Stand: 03.09.2020 15:50 Uhr

FC St. Pauli: Feuer und Freude statt Frust

von Sebastian Rieck

Zehn Tage Trainingslager im emsländischen Herzlake liegen hinter Fußball-Zweitligist FC St. Pauli. Und es war ein Trainingslager, wie es das von der Stimmung und vom Teamgeist her lange nicht bei den Hamburgern gegeben hat. Der neue Trainer Timo Schultz hat es geschafft, in einem Haufen gefrusteter Spieler aus der Vorsaison wieder das Feuer und die Freude zu entfachen. Die Situation unter Vorgänger Jos Luhukay spielt nur insofern noch eine Rolle, als dass die Profis das Hier und Jetzt viel mehr zu schätzen wissen. Der Zwist mit dem ehemaligen Chef ist abgehakt. "Das ist ein verbotener Name, wie bei Harry Potter", scherzte Mittelfeldspieler Marvin Knoll.

So viele Zugänge wie lange nicht

Zum Neuanfang trägt auch die hohe Zahl an Zugängen bei. Gleich acht neue Profis tragen nun das St.-Pauli-Trikot, so viele wie lange nicht. Jugend, Entwicklungsfähigkeit und viel Lust auf Fußball sind die Kernkriterien bei der Verpflichtung gewesen. Und sie alle mussten durch das Ritual, das alle Neuen bei den Kiezkickern erwartet: ein Lied vor der Mannschaft singen. Vor allem Daniel-Kofi Kyereh bewies mit "Stand by me", dass er mehr kann als Tore schießen.

Makienok noch schwer einzuschätzen

Trainer Schultz musste seine Planung umstellen. Eigentlich sollten Offensive und Torgefahr der Schwerpunkt des Trainingslagers sein. Dann aber fehlten zwei seiner Stürmer angeschlagen und Henk Veerman verließ am dritten Tag des Trainingslagers den Verein in Richtung Heimat.

 

Fortan kickt er wieder beim SC Heerenveen. Doch nur zwei Tage später traf Simon Makienok als sein Nachfolger ein. Mit 2,01m genauso groß wie Veerman, aber von Kopf bis Fuß tätowiert, inklusive Totenkopf auf dem Oberarm - "der steht ab jetzt für St. Pauli", erklärte er.

Fußballerisch ist der Däne noch schwer einzuschätzen. "Groß, athletisch und kopfballstark, eine Vollmaschine", schwärmt Schultz. Makienok, der im Sommer an Corona erkrankt war, hat aber noch Trainingsrückstand und konnte im Trainingslager seine Qualitäten nicht vollumfänglich zeigen. Am Sonntag soll er im Testspiel zum Einsatz kommen.

Etablierte Kräfte die Gewinner der Vorbereitung

Zum Ende eines Trainingslagers gibt es in der Regel zwei Dinge zu klären: Gewinner und Verlierer der Vorbereitung sowie die Frage, ob der Club für die Saison gewappnet ist.

Weitere Informationen

Sommerfahrplan FC St. Pauli

Trainingslager in Niedersachsen und unter anderem ein Testspiel gegen Werder Bremen: So bereitet sich Zweitligist FC St. Pauli auf die neue Saison vor. mehr

Zur ersten Frage: Gewinner sind nicht in erster Linie die Neuzugänge. Keiner von ihnen machte in den zehn Tagen den Eindruck, als würde er allein St. Pauli auf ein komplett neues Level heben. Lukas Daschner, Afeez Aremu, Max Dittgen und Kofi Kyereh deuteten zwar mehrfach ihr Potenzial an. Wirkliche Gewinner der Vorbereitung sind aber eher die etablierten Akteure.

Philipp Ziereis, der nach ewig langer Verletzungspause wieder voll dabei ist und bei dem es sehr überraschen würde, wenn ihm nicht die Rolle des Abwehrchefs zufallen würde. Auch Christopher Avevor ist nach seinem Wadenbeinbruch vor einem Jahr wieder eine feste Größe in der Innenverteidigung und Marvin Knoll hat nach einer Saison, in der er überall mal ein bisschen aber meistens gar nicht spielen durfte, wieder Feuer und eine Perspektive. Alle drei wurden vom gesamten Team in den Spielerrat gewählt, gemeinsam mit Robin Himmelmann und Daniel Buballa.

Offensiv noch viel Luft nach oben

Und am Ende die Antwort auf die wichtigste Frage: Defensiv ist St. Pauli jetzt schon sehr gut dabei. Die Abläufe sind bereits eingespielt und es ist zu merken, dass da mit den erwähnten etablierten Spielern viel Qualität und Erfahrung ist. Offensiv sieht es schlechter aus. "Torgefahr" steht bei Schultz noch in der Zeit bis zum Saisonstart ganz oben auf dem Zettel. Kann Makienok die Lücke schließen, die Veerman hinterlässt? Einfach wird das nicht, schließlich wird bei der ganzen Diskussion oft vergessen, dass auch der Abgang von Dimitrios Diamantakos kompensiert werden muss. Beide Stürmer hatten in der vergangenen Saison zweistellig getroffen. Das war bei St. Pauli seit über zehn Jahren keinem Sturmduo mehr gelungen.

In eineinhalb Wochen startet die Saison mit dem DFB-Pokal im saarländischen Elversberg. Zum Liga-Auftakt muss St. Pauli beim VfL Bochum antreten.

Weitere Informationen
Torwart Dejan Stojanovic vom FC St. Pauli © Witters

Zu- und Abgänge der Zweitliga-Nordclubs

Alle Zu- und Abgänge der sechs norddeutschen Fußball-Zweitligisten HSV, Hannover 96, Holstein Kiel, VfL Osnabrück, FC St. Pauli und Eintracht Braunschweig in der Saison 2020/2021. mehr

Trainer Timo Schultz erklärt den Profis des FC St. Pauli eine Übungseinheit. © Witters

FC St. Pauli: Umbruch mit viel Potenzial

Nach der enttäuschenden Saison vollzieht Fußball-Zweitligist FC St. Pauli einen radikalen Umbruch und verjüngt sich nahezu in allen Bereichen. Der Kader birgt viel Überraschungs-Potenzial. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 03.09.2020 | 19:30 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/sport/fussball/Zweite-Bundesliga-FC-St-Pauli,pauli6196.html

Mehr Fußball-Meldungen

Die ehemalige Bundesliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Sven Hoppe

Steinhaus-Webb offenbar Kandidatin für DFB-Doppelspitze

Die frühere Bundesliga-Schiedsrichterin aus Hannover soll Medien zufolge Wunschkandidatin sein. Ex-Profi Jimmy Hartwig machte indes einen Rückzieher. mehr

Fußball im Netz © Mikael Damkier

NDR Fußball-Tippspiel wird eingestellt

Das NDR Tippspiel wird nach der Saison 2020/2021 nicht fortgesetzt. Vielen Dank fürs Mittippen und die jahrelange Treue! mehr