Angreiferin Svenja Huth vom VfL Wolfsburg © picture alliance/Stuart Franklin/Getty Images Europe/Pool/dpa

Jolyn Beer und Svenja Huth leben Vielfalt - im Sport und privat

Stand: 02.06.2022 11:32 Uhr

Jolyn Beer und Svenja Huth sind erfolgreich als Olympia-Schützin und Fußball-Nationalspielerin. Diversität ist für sie nicht nur ein Schlagwort. Beide Sportlerinnen leben offen queer. Huth heiratet noch vor der EM ihre Lebensgefährtin. Teil vier einer Sportserie bei NDR.de zum Diversity-Tag.

von Andreas Bellinger

Treffsicher sind sie beide - und wenn nicht alles täuscht auch das, was man gemeinhin tiefenentspannt nennt. Jolyn Beer an der Schießscheibe und Svenja Huth vor dem Tor. So unterschiedlich die Sportarten der Olympia-Schützin und der Fußball-Nationalspielerin auch sein mögen, so verschieden die Lebenswege und Karrieren, so eint sie doch der Mut, sich öffentlich dazu zu bekennen, dass sie Frauen lieben. "Auch wenn wir unser Queersein nicht jedem auf die Nase binden", wie Jolyn Beer dem NDR zum Thema Diversität im Sport erzählt.

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Ein Foto aus der Bundesliga-Saison 2020/2021 zeigt Spieler des VfL Wolfsburg und von Schalke 04 vor einem Transparent in Regenbogenfarben mit der Aufschrift "#Vielfalt". © picture alliance / augenklick/Ralf Ibing /firo Spor | firo Sportphoto/Ralf Ibing

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Turbulente Zeit für "Mama" Beer

"Ich glaube, dass es so entspannt ist, weil ich auch ganz entspannt damit umgehe", sagt die in einem Dorf im Harz nahe Goslar aufgewachsene Beer. Im Schützenverein und später im Nationalteam habe ihre sexuelle Orientierung keine große Rolle gespielt. Weil sie kein Geheimnis daraus gemacht hat? "Jeder muss seinen eigenen Weg finden, damit umzugehen", so die 28-Jährige, deren Ehefrau Jessica vor einem Jahr Tochter Alma zur Welt gebracht hat. "Eine turbulente Zeit", erinnert sich Beer, die vier Wochen später zu ihren ersten Olympischen Spielen nach Tokio gereist ist, wo sie im Dreistellungskampf Platz sechs belegt hat.

Karriereweg war programmiert

Als einzige Frau im deutschen Kleinkaliber-Team, obwohl Schießen doch eine der wenigen Sportarten ist, in der das Geschlecht kaum einen Unterschied macht. "In der Bundesliga haben wir deshalb auch gemischte Teams, weil wir die gleiche Leistungsfähigkeit haben", so die mehrfache Europameisterin mit der Mannschaft und Team-Weltmeisterin von 2018. Als Kind wollte sie eigentlich viel lieber Fußball spielen. Aber ihre Mutter war Schriftführerin im heimischen Schützenverein SV Lochtum - und Jolyns sportlicher Werdegang damit programmiert.

Kapitänin als Regenbogen-Botschafterin

Svenja Huth kickt seit 15 Jahren in der Bundesliga, hat mit dem VfL Wolfsburg gerade mal wieder das Double geschafft. Ihre dritte Meisterschaft und der dritte Pokal-Triumph nacheinander. Ihr strahlendes Lächeln im Gespräch mit dem NDR spricht Bände - es könnte kaum besser laufen für die Kapitänin des VfL, für den sie seit 2019 spielt. Die Kapitänsbinde in den Regenbogenfarben trägt sie mit Stolz und Bedacht, weil sie die Werte leben und vorleben will. Als Botschafterin, die auch Themen anspricht, "die nicht überall als normal gelten".

Vor der EM in England: Huth heiratet ihre Freundin

Noch vor der Europameisterschaft im Juli werde sie ihre Freundin heiraten, sagt Huth und lächelt voller Vorfreude, die ausnahmsweise mal nicht dem europäischen Fußballfest gilt, das in England schon jetzt für Gänsehaut-Feeling sorgt. Auch bei der 31-jährigen Huth, die sich mit dem deutschen Team beste Chancen ausrechnet.

Aufgeregt ist sie auf jeden Fall, freut sich auf "tolle Stadien, tolle Spiele - und überhaupt eine tolle EM". Mit ihrem Fan Nummer eins auf der Tribüne. Ihre frisch angetraute Ehefrau wird zu ausgewählten Spielen auf die Insel kommen. "Es macht mich unheimlich stolz und glücklich, einen solch starken Rückhalt zu haben."

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Beer: Die Ruhe selbst - mit Puls 1.000

Vielleicht wäre auch Jolyn Beer dabei, wenn sie das Schicksal damals in Person ihrer Mutter nicht zum Schießstand gelenkt hätte. Fußball spielt sie in der Bezirksliga noch immer, aber das betreibt sie, ebenso wie das Rennradfahren, mehr zum Ausgleich, damit der Puls am Schießstand möglichst unten bleibt. "Auszusehen wie die Ruhe selbst, dabei aber einen Puls von 1.000 zu haben, das fasziniert mich am Schießsport", hat die Sportsoldatin einmal gesagt.

Keine Angst, sich zu outen

Das alles aber scheint weit weg zu sein, wenn sie, Almas Kinderwagen schiebend, mit ihrer kleinen Familie nebst Hund über die Feldwege ihrer niedersächsischen Heimat zuckelt. Sie lebt, wie sie lebt - ohne Angst sich zu outen. Warum es anderen so schwerfällt, warum es von den 416 Athletinnen und Athleten bei Olympia in Tokio nur zwei getan haben und Männer offenbar ein größeres Problem damit haben als Frauen? "Eine superschwere Frage. Richtig erklären kann ich es auch nicht."

Beer und Huth sind zwei unter vielen Frauen im Sport, die sich als lesbisch oder bisexuell geoutet haben. Bei den meisten hat es kaum Aufmerksamkeit erregt, unter Athletinnen scheinen Akzeptanz und Toleranz ausgeprägter zu sein als bei männlichen Kollegen. Es wird kein großes Ding draus gemacht. "Bei Männern ist es noch immer ein sehr viel heikleres Thema", so Beer. "Leider."

Schwule Fußballer: Daniels und Hitzlsperger als Ausnahmen

Es mag an einem längst überholten Rollenbild liegen oder an Konventionen, die sich in Sportarten etabliert haben, in denen oberflächlich betrachtet nur Kraft, Mut und Stärke zählen. Gerade bei Fußballern, wo jeder Schritt auch außerhalb des Platzes verfolgt und bewertet wird. Der 17 Jahre alte Jake Daniels vom englischen Zweitligisten FC Blackpool hat sich kürzlich als schwul geoutet, als einziger aktiver Fußballprofi in Europa.

Im deutschen Profifußball bekannte sich bislang nur Thomas Hitzlsperger zu seiner Homosexualität. Der Ex-Nationalspieler wagte den Schritt erst nach seiner Karriere und fand damit national und international große Beachtung. Fast immer waren die Reaktionen positiv.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 29.05.2022 | 22:30 Uhr

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