Mein 2020: Timo Hübers - Das Stehaufmännchen von Hannover 96

Stand: 25.12.2020 10:00 Uhr

Timo Hübers hat in seiner Karriere viel Verletzungspech gehabt. Der Verteidiger von Hannover 96 war zudem der erste deutsche Fußball-Profi, der sich mit Corona infizierte. Demut ist daher für ihn mehr als nur ein Wort.

von Hanno Bode, Ben Wozny und Ole Zeisler

Wie es ist, von einem Moment auf den anderen mental in ein tiefes Loch zu fallen, diese Erfahrung hat Hübers mit seinen gerade einmal 24 Jahren schon oft machen müssen. In der Krankenakte des Defensivspezialisten stehen unter anderem eine Schambeinentzündung aus Zeiten beim 1. FC Köln (2015 bis 2016), zwei Kreuzbandrisse sowie andere kleinere Wehwehchen. Stets kämpfte sich der aus dem niedersächsischen Örtchen Diekholzen bei Hildesheim stammende Fußball-Profi mit ebenso bemerkenswerter Disziplin wie Zuversicht zurück.

Erster deutscher Profi mit Corona-Infektion

Im März dieses Jahres ereilte Hübers der nächste Schicksalsschlag. Diesmal war es aber keine Verletzung, die den Blondschopf zum Aussetzen zwang, sondern ein Virus, das sich zu diesem Zeitpunkt zusehends auf der ganzen Welt ausbreitete. Hübers war der erste deutsche Profifußballer mit einem positiven SARS-CoV-2-Befund. Viel war über Corona damals noch nicht bekannt. Wohl aber, dass der Krankheitserreger eine furchtbare Atemwegserkrankung (Covid-19) auslösen kann, an der im Ursprungsland China viele Menschen qualvoll gestorben waren.

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Timo Hübers von Hannover 96 © imago images/Noah Wedel

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Hübers musste nun also nicht wie bei seinen Kreuzbandrissen um die Fortsetzung seiner Karriere, sondern sogar um sein Leben bangen - zumindest unmittelbar nach dem positiven Testergebnis.

"Es war irgendwie surreal"

"Das war damals irgendwie surreal, schwer zu begreifen. Man hatte schon viel gehört, dass in China ein Virus kursiert. Aber das war noch so weit weg, es gab nur vereinzelt Fälle in Europa. Ich war ja einer der Ersten, die hier in der Region und Deutschland infiziert waren. Von daher war so ein bisschen Ungewissheit dabei, ob es jetzt wirklich so schlimm ist, wie es suggeriert wird", sagte der 96-Verteidiger dem NDR.

Der gerade noch gefeierte 24-Jährige musste sich rund eine Woche nach seinem ersten Profi-Tor beim 3:0-Sieg der "Roten" in Nürnberg in eine 14-tägige Quarantäne begeben: von Himmelhoch jauchzend, zu zu Tode betrübt.

96-Verteidiger weitgehend symptomlos

Als "krass langweilig" beschreibt Hübers diese Zeit in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung, die er unter anderem damit verbrachte, seine vier Wände "bis aufs Äußerste zu putzen". Dass er die Energie zum Großreinemachen hatte, war ein sehr gutes Zeichen. Denn das Virus schwächte ihn nicht sonderlich. "Letztendlich war es dann bei mir ein deutlich unspektakulärerer Krankheitsverlauf, als ich es erwartet hatte", erklärte Hannovers Eigengewächs, das mit einjähriger Unterbrechung seit 2008 im Verein ist. Obgleich er nahezu symptomlos blieb, war das mediale Interesse an Hübers ("Den Titel als erster deutscher Corona-Profi werde ich nicht mehr los") riesengroß.

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Timo Hübers von Hannover 96 © imago images/Noah Wedel

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Es sagt viel über den Charakter des bescheidenen und bodenständigen Abwehrspielers aus, dass er mit einer Ausnahme alle Anfragen ablehnte. "Ich habe dann ein vereinsinternes Interview gegeben, weil ich nicht überdramatisieren wollte oder jedem noch mal eine neue Sensationsnachricht übermitteln wollte", erklärte der 24-Jährige. Er habe sich seinerzeit ohnehin das Ziel gesetzt, "von diesem Corona-Image loszukommen". Er wünschte sich, nicht nur als "Corona-Fußballer", sondern auch "als guter Innenverteidiger von Hannover 96" wahrgenommen zu werden.

"Braucht man den Fußball jetzt unbedingt?"

Dass er Letzteres ist, zeigte der 24-Jährige nach dem Re-Start im Profifußball eindrucksvoll. Er war bei Coach Kenan Kocak gesetzt und trug mit konstant ansprechenden Leistungen dazu bei, dass die Niedersachsen eine lange Zeit unbefriedigende Saison noch auf Rang sechs abschlossen. Hübers war "riesig froh", wieder auf dem Platz zu stehen und seinem Beruf nachgehen zu dürfen. Aber der Verteidiger, der den Profifußball bereits vor Corona-Zeiten einmal als "Blase" beschrieben hatte, macht sich auch viele Gedanken darüber, ob es im Gesamtkontext der Krise richtig ist, dass der Fußball eine "Sonderrolle" einnimmt: "Da fragt man sich natürlich: 'Braucht man den Fußball jetzt unbedingt, wenn Schulen, Kindergärten und Restaurants schließen müssen und die Leute um ihre Existenz kämpfen?'"

Hübers hat sich bereits zweites Standbein geschaffen

Hübers geht jeden Tag mit dem Wissen zur Arbeit, den Traum vieler, vieler Menschen leben zu dürfen. Fußball-Profi sei "ein absoluter Traumjob, weil man dafür bezahlt wird, sein Hobby auszuüben", hatte er schon während seines einjährigen Intermezzos beim 1. FC Köln in einer Reportage bei "Köln.tv" gesagt. Zu diesem Zeitpunkt war der damals 20-Jährige bereits dabei, sich mit einem Studium der Betriebswirtschaftslehre ein zweites Standbein zu schaffen. Im vergangenen Jahr machte er schließlich den Bachelor in Wirtschaftswissenschaften.

"Wünsche uns allen die alte Welt zurück"

Seine schweren Verletzungen sowie die Corona-Infektion haben dem Abwehrspieler schmerzhaft aufgezeigt, wie sich das Leben von einem auf den anderen Moment ändern kann. Das eigene Schicksal hat ihn Demut gelehrt. "Ich persönlich möchte mir keine großen Ziele setzen. Ich hoffe einfach, dass ich fit bleibe und viele Spiele machen kann", sagte der 24-Jährige. Sein größter Wunsch betrifft dann auch nicht seine eigene Karriere, sondern die gesamte Gesellschaft. "Ich wünsche uns allen einfach die alte Welt zurück", sagte der erste deutsche Fußball-Profi, der sich mit Corona infizierte.

Rückblicke

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 20.12.2020 | 23:35 Uhr

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