HSV-Spieler Uwe Seeler in der Saison 1963/1964 © IMAGO / Ferdi Hartung

1962: Die schwere Geburt der Bundesliga-Gründung

Stand: 28.07.2022 22:02 Uhr

1962 wurde die Einführung der Fußball-Bundesliga beschlossen. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Aber der Weg dahin war weit und gepflastert mit Verbandsscharmützeln und politischen Diskussionen. Doch letztlich rang sich der DFB durch.

von Mirjam Bach

Von einer schnellen, gar vorschnellen Entscheidung konnte keine Rede sein: Ganze neun Stunden tagte am 28. Juli 1962 der DFB-Bundestag im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle. Um 17.45 Uhr war es dann endlich soweit. Mit 103 zu 26 Stimmen wurde die Einführung der Bundesliga zum Jahr 1963 beschlossen. Damit nahmen jahrzehntelange Auseinandersetzungen, Verbandsscharmützel und politische Diskussionen um eine einheitliche Spitzenliga im deutschen Fußball ein Ende.

Vorreiter England

Bereits 1888, 75 Jahre vor Anpfiff der Bundesliga, wurde in England die Football League gegründet. Im Deutschen Reich dagegen existierten Anfang der 20er-Jahre über 70 "Erste Ligen" unter verschiedensten Namen. Der deutsche Meister wurde in einer Endrunde mit zunächst acht und später 16 Mannschaften im K.o.-System ermittelt. "Lotteriespiel" empörten sich Kritiker und vor allem die Verlierer über das unfaire Spielsystem und forderten schon aus rein sportlichen Gründen eine Liga für das gesamte Land.

Amateurstatut des DFB scheint unumstößlich

In Berlin warben 1919 die Brüder Eydinger Amateure an und riefen den Berufsfußball aus - der erste Angriff auf das schier unumstößliche Amateurstatut des DFB. Doch das Projekt scheiterte nach wenigen Wochen, die Diskussion um die Einführung des Profifußballs aber blieb. So kämpften die mächtigen Regionalverbände um eine "reinliche Scheidung" zwischen Amateuren und Profis. Der süddeutsche Verband trat für die Amateure ein. Die Funktionäre im Westen versuchten, die zunehmende und vor allem illegale Bezahlung der Spieler zu bekämpfen. Einige wenige Funktionäre forderten die Einführung des Profifußballs in der Hoffnung, der "Berufsfußball werde sich absondern und selbst vernichten".

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Die Bundesliga-Kommission befindet 1962 über die Bundesliga-Zugehörigkeit. © picture alliance / dpa | Richard Kroll

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Ärger um den großen Sepp Herberger

Obwohl der DFB 1928 ausdrücklich das Profitum untersagte, sah die Realität in den Vereinen ganz anders aus. Der große Sepp Herberger stand als erster bezahlter Fußballer 1921 vor dem Sportgericht. Denn er stürmte damals für Waldhof Mannheim und wurde mit 5.000 Mark vom Lokalrivalen Phönix gelockt. Herberger wurde zum Profi erklärt, jedoch bald begnadigt.

Ein Beispiel aus dem Norden: Holstein Kiel beschäftigte von 1924 bis 1926 den ungarischen Profispieler Opitz - ohne vom DFB dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Dagegen wurden 1930 gleich 14 Spieler und acht Vorstandsmitglieder von Schalke 04 wegen unerlaubter Zahlungen aus dem Verband ausgeschlossen. Und 1932 wollte der Westdeutsche Verband sogar offiziell eine Profiliga gründen.

Nationalsozialisten verhindern Reichsliga

Der DFB geriet unter Zugzwang. Auf dem DFB-Bundestag am 16. Oktober 1932 in Wiesbaden ging der damalige DFB-Vorsitzende Felix Linnemann in die Offensive. Der Funktionär aus dem niedersächsischen Steinhorst erklärte, der DFB werde den Berufs-Fußballsport regeln. Im Mai 1933 sollte die Einführung einer Reichsliga beschlossen werden. Doch dazu kam es nicht mehr. Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurden Vereine und Verbandsstrukturen durch Hitlers Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten gleichgeschaltet. Der DFB existierte nur noch auf dem Papier - um die Mitgliedschaft innerhalb der FIFA nicht zu gefährden - und 16 Gauligen traten an die Stelle der Oberligen.

Blamable Vorstellung bei der WM 1938

1936 wurde Herberger Reichstrainer. Nach der blamablen Vorstellung und dem frühen Aus bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich 1938 erarbeitete er ein Konzept für eine eingleisige Reichsliga. Und auch Tschammers "Reichsfachamt Fußball" kam zu der Überzeugung, dass ein "zentralisiertes Spielsystem und reguläre Bezahlung" der Leistungsfähigkeit der Fußballer im Dritten Reich nur zuträglich sein könnte. Doch erneut blieb es nur bei Plänen. Die fachamtliche Reichsliga fiel dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

400 Mark netto - langsame Abkehr vom Amateursport

Nach Kriegsende war man von einer einheitlichen Liga wieder weit entfernt. In Anlehnung an die Besatzungszonen der Alliierten formierten sich in der neu gegründeten Bundesrepublik fünf regionale Oberligen. Als erster Regionalverband bildete sich der Süddeutsche Fußballverband und ernannte seine Amateure 1948 zu Vertragsspielern. Der wiederbegründete DFB gestattete 1949 auch den anderen Regionalverbänden die Anwendung dieses Statuts. So näherte sich der DFB in kleinen Schritten dem Berufsfußball und damit der Bundesliga.

