Stand: 12.03.2017 23:23 Uhr

DDR-Leistungssport: Kindheit unter Qualen

von Henning Strüber, NDR.de

"Ich bin gerade in tagesstationärer Therapie wegen Depressionen. Habe Rückenschmerzen. Mir tun die Hüften weh. Ich glaube nicht, dass das altersentsprechend ist." Manuela Renk ist heute 43 Jahre alt. Zu DDR-Zeiten war sie Leistungssportlerin, galt als eine der talentiertesten Sportgymnastinnen. Wie viele andere Nachwuchssportlerinnen träumte sie von einer erfolgreichen Karriere mit olympischen Medaillen. Nur wenige schafften es. Doch sie zahlten einen hohen Preis.

Die DDR-Nationalmannschaft der Rhythmischen Sportgymnastinnen mit Manuela Renk (2.v.l.) © Ludenia Fotograf: Ludenia

Sportclub Story: Kindheit unter Qualen

Sportclub -

Rund 1.000 ehemalige DDR-Leistungssportler haben mit den Spätfolgen von übermäßigem Training, Medikamenten und Doping zu kämpfen. Für ihren Medaillen-Traum bezahlten sie einen hohen Preis.

4,56 bei 48 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Rund 1.000 Ex-Sportler leiden unter Spätfolgen

Noch Jahrzehnte nach ihrer aktiven Zeit haben die Sportler mit den Spätfolgen von übermäßigem Training, Medikamenten und Doping zu kämpfen. Auch psychisches Leid haben viele erlitten: "Was ich völlig unterschätzt habe war, in welchem Umfang gerade Sportlerinnen und Sportler, die sehr früh begonnen haben, Opfer von massiver verbaler sexualisierter und anderer Formen von Gewalt geworden sind", sagt Prof. Dr. Harald Freyberger von der Forschungsgruppe DDR-Sportgeschädigte an der Universität Greifswald. Nach Schätzungen sind 1.000 ehemalige DDR-Leistungssportler betroffen. Die genaue Zahl ist unbekannt. Denn die meisten wollen oder können nicht darüber sprechen, "weil sie entmutigt sind durch öffentlichen Druck oder durch ihre Diktatur-Erfahrungen", so Freyberger. Er geht davon aus, dass bei rund 30 Prozent schwerere psychische Störungen vorliegen. "Wir werden sicher noch 30 Jahre mit diesem Thema zu tun haben. Und es wird im Alterungsprozess der Sportler an Intensität zunehmen."

Viermal Training am Tag

Bildergalerie
20 Bilder

DDR-Leistungssport: Kraftlos aus der Kindheit

Manuela Renk und Susann Scheller waren zu DDR-Zeiten Hoffnungsträgerinnen in der Rhythmischen Sportgymnastik. Sie erlebten einen langen Leidensweg. Bildergalerie

Manuela Renk und ihre Nationalmannschaftskollegin Susann Scheller haben ihr Schweigen gebrochen. "Sicherlich gab es auch schöne Zeiten, aber es war schon eher so, dass das Schlimme überwogen hat", sagt Manuela Renk, wenn sie an ihre aktive Zeit zurückdenkt. In der Sportgymnastik beginnt das Leistungssport-Training für die talentiertesten Mädchen mit neun Jahren. Für ihren Traum verlassen die Mädchen das Elternhaus. Ab der vierten Klasse trainieren sie beim Sportclub Chemie Halle. Die Gymnastinnen sind die jüngsten im Internat in Halle-Neustadt. Der Alltag im DDR-Leistungssport ist streng geregelt. Regelmäßig fahren sie nach Zinnowitz auf Usedom. In der abgeschotteten Sportschule trainieren sie bis zu sechs Wochen am Stück - bis zu viermal pro Tag. Die Sportler sollen die Überlegenheit des Sozialismus demonstrieren. Die Mädchen müssen Medikamente und Vitaminpräparate einnehmen - zur Leistungssteigerung im DDR-Spitzensport normal.

