HSV-Trainer Tim Walter (r.) umarmt Sonny Kittel. © Witters

HSV traurig, aber auch trotzig: "Wir sind noch nicht fertig"

Stand: 24.05.2022 13:21 Uhr

Enttäuschung, Frust, aber auch Trotzigkeit: Nach der bitteren Relegations-Pleite gegen die Hertha und dem verpassten Bundesliga-Aufstieg geht beim HSV der Blick trotzdem nach vorne. Nächste Saison soll es klappen - und die Voraussetzungen dafür sind gar nicht so schlecht.

von Johannes Freytag

Der Schlusspfiff und die bittere Gewissheit, nach der 0:2-Niederlage gegen Hertha BSC weiter in der Zweiten Liga spielen zu müssen, waren erst wenige Minuten alt, als HSV-Trainer Tim Walter den Rasen im Volksparkstadion betrat: Der 46-Jährige verneigte sich vor den applaudierenden und singenden HSV-Fans. "Walter, Walter", skandierte der Hamburger Anhang.

Kaum jemand im mit 57.000 Zuschauern ausverkauften Volksparkstadion hatte seinen Platz verlassen. Ein Bild mit Symbolcharakter: Es verdeutlicht, dass die Stimmung in Hamburg eine ganz andere ist, als sie es bei den drei verpassten Aufstiegen zuvor gewesen war.

HSV-Trainer Walter: "Ich stehe immer wieder auf"

Die Anerkennung der HSV-Anhänger in der wohl bittersten Stunde dieser Saison, vielleicht der vergangenen vier Jahre, rührte den Trainer. "Ich habe das schon mitbekommen: die Sprechchöre für unsere Mannschaft und unser Team", sagte der Coach. Momentan empfinde zwar "jeder im Verein nur Leere", aber: "Ich stehe hinterher immer wieder auf."

"Wir haben etwas angestoßen, aber sind noch lange nicht am Ende. Wir sind einfach noch nicht fertig." HSV-Trainer Tim Walter

Die Niederlage gegen Hertha solle der Anfang von etwas Neuem sein, so Walter: "Ich bin sehr, sehr stolz auf meine Mannschaft. Was wir hier abgeliefert haben mit Hilfe unserer Zuschauer, mit dem Verein - ich glaube, dass wir es geschafft haben, über die Saison etwas entstehen zu lassen", sagte der Coach ergriffen.

Wüstefeld: Weiter mit Walter

Ähnlich formulierte es Jonas Boldt. "Das fühlt sich einfach beschissen an, das wird sich auch die nächsten Stunden nicht ändern", so der HSV-Sportvorstand: "Aber in den nächsten ein, zwei Tagen kommt die Energie zurück und dann geht es wieder mit voller Kraft voraus." Solange er "die Chance dazu habe, werde ich weiter voran gehen", erklärte der 40-Jährige. In den kommenden Tagen wird es eine Saisonanalyse mit Präsident und Aufsichtsratschef Marcell Jansen sowie Club-Vorstand Thomas Wüstefeld geben. 

Im Gegensatz zu den Vorjahren setzen die Hanseaten wohl auf Kontinuität: Der Mannschaft bescheinigte Wüstefeld im NDR einen "hervorragenden" Entwicklungsprozess. Das Trainerteam um Walter habe einen "großartigen Job realisiert". Er gehe "ganz fest davon aus", dass es "in kürzester Zeit" mit diesem Team weitergeht. Und so deutet vieles darauf hin, dass Walter am 15. Juli als erster Coach der HSV-Geschichte in seine zweite Zweitliga-Saison gehen darf.

HSV-Kader intakt und eingespielt

Boldt betonte, dass die Mannschaft im Gegensatz zu den vorherigen drei vierten Plätzen "einen Schritt nach vorn" gemacht hätte, "von der Spielidee und von der Identifikation her". Es habe nicht viel gefehlt. In der Tat: Die junge HSV-Mannschaft hat den offensiven "Walter-Stil" verinnerlicht, wirkt gewachsen, intakt - und vor allem mental gefestigt. Gescheitert ist sie letztlich an einer erfahrenen Mannschaft von Hertha BSC mit ausgebufften Profis wie Kevin-Prince Boateng, der laut Hertha-Coach Felix Magath sogar die Aufstellung für das Rückspiel in Hamburg machen durfte.

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HSV- Trainer Tim Walter (l.) und Sportvorstand Jonas Boldt © Witters

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Seeler: "Mannschaft gezielt verstärken"

Das HSV-Gerüst steht, das hat der fulminante Saisonendspurt gezeigt. Um auch den letzten Punch zu haben, der gegen Berlin letztlich fehlte, muss trotzdem am Kader gearbeitet werden. Das sieht auch Club-Ikone Uwe Seeler so: "Sie müssen die Mannschaft weiter aufbauen und gezielt verstärken. Dann können sie einen neuen Anlauf nehmen, und dann schaffen sie es hoffentlich."

"Ich bin ein Mann der Hoffnung" Uwe Seeler

Der HSV dürfte tatsächlich in der kommenden Saison in einer vermeintlich schwächeren Zweiten Liga zu den großen Aufstiegsfavoriten zählen. Denn bei allem Respekt: Die Bundesliga-Absteiger Arminia Bielefeld und Greuther Fürth sind - auch mit ihren finanziellen Möglichkeiten - ein kleineres Kaliber als es Werder Bremen und Schalke 04 waren.

15 Millionen Euro Mehreinnahmen bleiben aus

Die ganz großen Sprünge wird allerdings auch der HSV, der seit elf Jahren kontinuierlich Millionenlöcher in seinen Etats hinterlässt, nicht machen können. Die erhoffte Einnahmesteigerung durch die Bundesliga-Rückkehr - allein die TV-Gelder hätten sich von derzeit 15 auf 30 Millionen Euro erhöht - bleibt aus. Wüstefeld sieht den Club dennoch gerüstet: "Wir haben solide gewirtschaftet und werden ein gutes Ergebnis erzielen."

Boldt: "Wir sind der HSV und wollen raus aus der Liga"

Boldt nahm trotz der finanziellen Herausforderungen kein Blatt vor den Mund: "Wir sind der HSV und wollen da raus aus der Liga. Das werden wir auch kommende Saison mit Elan angehen." Ebenso zuversichtlich äußerte sich Jonas Meffert, der zum dritten Mal mit einem Club in der Relegation scheiterte: "Wenn wir uns wieder treffen, werden alle heiß sein. Wir werden versuchen, nächstes Jahr noch mehr Punkte zu holen." Für Meffert heißt es: Aller schlechten Dinge sind drei. Mehr dürfte also nicht kommen.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 24.05.2022 | 19:30 Uhr

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