VIDEO: Blin und Ali vor dem Kampf (1 Min)

Blin: Adrenalin pur im Kampf gegen Ali

Stand: 26.12.2020 10:20 Uhr

Er kam von ganz unten und durfte gegen den "Größten" kämpfen. Das Hamburger Boxidol Jürgen Blin forderte am 26. Dezember 1971 den mächtigen Muhammad Ali heraus. Sieben Runden hielt er durch.

von Bettina Lenner, Andreas Tietje und Tim Tonder

Es steht nicht gerade zum Besten um Jürgen Blins Boxkarriere, als das Angebot seines Lebens ins Haus flattert. Zweimal hat er um die EM im Schwergewicht geboxt, beide Male hat er denkbar unglücklich verloren. Im Juni 1970 hatte er als krasser Außenseiter vor 20.000 Zuschauern in Barcelona den K.o.-König José Manuel "Urtain" Ibar gefordert - und den Basken, dem dennoch ein äußerst zweifelhafter Punktsieg zugesprochen wurde, über 15 Runden entzaubert. Ein Jahr später dominierte Blin in London auch den Kampf gegen den neuen Europameister Joe Bugner - und unterlag auf fremdem Terrain erneut knapp nach Punkten. Am 26. Dezember 1971 folgt in Zürich schließlich der Kampf, den Blin nicht als seinen wichtigsten einstuft; der ihn aber aus der Frustration reißt und berühmt macht.

Mehr harter Arbeiter denn Weltklasseboxer

Blin tritt gegen Muhammad Ali an. Der Amerikaner hat wenige Monate zuvor gegen Joe Frazier verloren und muss wieder für einen WM-Kampf aufgebaut werden. Blin, der in Europa einigermaßen bekannt ist, Ali aber nicht wirklich gefährlich werden kann, ist ein geeigneter Kandidat. "Das war schon eine Überraschung. Das kann man nicht beschreiben, das war eine Riesensache. Ali war eine Ikone. Aber ich war keiner, der zurückschreckt", erzählt Blin dem NDR Sportclub.

Im Ring versteckt sich der flinke Deutsche nicht, teilt Schläge aus und zeigt keinerlei Angst. "Das war Adrenalin pur", beschreibt er: "Ich bin mit der Einstellung in den Kampf gegangen, gib' Gas und mach' Feuer, vielleicht triffst Du ihn hart. Angriff ist die beste Verteidigung." Dennoch ist der deutscher Meister im Schwergewicht von 1968, immer mehr harter Arbeiter denn ein Weltklasseboxer, Ali boxerisch und körperlich klar unterlegen. In der siebten Runde folgt der erste Knock-out seiner Karriere. "Ich bin ein zu hohes Tempo gegangen, war ausgehöhlt. Wenn ich ruhiger geboxt hätte, wäre es eventuell länger gegangen. Aber was soll's. Sieben Runden steht nicht jeder gegen Ali, der hat seine Gegner meistens in der zweiten oder dritten Runde ausgeknockt", schildert Blin.

"Der Traum, ihn zu schlagen, bestand nicht"

Enttäuscht über die Niederlage und den Niederschlag ist der Hamburger nicht: "Das war mehr Erlösung, schätze ich. Denn der Traum, ihn zu schlagen, bestand nicht. Ich wusste genau, dass ich keine Chance habe", erklärt er: "Er war größer, schwerer und hatte die bessere Technik. Aber ich wollte ihn unbedingt boxen." Während "The Greatest" seine sagenhafte Legende fortschreibt, erfreut sich Blin an seinen Erinnerungen und seiner größten Kampfbörse von 180.000 Mark: "Das war viel Geld damals und schon wieder ein halbes Haus", sagt er. Am nächsten Tag arbeitet er wieder als Schlachter im eigenen Geschäft: "Ich war ja Halbprofi, hatte vor wichtigen Kämpfen vier Wochen unbezahlten Urlaub. Aber wenn ich Freitag oder Sonnabend geboxt habe, war ich Montag wieder auf Arbeit und habe da meine Würstchen fabriziert."

Enormes Stehvermögen und unbedingter Wille

Boxer Jürgen Blin 1971 © Witters
Wild entschlossen: Jürgen Blin 1971.