Hungerkuren, Essverbote, Tabletten

Manuela Renk erinnert sich an Hungerkuren, Esskontrolle, Essverbote, Tabletten, Bestrahlungen und Spritzenkuren - und umfangreiches Intensivtraining. "Montags gab es nur Reis den ganzen Tag. Nicht durchgekocht und ungesalzen. Man ist fast daran erstickt. Drei Löffel, dann hatte ich die Schnauze voll." Trotz sportlicher Erfolge - 1989 wird sie DDR-Meisterin mit dem Band - geht es Manuela Renk nicht gut. "Ich hatte Übergewicht. War immer zu schwer und zu fett. Ich glaube, ich habe keine 50 Kilo gewogen. Es war trotzdem zu viel. 'Du bist zu fett'", hieß es dann. Die Gewichtstabellen in der Halle und der ständige Gang auf die Waage setzen sie zusätzlich unter Druck.

"Zinnowitz ist Schmerz"

"Zinnowitz ist Schmerz, ein einziger Schmerz", sagt auch Susann Scheller: "Langes und hartes Training. Kein Luftholen. Schmerzen." Dagegen bekommen die Nachwuchsathleten Mittel. Manuela Renk erinnert sich: Beim Frühstück stand neben dem großen Teller ein kleiner, auf dem bunte Tabletten lagen. "Vier oder fünf Stück. Die Trainer haben gesagt, das sind Vitamine. Und für uns waren das Vertrauenspersonen. Wir haben das geglaubt und haben das genommen." Laut Freyberger keine Einzelfälle: "Viele dieser früh in den Sport gehenden Menschen sind mit Schmerzmitteln behandelt worden - und zwar in abenteuerlichen Dosierungen." Die Kader-Athleten bekamen häufig Mix-Getränke, in die "allerlei Substanzen hineingemixt waren", so Freyberger. Die Kehrseite der Medikamentengabe: sogenannte Rebound-Phänomene - eine verstärkte Schmerzwahrnehmung im späteren Lebensalter.

Kein Doping in der Sportgymnastik?

Bild vergrößern
Eckhard Pavel war in Zinnowitz Leiter des Medizinischen Dienstes.

In der DDR wird in allen olympischen Sportarten mit leistungssteigernden Mitteln gearbeitet. Lediglich in den Disziplinen Segeln und Rhythmische Sportgymnastik soll es keinen Einsatz von anabolen Steroiden gegeben haben. Dokumente bestätigen, dass auch Gymnastinnen vor der Ausreise zu Wettkämpfen auf anabole Steroide getestet wurden - eine interne Kontrolle, um das Doping-System im DDR-Leistungssport zu schützen. In den Ausreise-Protokollen aus Zinnowitz findet sich immer wieder eine Unterschrift: Beauftragter für die Doping-Kontrolle Eckhard Pavel. Pavel leitete den Medizinischen Dienst an der Sportschule Zinnowitz. "Ich weiß nicht, was vorher lief, aber die Rhythmische Sportgymnastik ist aus meiner Sicht - und dazu stehe ich auch - eine dopingfreie Sportart", sagt Pavel. Manuela Renk bezweifeltelt das: "Ich glaube nicht, dass wir nichts bekommen haben. Sonst hätten wir diesen Trainingsumfang nicht durchgestanden."

Spritzen und Blutbestrahlung

Die Athletinnen bekommen in Zinnowitz auch Spritzen verabreicht. "Was genau das war, weiß ich nicht. Es hieß Vitamine. Es waren drei verschiedene Sachen, die mir in den Arm gespritzt wurden", erinnert sich Manuela Renk. Die DDR-Sportmedizin nutzt ein eigenes Blutbestrahlungsgerät. Den Sportlern wird dabei Blut entnommen, mit UV-Licht bestrahlt und zusammen mit Vitaminpräparaten in den Körper zurückgespritzt. "Wir haben es eigentlich zur Infektabwehr benutzt", sagt Pavel. "Die Abwehrkräfte sollen unter UV-Blutbestrahlung gestärkt werden. Die Mädels mit einer dicken Kanüle zu pieksen, wäre unverantwortlich gewesen. Da gab es auch gar keinen Grund dafür. Leistungssteigerung gäbe es eh nicht", so Pavel. Susann Scheller fühlt sich nach den Behandlungen fitter. "Ich bin zum Wettkampf gefahren. Aber ich wusste, das kann ja nicht sein. Ein Infekt kommt und bleibt und geht. Ich aber war früher wieder fit."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 12.03.2017 | 23:35 Uhr

Mehr Sport

05:11

Holstein Kiel vor dem Saisonstart

26.07.2017 18:00 Uhr
Schleswig-Holstein 18:00
01:33
01:28

"Die Jungs haben richtig Bock, Gas zu geben"

26.07.2017 16:52 Uhr
NDR Fernsehen