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1954 erlaubte der DFB den Vereinen, 320 Mark netto statt brutto monatlich an die Spieler zu zahlen. 1959 wurde der Betrag auf 400 Euro netto erhöht. Doch die "sündhafte Wirklichkeit" sah anders aus. Begehrte Spieler forderten mehr Gehalt, kassierten Handgeld, die Vereine zahlten und bewiesen durchaus Einfallsreichtum in der Umgehung des Vertragsspielerstatuts.

Rückenwind durch das "Wunder von Bern"

In dieser Zeit formierten sich die Verfechter der Bundesliga erneut. An der Spitze standen Franz Kremer, Präsident des 1. FC Köln und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Bundesliga und Berufs-Fußball sowie Bundestrainer Herberger. Das "Wunder von Bern" mit dem WM-Triumph 1954 verlieh seinen Argumenten mehr Gewicht denn je.

Sepp Herberger (l.) und die deutsche Nationalmannschaft bejubeln den WM-Triumph 1954. © picture-alliance/dpa
Rückenwind durch das "Wunder von Bern": Die deutsche Mannschaft bejubelt den WM-Triumph 1954.

1956 gliederte sich der Saarländische Fußballverband dem DFB an - und mit Verbands-Präsident Hermann Neuberger hatte die Bundesliga einen weiteren ebenso vehementen wie einflussreichen Fürsprecher. Ein erster Versuch, die Bundesliga auf dem DFB-Bundestag 1958 im "Frankfurter Römer" zu gründen, scheiterte erneut an Bedenken, ob sich sportlicher Wettstreit und Geld verdienen vereinbaren ließen. Denn der Amateurgedanke war tief verankert im Wertegefüge der 1950er-Jahre und stand in krassem Gegensatz zum vermeintlich dekadenten amerikanischen Lebenswandel.

Steuerrecht gefährdet Bundesliga

Neben all den moralischen Bedenken stellte auch das Finanzamt seinerzeit eine große Hürde auf dem Weg zur Bundesliga dar. Mit den Einnahmen der Fußballer wurden die anderen Abteilungen eines Vereins unterhalten. Als steuerrechtliche Grundlage diente die Anerkennung der Gemeinnützigkeit der Vereine und damit die Befreiung von Körperschafts-, Vermögens-, Gewerbe- und Grundsteuer. Ohne diese Steuervorteile stünde die Existenz zahlreicher Vereine auf dem Spiel.

Der "kicker" spielt auch mit

Und somit führte auch der DFB diese Gefahr gern und oft als Hauptargument gegen die Bundesliga ins Feld. Interessanterweise war es die Sportzeitschrift "kicker", die die Gründung der Bundesliga mit der Serie "Bundesliga-Probleme sind alle lösbar" 1956 vorantrieb. Redakteure hatten auf eigene Faust Gespräche mit dem Bundesfinanzministerium in Bonn geführt. Und als der "kicker" enthüllte, das Ministerium lasse in steuerrechtlichen Fragen mit sich reden, kamen Zweifel an den DFB-Funktionären auf, die die Steuerproblematik stets als unüberwindbares Hindernis dargestellt hatten.

HSV-Schatzmeister Mechlen mit Bedenken

Nachdem der DFB-Bundestag 1960 beschlossen hatte, die Zahl der Vereine mit Vertragsspieler-Mannschaft zu verringern, nahm im Oktober 1960 eine fünfköpfige Bundesliga-Kommission Verhandlungen mit dem Finanzministerium auf. Am 29. Juli 1961 beschloss der DFB, die Einführung der Bundesliga zur Spielzeit 1963/64 ernsthaft zu prüfen. Die Eliteliga war zum Greifen nah - doch ihre Kritiker warnten vor dem finanziellen Risiko.

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DFB-Präsident Hermann Gösmann © IMAGO / WEREK

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RWO-Präsident Peter Maaßen behauptete gar, 80 Prozent der Vereine seien gegen die Bundesliga. Für viele Vereine drohe der wirtschaftliche Ruin. Selbst der erfolgreiche HSV übte sich in Zurückhaltung. "Nach meinen Berechnungen gibt es einen Jahresetat von 600.000 bis 700.000 Mark", rechnete HSV-Schatzmeister Karl Mechlen in der Sportschau vor: "Als einzige sichere Basis gelten doch nur die 15 Spiele, die auf eigenem Platz zur Durchführung gelangen. Diese 15 Spiele müssen eine Nettoeinnahme von 50.000 DM ergeben. Ob das in allen Spielen erreicht sein wird, ist doch immerhin sehr fraglich."

103:26 Stimmen für die Bundesliga

Immerhin teilte das Finanzministerium dem DFB im Dezember 1961 mit, dass die Gemeinnützigkeit der Vereine auch bei Einführung von einer Lizenzspielerabteilung anerkannt werde. Dafür mussten aber die Spieler als Vereinsmitglieder ausscheiden und als Angestellte des Vereins geführt werden. Ein Jahr später wurde am 28. Juli 1962 in Dortmund über die Einführung der "Bundesliga auf Lizenzspieler-Basis" geheim und schriftlich entschieden. Erforderlich für die Einführung war eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Um 17.45 Uhr stimmten nach zähen Debatten 103 Delegierte im Goldsaal der Dortmunder Westfallenhalle für die Einführung der Bundesliga mit Lizenzspielern im Spieljahr 1963/64 - 26 waren dagegen.

"Der deutsche Fußball hat sich zu einem Wagnis bekannt, jetzt muss er das Wagnis bestehen", kommentierte die "Sportschau". Niemand ahnte vor fast einem halben Jahrhundert, dass nach dieser schweren Geburt die Bundesliga schnell "liebstes Kind" der Deutschen werden würde.

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Sportclub | 31.07.2011 | 23:30 Uhr

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