Trainerin Imke Wübbenhorst bei einer Pressekonferenz von Sportfreunde Lotte © imago images / Noah Wedel

Imke Wübbenhorst: "Ich sollte nicht ganz so viel ich selber sein"

Stand: 21.01.2021 12:30 Uhr

Zu authentisch? Zu ehrlich? Zu vertrauensselig? Einen Monat ist es her, dass Imke Wübbenhorst beim Fußball-Regionalligsten Sportfreunde Lotte als Trainerin entlassen wurde.

von Ines Bellinger, Moritz Cassalette und Martin Roschitz

Wie es ihre Art ist, hat die 32-Jährige die Gründe dafür bis ins Detail analysiert. Sie brauchte die Zeit auch, um das Aus nach nicht einmal acht Monaten gefühlsmäßig einzusortieren. "Es war schon ein herber Rückschlag für mich", sagt sie im NDR 2 Bundesligashow-Podcast. "Vor allem emotional, weil ich viel investiert und alles gegeben habe. Und letztendlich bekommt man den Schwarzen Peter zugeschoben." Es war ihre erste Entlassung als Trainerin - und es fühlte sich "beschissen" an.

Fußballtrainerin Imke Wübbenhorst gestikuliert am Spielfeldrand. © imago images / Noah Wedel

AUDIO: NDR 2 Bundesligashow-Podcast: Veh, Wübbenhorst und das Hinrundenfazit (53 Min)

War ihr Umfeld in Lotte nicht loyal?

Fest steht für Wübbenhorst: Sie hat bei ihrer ersten Trainerstation in der vierthöchsten Spielklasse Fehler gemacht. Fehler, die weniger in der fachlichen Expertise der Fußballlehrerin aus Aurich zu liegen scheinen als vielmehr in ihrer Menschenkenntnis. "Ich bin ein Typ, der schnell vertraut und viele Dinge auch gar nicht hinterfragt hatte", sagt sie. "Im Umfeld war es in Lotte nicht immer einfach." Ohne Co-Trainer, ohne Vertrauten war sie im April im Tecklenburger Land angetreten - als erste Frau als verantwortliche Trainerin in der Regionalliga nach Inka Grings. Im Podcast deutet Wübbenhorst Loyalitätprobleme an und mangelnde fachliche Kompetenz in der Führungsetage des Clubs. "Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu den Jungs, aber es ist wichtig, dass alle eine Sprache sprechen, gerade im Trainerteam."

Persönliche Empfindlichkeiten auch bei Männern

Seit ihrer Entlassung hat Lotte einmal unentschieden gespielt und einmal gewonnen - auf einem Abstiegsplatz in der Regionalliga West steht das Team immer noch. Grings hatte bereits vor der aktuellen Saison, zu der sie den SV Straelen zurück in die Regionalliga geführt hatte, ihren Rücktritt erklärt. Gilt das Experiment mit Frauen in einer Männer-Domäne damit als gescheitert?

Wübbenhorst, die einst als Trainerin des Oberligisten BV Cloppenburg damit bekannt geworden war, dass sie eine chauvinistische Frage mit den Worten konterte: "Ich bin Profi, ich stelle nach Schwanzlänge auf", will jedenfalls nicht so schnell aufgeben. Für den Traum, Profi-Trainerin zu werden, hatte sie schließlich sogar ihren Job und ihre Wohnung aufgegeben und 15.000 Euro in ihre Ausbildung investiert. Bei ihrem nächsten Karriereschritt werde sie vorher besser die Rahmenbedingungen abklopfen, sagt sie. Dass sie mit ihrer sehr direkten Art für einen Dienst im Diplomatischen Corps ungeeignet wäre, weiß sie. Aber sie sieht mittlerweile, dass sie Rücksicht nehmen muss auf persönliche Empfindlichkeiten, die bei manchen Männern nicht kleiner sind als bei Frauen - gerade wenn sie sich in ihrem "Revier" einer kompetenten, durchsetzungsstarken Frau gegenübersehen.

"Ich bin vielleicht zu viel authentisch. Manchmal sollte ich vielleicht nicht ganz so viel ich selber sein." Imke Wübbenhorst

Nagellack im Job? Lieber nicht!

Julian Nagelsmann hatte Wübbenhorst gelobt, als sie in Leipzig hospitierte, als "sehr reflektierte Trainer-Kollegin", die authentisch bleiben und nicht versuchen solle, sich in der Männer-Domäne zu verstellen. Wübbenhorst lacht immer noch, wenn sie das hört: "Das ist nicht mein Problem. Ich bin vielleicht zu viel authentisch. Manchmal sollte ich vielleicht nicht ganz so viel ich selber sein." Das sei aber eine Typfrage, keine geschlechtsspezifische, sagt sie. Das "Mann-Frau-Ding" will sie nicht in den Vordergrund stellen. Gleichwohl überlege sie sich bei Kleinigkeiten immer ganz genau, welche Signalwirkung sie haben. "Manchmal sind das so Sachen wie: Vielleicht würde ich heute gerne mal Nagellack tragen. Aber dann denke ich: Bevor ich da am Spielfeldrand mit Nagellack sitze, lasse ich den doch lieber weg."

Nach Schlichtungsverfahren zurück ins zweite Glied?

Wübbenhorsts Vertrag bei den Sportfreunden Lotte läuft noch bis zum Sommer 2022. Demnächst steht das Schlichtungsverfahren beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) an. "Ich hoffe auf eine schnelle Einigung", sagt sie. "Es war nicht mein Ansinnen, im Streit auseinanderzugehen." Bis sie frei ist für eine neue Herausforderung, wolle sie sich weiterbilden und networken - gerade im Fußball sei das wichtig, um wieder irgendwo reinzukommen. Sie sei bereit, erst mal auch wieder ins zweite Glied zu rücken: als Co-Trainerin, Videoanalystin oder Individualtrainerin. Vielleicht geht sie als Lehrerin auch wieder an eine Schule mit Sport-Schwerpunkt. Bei der niedersächsischen Landesschulbehörde hatte sie sich beurlauben lassen, um den Fußball als Standbein voranzutreiben. "Ich kann mir alles gut vorstellen", sagt sie. "Es brennt mir unter den Fingernägeln, eine neue Aufgabe anzugehen."

Weitere Informationen
Trainerin Imke Wübbenhorst © Fußball Imke Wübbenhorst

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Dieses Thema im Programm:

Die NDR 2 Bundesligashow | 21.01.2021 | 05:00 Uhr

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