Stand: 01.04.2019 09:21 Uhr

Reinhardt: "Hoyzer hat sich nie entschuldigt"

Bild vergrößern
Bastian Reinhardt kann 2004 nicht fassen, was in Paderborn passiert.

Bastian Reinhardt erlebte den Hoyzer-Skandal im Jahr 2004 hautnah. Der Verteidiger trug vor 15 Jahren das HSV-Trikot, als der aufstrebende Schiedsrichter das tat, was undenkbar schien: Der 24-Jährige verschob die Pokalpartie beim SC Paderborn, tat alles für das Weiterkommen des Regionalligisten. Der krasse Außenseiter gewann schließlich mit 4:2. Reinhardt, heute Trainer der U16-Junioren der Hanseaten, kann noch immer nicht verstehen, wie es dazu kommen konnte. Und auch wenn der 43-Jährige mittlerweile selbst mit jungen Menschen arbeitet, hat er Hoyzer vor der Neuauflage der denkwürdigen Pokalpartie am Dienstag (18.30 Uhr, im NDR Livecenter) nicht verziehen - denn dem fehlte auch danach der Mut zu einer besonderen "Geste".

Herr Reinhardt, Sie haben 2004 schon unmittelbar nach Abpfiff gesagt, dass Sie "noch nie zuvor ein Spiel gegen einen Schiedsrichter verloren" haben. Was kommt Ihnen bei Ihren Worten als Erstes wieder in den Kopf?

Bastian Reinhardt: Anscheinend hatte ich da schon ein ganz gutes Gefühl dafür, was bei dem Spiel abgegangen ist. Ich kann mich noch ganz gut erinnern, dass ich nach dem Spiel völlig aufgelöst war und das Gefühl hatte, dass da etwas nicht mit rechten Dingen abgelaufen ist. Aber man muss ehrlicherweise sagen, dass es bis dato so etwas noch nicht gegeben hatte. Keiner von uns Spielern hat wirklich daran geglaubt, dass dieses Spiel verschoben worden ist. Aber als es dann etwas später rausgekommen ist, war ich doch nicht überrascht.

Schiedsrichter Robert Hoyzer wird während des Pokalspiels 2004 in Paderborn von HSV-Profis bedrängt. © imago images / teutopress

Skandalspiel Paderborn - HSV: Rahn erinnert sich

Hamburg Journal -

Das Pokalspiel SC Paderborn gegen den HSV vor 15 Jahren war ein denkwürdiges, wegen Schiedsrichter Robert Hoyzer. Ex-HSV-Profi Christian Rahn erinnert sich.

3,33 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Eigentlich lief es gut, Sie haben 2:0 geführt beim Regionalligisten. Hatten Sie trotzdem bei dieser Führung schon ein komisches Gefühl - oder erst später?

Reinhardt: Nein, bis zur 2:0-Führung lief eigentlich alles nach Plan. Auch wenn Paderborn eine unterklassige Mannschaft war, ist es für einen Bundesligisten immer schwierig, erst mal eine Führung herauszuspielen. Aber bis dahin war alles wunderbar - und dann wurde es kurios.

"Da beschlich einen dann zum ersten Mal das Gefühl: Wir werden hier gerade verschaukelt." Bastian Reinhardt, Ex-HSV-Profi

Die erste Elfmeterszene: Christian Rahn hat ihn "verursacht". Wenn man sich die Szene ansieht, ist es unglaublich, dass es dafür einen Elfmeter gibt. Haben Sie da noch gedacht, dass der Schiedsrichter einen schlechten Tag hat?

Reinhardt: Es war schon echt eigenartig, weil dieser Elfmeter natürlich total hanebüchen war. Da kommt dann schon so ein Gedanke: "Oh, der ist heute aber schön parteiisch." Wenn man als Bundesligist irgendwohin fährt, kann es schon mal einen Schiedsrichter geben, dessen Herz eher für den Underdog schlägt. Das hatte ich vorher schon erlebt. Aber dann kam noch die Rote Karte, und dann nahm alles so seinen Lauf. In der Halbzeit hat dann noch ein Mitspieler von uns gesagt, dass er ein Gespräch mitangehört hat. Der Schiedsrichter hat zu den Paderbornern so was gesagt wie: "Macht euch mal keine Gedanken. Ich mach das schon." Da beschlich einen dann zum ersten Mal das Gefühl: Wir werden hier gerade verschaukelt.

Hintergrund

Mit der Wettmafia im Bunde: Robert Hoyzer

Schiedsrichter Hoyzer war im Bunde mit der Wettmafia. mehr

Sie waren in die zweite Elfmeterszene involviert. Wie haben Sie diese Szene noch im Kopf?

Reinhardt: Es gab eine flache Eingabe von außen. Der Stürmer geht irgendwie hin zum Ball, wäre aber gar nicht da gewesen. Ich gehe auch so ein bisschen hin. Wir haben minimalen Körperkontakt, wenn überhaupt. Der Stürmer lässt sich fallen. Das war eigentlich lächerlich. Und er pfeift Elfmeter. Da weiß ich noch: Ich stand vor ihm, und er hat mir auch noch eine Gelbe Karte gegeben. Ich konnte dann eigentlich nur noch lachen.