Enormes Stehvermögen und unbedingter Wille sind die Qualitäten, die Blin auszeichnen. Heute würde der Linksausleger mit seinem Kampfgewicht von 85 Kilo im Cruisergewicht eingeordnet. Doch dank seines mutigen Kämpferherzes und seiner großartigen Moral feiert er trotz körperlicher Unterlegenheit und damit einhergehender fehlender Schlaghärte auch im Schwergewicht internationale Erfolge. So gewinnt das Hamburger Boxidol im Juni 1972 in seinem "größten Kampf" (O-Ton Blin) gegen Urtain im dritten Anlauf doch noch den Europameisterschafts-Titel. "Ich war nie ein Talent, musste immer hart arbeiten. Ich wollte mit Gewalt raus aus dem Dreck", sagt er.

Mit 14 von zu Hause weg

Dreck, damit meint der auf Fehmarn geborene Blin sein Elternhaus. Sein Vater war Melker und schwer alkoholkrank, die Familie musste deshalb häufig umziehen. Der Sohn erhält Prügel, muss morgens die Kühe versorgen. In der Schule wird er von den immer wieder neuen Klassenkameraden gemobbt. Mit 14 läuft er von zu Hause weg, heuert auf einem Schiff an. "Ich habe es nicht mehr ausgehalten, wollte nur weg von zu Hause. Ich habe als Schiffsjunge mit 100 Mark im Monat angefangen", erzählt er und beteuert: "Ich will nie wieder unter 15 sein. Es ist sehr schwer, alles selber zu machen, ich habe viel Lehrgeld bezahlt. Wenn ich über Bord gegangen wäre, hätte kein Hahn danach gekräht."

Zurück in Hamburg bekommt er bei einem Fleischermeister eine Lehrstelle und Unterkunft. Für Blin ein Wink des Schicksals: Gegenüber der Fleischerei ist eine Boxhalle. Dort investiert er seine ganze Energie, seinen ganzen Ehrgeiz. 1964 wird er deutscher Amateurmeister im Schwergewicht und wechselt ins Profilager. "Ich habe die ganze Welt gesehen durch das Boxen. Mit meinem Beruf als Fleischer hätte ich das nicht geschafft", sagt er.

Rückschläge nach der Karriere

1973, mit Anfang 30, beendet Jürgen Blin seine Boxkarriere. Acht Jahre Schwergewicht haben Spuren hinterlassen. Ein zerfurchtes Gesicht, eine lädierte Nase. Vor allem "aber auch Dankbarkeit", betont Blin. Rückschläge muss er dennoch verkraften. Viel Geld hat Blin während seiner aktiven Zeit verdient, zwischenzeitlich besitzt er in Hamburg sechs Imbissbuden. Doch durch eine Bürgschaft für die geschäftlichen Aktivitäten zweier seiner drei Söhne verliert er sein hart verdientes Vermögen auf einen Schlag.

Weitere Informationen
Jürgen Blin (r.) und Sohn Knut © privat

Knut Blin: Kampf auf verlorenem Posten

Knut Blin war ebenfalls Profiboxer. "Er war der kommende Weltmeister", sagt Jürgen Blin. Doch Knut Blin ist psychisch krank, 2004 nimmt er sich das Leben. Blin über seinen Sohn: mehr

Schließlich folgt der größte Tiefschlag: Blins Sohn Knut, ebenfalls ein Profiboxer, der 1990 die Internationale Deutsche Meisterschaft gewann, stürzt sich 2004 aus dem zwölften Stock einer psychiatrischen Klinik am Bodensee in den Tod. "Manische Depression. Wir konnten ihm nicht helfen", sagt Blin, der seinem Sohn das Talent zubilligt, das ihm selbst gefehlt habe: "Der Knut wäre ein richtig Guter geworden."

Mit 75 "fit wie mit 30"

Finanzielle Sorgen hat Blin dank einiger Geldanlagen nicht. Er komme gut zurecht, sagt der ehemalige Berufsboxer, der während und nach seiner Karriere stets skandalfrei blieb, dem NDR 2011. An seinem 75. Geburtstag im April 2018 berichtet er der Tageszeitung "Die Welt", es gehe ihm "richtig gut. Ich fühle mich noch fit wie mit 30. Ich jogge regelmäßig, mache Krafttraining und trainiere zweimal täglich einen Schwergewichtler."

Zu Muhammad Ali, der 2016 starb, hatte er nach dem Kampf unregelmäßigen Kontakt. "Ab und zu haben wir uns nochmal gesehen. Aber dann nicht mehr, weil er an Parkinson leidet und so krank ist", erzählt Blin 2011 und erinnert sich: "Im Vorfeld war er eiskalt und machte seine Späßchen. Aber nach dem Kampf war das okay. Er war schon sehr sportlich, muss ich sagen, auch während des Kampfes. Er ist für immer eine Ikone."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 07.08.2011 | 23:30 Uhr