Stand: 06.03.2017 05:00 Uhr

Fragwürdiges Sponsoring im Behindertensport

Sponsorengelder für Behindertensport kommen nicht immer dort an, wo sie am meisten gebraucht werden: bei den Sporttreibenden und ihren Verbänden. Das zeigt eine Recherche des ARD Hörfunks vor Beginn der nationalen Winterspiele der Special Olympics im hessischen Willingen am heutigen Montag, bei denen rund 700 Teilnehmer mit geistiger Behinderung antreten. Speziell in Hamburg, Baden-Württemberg und Hessen stieß das Team der ARD-Radio-Recherche Sport auf Strukturen, in denen der Löwenanteil der Sponsorengelder die dortigen Special-Olympics-Landesverbände gar nicht erreicht.

Alle drei Landesverbände arbeiten mit der externen Vermittlungsfirma Metatop GmbH aus Stuttgart zusammen. Diese wirbt per Telefonakquise bei Unternehmen Sponsorengelder ein. Nach Recherchen der ARD-Reporter flossen dabei jahrelang aber nur etwas mehr als ein Drittel der Beträge tatsächlich an die Landesverbände - der Rest verblieb bei der Firma Metatop. So landeten dort jahrelang Summen in unbekannter Höhe. Die Sponsoren erfuhren weder durch die Vermittlungsfirma noch durch die Special-Olympics-Landesverbände, dass das meiste Geld gar nicht im Behindertensport ankommt.

Ein Kugelstoßer tritt bei den Special Olympics in Hannover an. © dpa-Bildfunk Fotograf: Sebastian Gollnow

Umstrittener Umgang mit Sponsorengeldern

NDR Info - Aktuell -

Nachforschungen der "ARD-Radio-Recherche Sport" haben ergeben, dass viele Sponsorengelder für den Behindertensport nicht da ankommen, wo sie sollten - auch in Hamburg.

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"Froh um jeden Euro, der da kommt"

Auf ARD-Anfrage wollten oder konnten weder die drei betreffenden Landesverbände noch die Firma Metatop die Details aufklären. Erst auf wiederholte Nachfrage bestätigte der Präsident des Special-Olympics-Landesverbandes Baden-Württemberg, Harald Denecken, stellvertretend für alle drei Landesverbände, dass die in Frage stehende Verteilung der Gelder seit Jahren mit der Firma Metatop vertraglich vereinbart war. Aufgrund fehlender institutioneller Förderung und weitgehend ehrenamtlichen Strukturen sei man auf professionelle Unterstützung von außen angewiesen gewesen, so Denecken. "Mag sein, dass man bessere Verträge abschließen kann. Aber wenn man finanziell mit dem Rücken zur Wand steht, dann ist man um jeden Euro froh, der da kommt." Monatlich habe Metatop dem Special-Olympics-Landesverband Baden-Württemberg "zwischen 8.000 und 10.000 Euro" überwiesen.

Gut 60 Prozent der Sponsorengelder als Provision?

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Die nationalen Winterspiele der Special Olympics beginnen heute.

Die Metatop GmbH beantwortete die Frage, ob sie gut 60 Prozent der Sponsorengelder als Provision behalte, weder mit Ja noch mit Nein. In einer schriftlichen Erklärung heißt es dazu nur, man erhalte "einen prozentualen Anteil an den vermittelten Sponsoring-Verträgen". Für den Aufwand erfolgloser Akquise-Versuche dagegen müssten die Special-Olympics-Landesverbände der Firma nichts bezahlen. Das unternehmerische Risiko liege somit zu 100 Prozent bei der Metatop GmbH. "Für diese Verbände wäre es wohl unvorteilhaft bzw. mit zu hohem Risiko verbunden, die Leistungen, die wir erbringen, aus eigenen Mitteln und mit internem Personal zu finanzieren", heißt es in der schriftlichen Antwort der Firma weiter.

Deutliche Kritik kommt vom führenden Deutschen Fundraising Verband. Dessen Geschäftsführer Arne Peper bezeichnet die Verteilung der Sponsorengelder in den vorliegenden Fällen als "sehr problematisch" und "nicht nachvollziehbar". Nach den ethischen Richtlinien des Verbandes sollte der Anteil, den eine Vermittlungsagentur für sämtliche Dienstleistungen für sich behält, 25 Prozent nicht überschreiten.

Thema "Ethik" nicht ausreichend diskutiert

Innerhalb der Special-Olympics-Bewegung gibt es bereits erste Konsequenzen infolge der ARD-Recherche. Diese förderte auch zutage, dass in Österreich gegen Metatop staatsanwaltlich ermittelt wird. Der deutsche Dachverband Special Olympics Deutschland (SOD) untersucht nun laut seinem Geschäftsführer Sven Albrecht die Zusammenarbeit der Landesverbände in Baden-Württemberg, Hamburg und Hessen mit der Firma. Man habe das Thema "Ethik" mit den Landesverbänden nicht ausreichend diskutiert und wolle dies nun ausbauen, sagt Albrecht selbstkritisch. Darüber hinaus werde man festgelegte Standards bei der Finanzakquise einführen.

Auf Sponsoring angewiesen

Zahlen zu Hamburg

In Hamburg leben rund 133.000 Menschen mit Behinderung. Etwa 6.000 Sportler nehmen in der Hansestadt die Angebote von Special Olympics Hamburg wahr. Für 2016 hatte Special Olympics ein Budget von 73.000 Euro. Der Hamburger Landesverband bekommt keine dauerhafte Förderung durch den Staat, öffentliche Gelder gibt es nur projektbezogen.

Die Special-Olympics-Bewegung ist die weltweit größte, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannte Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Ihr Fokus liegt auf dem Breitensport, neben nationalen Wettkämpfen werden regelmäßig internationale Sommer- und Winterspiele ausgetragen. Die rund 40.000 Sportlerinnen und Sportler in Deutschland werden vom Bundesverband Special Olympics Deutschland und seinen Landesverbänden vertreten. Anders als der Deutsche Behindertensportverband und dessen Landesverbände, die schwerpunktmäßig für körperbehinderte Athleten und deren paralympische Sportarten zuständig sind, werden die Special-Olympics-Verbände in Deutschland von der öffentlichen Hand nicht flächendeckend und kontinuierlich gefördert und sind in besonderer Weise auf Sponsoring angewiesen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 06.03.2017 | 06:50 Uhr

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