Ihr Trainer Klaus Toppmöller hat nach dem Spiel offen von Betrug gesprochen. Er war sich ganz sicher, dass der HSV verschaukelt wurde. Bernd Hoffmann hat am Tag danach gesagt, dass er den Schiedsrichter nicht als Ausrede hören will. War das dann das Problem? Man will ja als Bundesligist, der ausscheidet, nicht als schlechter Verlierer dastehen.

Reinhardt: Absolut, das ist dann immer so. Wenn man gegen unterklassige Mannschaften ausscheidet, will keiner Ausreden hören. Von wegen: Der Platz war nicht gut, der Ball nicht aufgepumpt, und der Schiedsrichter hatte nicht seinen besten Tag oder war parteiisch. Da machst du dich eher lächerlich und noch mehr angreifbar. Aber das war schon ein besonderes Spiel. Dass der Trainer das zu dem Zeitpunkt auch so klar benannt hat - da hatte er schon ein sehr gutes Gespür.

Das Schlimmste, was man einem Schiedsrichter vorwerfen kann, ist ja eigentlich, nicht unparteiisch zu sein. Hätten Sie es damals für möglich gehalten, dass in Deutschland ein solches Ausmaß an vorsätzlichem Betrug möglich ist?

Reinhardt: Nein, hätte ich nicht. Ich habe bis dahin daran geglaubt, dass der Schiedsrichter mal einen schlechten Tag hat oder eher für den Underdog ist. Vielleicht hatte er mal ein ganz gutes Erlebnis in Paderborn und wollte sich revanchieren - weiß der Geier. Aber dass das mit Wettmafia zu tun hat und solche Ausmaße annimmt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Es ist für mich auch heute noch völlig unverständlich, wie man eine eigentlich aufstrebende Schiedsrichterkarriere so wegwirft für das schnelle Geld. Das ist für mich völlig unlogisch und ich kann es immer noch nicht nachvollziehen.

Der HSV ist ausgeschieden, Klaus Toppmöller nach ein paar weiteren Niederlagen in der Bundesliga seinen Job losgewesen. Es ist eine hypothetische Frage: Welche Folgen hatte das frühe Pokal-Aus für die weitere Saison des HSV?

Vorschau

HSV im Pokal: Über Harsewinkel ins Halbfinale?

Im beschaulichen Harsewinkel bereitet sich der schwächelnde HSV auf das DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Paderborn vor. Zuletzt stand der Traditionsclub vor zehn Jahren im Halbfinale. mehr

Reinhardt: Es war natürlich eine schwierige Saison insgesamt, eine sehr schwierige Phase auch, in der wir uns damals befunden haben. Wir mussten eine Menge verbale Prügel einstecken nach dem Spiel. Ich kann mich noch an Szenen erinnern, in denen wir von unseren eigenen Fans erst am Zaun und später auch am Bus beschimpft worden sind. Unter der Woche wird man dann natürlich auch nicht abgefeiert von der Presse. Es geht noch weiter. Im späteren Verlauf ist dann noch der Trainer entlassen worden. Das Pokal-Aus hatte noch erheblichere und mehr Konsequenzen, als dass wir ausgeschieden sind. Auch das Geld, dass der Verein dann irgendwo als Ausgleich vom DFB bekommen hat, bringt dir als Spieler natürlich gar nichts. Wir wären natürlich viel lieber im Pokal weitergekommen. Keiner weiß, wie weit es gegangen wäre. Vielleicht wären wir tatsächlich mal ins Finale vorgestoßen. Aber zu dem Zeitpunkt hat uns das mit Sicherheit nur noch tiefer in die Krise reingeführt.

Sie haben das Unverständnis gerade angesprochen: Warum schmeißt man so eine Karriere weg? Robert Hoyzer war jung, er war damals 24, hat den Fehler seines Lebens gemacht, im Gefängnis gesessen und zahlt bis heute Geld an den DFB. Er hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jetzt arbeiten Sie ja auch mit jungen Menschen zusammen, auf die viel einprasselt. Tut er Ihnen auch ein bisschen leid?

Reinhardt: Ich finde, wenn man sich auf so was einlässt, hat man schon ein Stück weit kein Gefühl dafür, wo die roten Linien sind und wie man sich, gerade als Schiedsrichter, korrekt verhalten muss. Ich habe dafür immer noch kein Verständnis. Mir tut er auch nicht leid, muss ich sagen. Ich hätte es an seiner Stelle menschlich groß gefunden, wenn er mal nach Hamburg gekommen wäre und sich persönlich entschuldigt hätte vor der Mannschaft. Das wäre eine Geste gewesen. Da würde ich sagen: "Okay, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, jetzt können wir die Sache abhaken. Und Hut ab, dass er sich das getraut hat." Aber das hat er leider nie gemacht.

Das Interview führte Mats Nickelsen, NDR Hörfunk

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 31.03.2019 | 22:50 Uhr