheinlich eng, weil es dort kein Riesenwachstum mehr gibt wie vielleicht noch vor 20 Jahren. 'Corporate Podcasts' ist aber ein Bereich, der wächst. Und da versuche ich natürlich auch, davon zu profitieren."

Für den DJV ist PR "eine Spielart des Journalismus"

Auch der Deutsche Journalistenverband (DJV) sieht diesen Trend. "Bei Tageszeitungen und im lokalen Bereich reden wir zum Teil über Honorare unterhalb des Niveaus vom Mindestlohn", sagt DJV-Vorsitzender Frank Überall. "Da merke ich natürlich, dass Kolleginnen und Kollegen sagen: Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig, als noch Taxi zu fahren oder abends zu kellnern oder eben auch möglicherweise PR zu machen."

Für den DJV rücken PR und Journalismus "näher zusammen". Deshalb hat er dazu einen speziellen Kongress organisiert: den "Brückenschlag". Der DJV - immerhin die "Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten" - vertritt ohnehin seit jeher auch Mitarbeiter der PR. "Das, was in der PR gemacht wird, also in der effektiven Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, ist eine Spielart des Journalismus", erklärt Überall gegenüber ZAPP. Für den DJV ist PR also irgendwie Teil des Journalismus.

Philipp Eins ist ein junger Journalist, der auch Podcasts für Firmen erstellt. ZAPP interviewt ihn in seinem Büro. Er trägt kurze, blonde Haare und ein Hemd. © NDR Foto: Daniel Bouhs

"PR und Journalismus sind getrennte Welten"

ZAPP -

Philipp Eins macht Podcasts für Medien und für Unternehmen - und sieht darin kein Problem. Wichtig ist für ihn, dass der Absender klar sein muss und die Themen sich nicht überschneiden.

4,5 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Das ist im Grunde eine Assimilation von Journalismus und PR"

Der Hamburger Journalistik-Professor Volker Lilienthal ist eigentlich aus Überzeugung selbst DJV-Mitglied: Der DJV hatte ihn einst bei kritischen Recherchen über Schleichwerbung juristisch unterstützt. Dass der Verband PR dem Journalismus zuordne, störe ihn allerdings. "Das ist im Grunde eine Assimilation von Journalismus und PR", sagt der Wissenschaftler. "Überall redet ihr fahrlässig das Wort."

 

Interviews
12:36

"PR auch eine Art von Journalismus"

Für den DJV-Vorsitzenden Frank Überall (47) ist "PR auch eine Art von Journalismus". Das Handwerk sei ähnlich, aber Ziele und Adressaten seien andere. Video (12:36 min)

10:26

"PR ist kein Teil des Journalismus"

Professor Lilienthal (59) stellt klar, dass PR kein Teil des Journalismus sei, sondern etwas ganz Anderes. Das eine sei selektive Auftragskommunikation, dass andere unabhängige Berichterstattung. Video (10:26 min)

Da der DJV PR'ler schon lange zu seinen Mitgliedern zähle, sei das aber nicht mehr einfach zu trennen. Eine Minimalforderung, die er "persönlich aber auch nicht ausreichend" finde, sei, dass Journalisten die Finger von jenen Themen und Institutionen ließen, für die sie PR machten, mahnt Lilienthal. Solche "Brandmauern" fordert allerdings auch DJV-Vorsitzender Überall. Er selbst berichte auch nicht mehr als freier WDR-Mitarbeiter über Gewerkschaften, seit er als DJV-Chef selbst ein Gewerkschaftsboss sei.

Die Lösung? "Brandmauern" zwischen PR und Journalismus

Bei dieser Spielregel geht auch Philipp Eins mit, der neben seinen "Corporate Podcasts" vor allem für Deutschlandfunk Kultur berichtet, etwa mit Reportagen aus dem Ausland oder aus seinem Kiez in Berlin-Wedding. Eins sagt: "Wenn ich jetzt für ein Pharma-Unternehmen einen Podcast erstelle, kann ich nicht gleichzeitig im Deutschlandfunk über dieses Unternehmen berichten. Das schließt sich aus."

Dass Journalistinnen und Journalisten zunehmend auch für PR-Medien von Konzernen oder Verbänden arbeiten, bleibt indes grundsätzlich ein Risiko: Das Publikum muss sich darauf verlassen, dass der Einzelne die besagten "Brandmauern" zwischen seinen Jobs überhaupt zieht und sie dann auch noch stehen lässt. Damit steht und fällt die Glaubwürdigkeit dieses Modells.

Weitere Informationen

Mindestlohn? (Selbst-)Ausbeutung im Journalismus

Oft berichten Medien über prekäre Arbeitsbedingungen in der Arbeitswelt - für viele freie Journalisten gehört der eigene Beruf inzwischen auch dazu, sie kommen kaum über die Runden. mehr

Die PR-Politiker: Mehr Transparenz durch Social Media?

Viele Politiker senden mittlerweile auf eigenen Kanälen, kopieren journalistische Formate. Genauer betrachtet sind diese Videos, Gespräche oder Podcasts nur eine neue Form der PR. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 03.04.2019 | 23:20 Uhr