St. Paulis Trainer Timo Schultz © WITTERS Foto: LennartPreiss

FC St. Pauli: Schicksalsspiel in Würzburg

Stand: 06.01.2021 08:39 Uhr

Fußball-Zweitligist FC St. Pauli hat mit dem 1:2 in Fürth seine sportliche Talfahrt fortgesetzt. Die Nachholpartie heute Abend (18.30 Uhr) in Würzburg dürfte für Trainer Timo Schultz richtungweisend sein.

von Johannes Freytag

Die Ausgangslage ist klar. Mit einem Sieg beim Liga-Schlusslicht würden die Kiezkicker auf den Relegationsrang klettern und hätten nur noch einen Zähler Rückstand auf das rettende Ufer. Aber der Blick auf die Tabelle zeigt auch, dass für die Braun-Weißen kaum große Sprünge aus der Abstiegszone drin sind: Regensburg auf Rang 14 ist schon neun Punkte weg. Eine Prognose, dass aus dem Quartett Braunschweig, Sandhausen, St. Pauli und Würzburg zwei bis drei Teams den Gang in die Dritte Liga werden antreten müssen, ist nicht sonderlich gewagt.

Zeit des Schönredens ist vorbei

Noch bekennen sich St. Paulis Clubverantwortliche zu Schultz. Doch das Experiment mit dem Trainer-Novizen dürfte nach einer Niederlage in Würzburg überdacht und möglicherweise als gescheitert betrachtet werden. Der 43-Jährige genoss zu Recht lange "Welpenschutz", weil sein Team phasenweise guten Fußball zeigte und nach Rückständen oft Moral bewies. Aber es zählen nun mal Ergebnisse - und mit einer Bilanz von lediglich einem Sieg und acht Punkten in 13 Partien sollte auch die Zeit des Schönredens ("es war nicht alles schlecht, was wir gemacht haben") vorbei sein.

Zum Vergleich: 2014/2015 war St. Pauli nach 13 absolvierten Partien ebenfalls Vorletzter, hatte aber immerhin schon drei Siege und zwölf Punkte eingefahren. Dank einer starken Rückrunde mit 24 Zählern gelang noch der Klassenerhalt.

Schultz findet keine Lösungen

Schultz hat im Saisonverlauf viel probiert und viel riskiert - und wenig erreicht. Es ist nicht gelungen, die eklatanten Abwehrschwächen abzustellen. In Fürth lagen die Hamburger schon zum siebten Mal nach weniger als einer halben Stunde Spielzeit zurück. Die fehlende Stabilität in der Defensive liegt sicherlich auch an der Verletztenmisere - vor allem bei den Innenverteidigern. Aber auch auf der Sechser-Position hat Schultz noch keine Lösung dafür gefunden, wie zum Beispiel der formschwache Marvin Knoll ersetzt werden kann.

Wechsel im Tor verpufft

Auch der Torwartwechsel ist nach hinten losgegangen. Svend Brodersen erweist sich nicht als der erhoffte Rückhalt, verursachte bei seinem dritten Saisoneinsatz per Slapstick-Einlage ein Gegentor. Dass Robin Himmelmann in Fürth nicht einmal zum Kader zählte, obwohl er nicht verletzt war, kommt einer Demontage gleich. Nach dem Spiel hatte Schultz offenbar wenig Lust, die Nichtnominierung zu erklären ("dann ist das so"). Kaum vorstellbar, dass der langjährige Stammkeeper ins Tor zurückkehrt. Im Nachhinein lässt sich festhalten: Diese Baustelle hat Schultz ohne Not eröffnet.

Kader unzureichend zusammengestellt

St. Paulis neuer Sportchef Andreas Bornemann © Witters Foto: Valeria Witters
Die Kaderplanung von St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann überzeugt bislang nicht.

Der Trainer kann aber auch nur mit den Spielern arbeiten, die ihm zur Verfügung stehen - und daher muss sich auch Sportchef Andreas Bornemann Kritik gefallen lassen. St. Paulis Kader ist nahezu in allen Mannschaftsteilen unzureichend besetzt.

Neuzugang Adam Dzwigala, der gegen Fürth in der Innenverteidigung ein unscheinbares Debüt gab, wird angesichts seiner fehlenden Spielpraxis (seit Februar ohne Einsatz) noch eine Weile brauchen, bevor er dem Team weiterhelfen kann. Afeez Aremu, der im Sommer mit vielen Vorschusslorbeeren ans Millerntor geholt wurde ("einer, der dazwischengehen kann"), wirkt auf der Sechser-Position überfordert.

Zudem fehlt seit den Abgängen von Henk Veerman und Dimitrios Diamantakos im Sturm ein zuverlässiger Knipser. Simon Makienok ist es jedenfalls nicht und Daniel-Kofi Kyereh ist nach gutem Start mit drei Toren in den ersten beiden Saisonspielen inzwischen nur noch ein Schatten seiner selbst. Igor Matanovic zeigt gute Ansätze, der Youngster braucht aber noch Zeit.

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Burgstaller-Comeback lässt hoffen

Immerhin bot die Niederlage in Fürth auch Positives. Der eingewechselte Leon Flach erzielte mit einem sehenswerten Schuss sein erstes Zweitliga-Tor und Guido Burgstaller feierte fünf Minuten vor dem Ende sein Comeback nach langer Verletzungspause. Der Youngster und der Routinier - auf ihnen ruhen St. Paulis Hoffnungen für die anstehende Partie in Würzburg.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 04.01.2021 | 19:30 Uhr

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