Stand: 31.03.2019 13:30 Uhr

Bert Trautmann: Vom Feind zur Fußball-Legende

von Andreas Bellinger

Verhasst, verehrt und unvergessen: Bernhard Carl Trautmann, den sie auf der Insel Bert tauften, war nicht nur ein begnadeter Torhüter bei Manchester City. Mit seiner freundlichen und bescheidenen Art erwarb sich der gebürtige Bremer nach dem Krieg große Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschland und Großbritannien. 

Rumms! In dieser 75. Minute hätte alles vorbei sein können. Den 100.000 Zuschauern im Wembley-Stadion stockte der Atem. Ärzte und Sanitäter rannten auf den Platz, wo Bert Trautmann regungslos im Strafraum lag. Getroffen vom Knie eines Gegenspielers. Rumms habe es gemacht - an mehr konnte sich der deutsche Schlussmann im Tor von Manchester City nicht erinnern. Wie in Trance rettete er danach noch den 3:1-Pokalsieg gegen Birmingham City. Was an diesem 5. Mai 1956 niemand ahnte: Trautmann riskierte Kopf und Kragen, denn er hatte sich bei dem Crash mit Peter Murphy das Genick gebrochen.

"Ich wollte doch weiterleben"

"Ich fing den Ball ab, dann prallten zwei Gewalten aufeinander, und irgendwie war ich  bewusstlos", beschreibt Trautmann dem NDR Sportclub eher nüchtern diesen Zwischenfall, bei dem sein Leben am seidenen Faden hing. Eine dramatische Episode aus dem jüngst fürs Kino verfilmten Leben des in Bremen geborenen Kriegsgefangenen, der erst verachtet, dann verehrt und schließlich zum unvergessenen Freund seiner "Feinde" wurde. "Wenn ich damals gewusst hätte, wie schwer meine Verletzung war, ich wäre sofort rausgegangen. Ich wollte doch weiterleben." 

Bert-Trautmann-Platz in Bremen

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Trautmann wurde zu Englands "Fußballer des Jahres" gekürt.

Der am 22. Oktober 1923 im Bremer Arbeiterviertel Walle geborene Trautmann fand sein Glück auf der Insel. Als erster Deutscher wurde er im Jahr des Pokalsiegs zu Englands "Fußballer des Jahres" gekürt. Sportlicher Ruhm und Ehre blieben ihm in der Heimat dagegen versagt. Obwohl er als einer der besten Torhüter der Welt galt, durfte er nicht mit zur Weltmeisterschaft 1954. Sepp Herberger wollte keine Legionäre im Team. Das "Wunder von Bern" fand ohne Trautmann statt. Einen Platz in den Geschichtsbüchern hat der am 19. Juli 2013 im Alter von 89 Jahren gestorbene "Bremer Jung" in seiner Heimatstadt dennoch: Nur wenige Meter entfernt von dem Haus im Stadtteil Gröpelingen, in dem er bis 1941 gelebt hat, wurde 2014 der Bert-Trautmann-Platz eingeweiht.

Der Krieg öffnet ihm die Augen

Die Schule hatte Trautmann mit 14 geschmissen, eine Ausbildung zum Automechaniker begonnen und sich als 17-Jähriger freiwillig zur Luftwaffe gemeldet. "Viel hat er von damals nicht erzählt", sagte seine (dritte) Ehefrau, Marlis Trautmann, dem NDR: "Dass er in der Hitlerjugend und auch begeistert war. Und dass sich im Krieg das Ganze total geändert hat." Trautmann war dabei, als die Bomber Angriffe auf England flogen. An der Westfront wurde er schwer verwundet und kam 1944 in britische Gefangenschaft.

Ein "Kraut" im City-Tor?

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Talent im Tor: Bert Trautmann.

Im Kriegsgefangenenlager Camp 50 in Ashton-in-Makerfield wurde auch gekickt. Als sich der Torwart verletzte, musste Trautmann zwischen die Pfosten und machte seine Sache so gut, dass er schon bald im Tor des benachbarten St. Helens Town AFC stand. Doch der große Blonde aus dem verhassten Nazi-Deutschland trieb einen Keil zwischen die Mitglieder und Anhänger des Vereins aus der englischen Provinz. Seine außergewöhnliche Begabung, vor allem aber sein bescheidenes Auftreten und freundliches Wesen halfen zwar gegen die Ressentiments. "Traut the Kraut" erfuhr aber auch bei seinem Wechsel 1949 zu Manchester City Ablehnung und Anfeindungen. Und das nicht nur, weil er dem beliebten Nationaltorhüter Frank Swift folgte.

Rabbiner ebnet den Weg

Ein "Kraut" im City-Tor? Die Fans machten mobil und demonstrierten zu Tausenden gegen den Deutschen, dessen Namen, Bernd, sie nicht aussprechen konnten und deshalb in Bert änderten. "20, 25, 30.000 Leute sind auf die Straße gegangen und haben gedroht: Wenn City diesen Kriegsverbrecher unter Vertrag nimmt, boykottieren wir den Verein", erinnerte sich Trautmann im Jahr 2000 im Gespräch mit dem NDR. Aber der Keeper war gut, sehr gut sogar. Der entscheidende Impuls jedoch kam vom Rabbiner der Stadt, der sich für den jungen Deutschen stark machte. "Lasst ihn spielen, dann werden wir sehen, ob er ein guter Kerl ist", appellierte Alexander Altmann.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 31.03.2019 | 23:35 Uhr