Stand: 21.11.2018 08:00 Uhr

Kalte Pyros: Die große Chance im Fan-Konflikt?

Ein Däne hat "kalte Pyrotechnik" entwickelt. Ist sie die Lösung im jahrenlangen Konflikt zwischen Fußball-Fans und Verbänden? Die ARD-Radio-Recherche Sport hat sich auf Spurensuche begeben.

Fast jedes Wochenende werden in den Bundesliga-Stadien illegal bengalische Fackeln und Rauchbomben gezündet - trotz eines Verbots im Fußball, hoher Strafen und scharfer Kontrollen. Das ist nicht nur brandgefährlich, es kostet die Clubs auch eine Menge Geld, die sie an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zahlen müssen. Nun gibt es offenbar eine Alternative. Der dänische Pyrotechniker Tommy Cordsen hat "kalte Pyrotechnik" entwickelt.

Kein Erfolg durch Verbote

Nach jahrelanger Tüftelei ist ein Produkt herausgekommen, das mit dem CE Prüfzeichen europaweit zugelassen ist. Die Pyrofackel darf theoretisch in jedem Supermarkt verkauft werden und bietet laut Cordsen gleich mehrere Vorteile: Sie brennt bei etwa 230 statt bei bis zu 2.000 Grad Celsius ab, es gibt so gut wie keine Rauchentwicklung und sie kann - anders als klassische bengalische Feuer - mit Wasser gelöscht werden. Zum Vergleich: Eine normale Tischkerze wird bis zu 1.000 Grad heiß. Hinzu kämen "neue künstlerische Möglichkeiten. Diese neuen Fackeln kommen in Farben, damit man zum Beispiel ein Logo oder eine Fahne machen kann", so Cordsen.

Spieler stehen inmitten einer gelben Rauchwolke. © picture alliance

"Kalte Pyros" die Lösung im Fan-Konflikt?

Sportclub -

"Kalte Pyros" könnten die Lösung im Konflikt zwischen Fußball-Anhängern und Verbänden sein. Sie sind ungefährlicher als herkömmliche Pyrotechnik, aber kommen sie bei den Fans auch an?

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Erster großer Test im Dezember in Dänemark

Das Wichtige sei auch, so der findige Däne, "statt Verboten Möglichkeiten zu geben". Denn zum Erfolg hat das jahrelange Verbot im Stadion bisher nicht geführt. Komplett ungefährlich ist allerdings auch die neue Pyrofackel nicht, die optisch einer großen Wunderkerze gleicht. Zwar kann mit der Hand, wie durch die Flamme einer Kerze, kurz durchgefasst werden, Verbrennungen sind aber nach wie vor möglich. Sie ist als Kompromiss gedacht, um die besonders gefährlichen Produkte aus den Stadien zu verdrängen. 1.000 dieser neu entwickelten Fackeln sollen schon im Dezember erstmals bei einem Erstliga-Spiel in Dänemark großflächig getestet werden. Auch die schwedische Liga plant nach Informationen der ARD-Radio-Recherche Sport einen großen Probelauf.

Großes Interesse auch in Deutschland

Auf großes Interesse stößt das Modell auch in Deutschland. "Wir bemühen uns, in diesem Bereich neue Wege zu beschreiten und lassen gerade prüfen, ob das eine Chance sein könnte", hatte Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald bereits im Juni in einem Zeitungsinterview angekündigt. Nun haben sich ein Vertreter der Deutschen Fußball Liga (DFL), die Fanbeauftragen von Werder Bremen, Schalke 04 und Mainz 05 sowie ein Vertreter vom Fanladen des FC St. Pauli, einer Fanorganisation der Hamburger, die Entwicklung in Stockholm präsentieren lassen.

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00:28

So funktioniert "kalte Pyrotechnik"

Sven Langner vom Fanladen St. Pauli demonstriert im Millerntorstadion, wie "kalte Pyrotechnik" funktioniert. Video (00:28 min)

"Alle waren sehr positiv überrascht und auch zuversichtlich, dass das vielleicht etwas für die Zukunft sein kann", sagte Sven Langner vom Fanladen St. Pauli der ARD-Radio-Recherche Sport: "Die nächsten Schritte müssten jetzt sein, dass man sich mit den Verbänden zusammensetzt, die Sicherheitsbehörden frühzeitig mit einbezieht und auch die Vereine und die Fans, um dann gemeinsam zu gucken, welche Wege wir finden können, um das Abbrennen von 'kalter Pyrotechnik' im Stadion zu ermöglichen."

DFB äußert sich nicht

Das Thema "kalte Pyrotechnik" ist bisher kaum bekannt, wie eine schriftliche Anfrage an die Innenministerien der Bundesländer zeigt. Die Behörden in Niedersachsen, Bayern, Sachsen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Berlin und Bremen teilten mit, dass für eine Bewertung derzeit zu wenige Informationen vorliegen. Nur aus Nordrhein-Westfalen heißt es, auch "kalte Pyrotechnik" sei mit erheblichen Unfallrisiken bei großen Menschenansammlungen wie beispielsweise Brand- und Rauchgasverletzungen oder Knalltrauma verbunden, weswegen sie aus polizeilicher Sicht in Stadien nicht zum Einsatz kommen dürfe. Der DFB will zu dem Thema keine Stellung nehmen und teilte per E-Mail mit: "Der DFB hat seine Position zum Thema Pyrotechnik bereits mehrfach dargestellt, wir bitten daher um Verständnis, dass wir uns aktuell dazu nicht äußern."

Fanforscher Gabler sieht Potenzial

Das strikte "Nein" von DFB und DFL zur Pyrotechnik in den Kurven sorgt seit Jahren für einen heftigen Konflikt zwischen Ultragruppierungen und den Verbänden. Der bundesweit bekannte Fanforscher Jonas Gabler sieht Potenzial in der neuen Technik: "Es ist jetzt die Chance, nicht willkürlich eine Kursänderung zu machen, sondern es gibt eine technologische Neuerung und man könnte das zum Anlass nehmen, die eigene Position zu überdenken." Auch Langner erwartet "von den Verbänden eine Gesprächsoffenheit in der Sache. Es muss jeder beteiligten Partei klar sein, dass eine weitere Eskalation des aktuellen Konflikts in niemandes Interesse ist und es nur sinnvoll sein kann, Alternativen zu überprüfen."

Lassen sich die Fans überzeugen?

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Doch werden sich die "Hardcore-Fans" von der neuen Technik überzeugen lassen? Das wird auch für Sig Zelt von der Fanorganisation "Pro Fans" die entscheidende Frage sein: "Für Ultras ist die Pyrotechnik sehr schwer verzichtbar. Und machen wir uns nichts vor: So ein gleißender Lichteffekt ist außerordentlich attraktiv und faszinierend. Gleichzeitig: Wenn man die Möglichkeit hat, das gesellschaftskonform zu tun und tatsächliche Gefahren auszuschließen oder weitgehend auszuschließen, dann wäre das ein Schritt in die richtige Richtung."

Langner kann sich ebenfalls eine Zukunft der neuen Fackel in deutschen Stadien vorstellen: "Ich glaube, sie kann mittelfristig auf jeden Fall zu einem Kurvenbild und einer bunten Fankultur beitragen. Und vor allem den Konfliktherd 'Pyrotechnik im Stadion' bestenfalls auflösen."

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