Braydon Manu von Darmstadt 98 bejubelt sein Tor zum 3:0 gegen den FC Erzgebirge Aue © imago/Hartenfelser

Hut ab: Die irre Geschichte des Itzehoers Braydon Manu

Stand: 01.05.2022 12:58 Uhr

Darmstadt 98 hat den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga nach dem 6:0-Sieg gegen den FC Erzgebirge Aue in den eigenen Händen. Dass die Hessen in der wohl stärksten Zweiten Liga aller Zeiten sensationell Zweiter sind, ist auch ein Verdienst des gebürtigen Itzehoers Braydon Manu.

von Hanno Bode

Das Stadion am Böllenfalltor bebte am Samstagabend nach 19 Minuten bereits zum dritten Mal. Manu hatte die "Lilien" gegen völlig überforderte Sachsen per Rechtsschuss in den Giebel mit 3:0 in Führung gebracht und damit viele ohnehin bereits euphorisierte Fans komplett in Ekstase versetzt. Nun sprintete der Rechtsaußen zur Darmstädter Bank, holte sich dort einen blauen Anglerhut ab, setzte die Kopfbedeckung auf und rannte vor eine TV-Kamera.

Ein breites Lächeln und eine kurze Siegerpose später knuddelten seine Mannnschaftskameraden den Mann mit der Mütze, der in der Vorwoche im Auswärtsspiel von 98 beim FC St. Pauli noch ein Fall für den Sicherheitsdienst war.

Angreifer sorgt für Irritationen beim Ordnungsdienst

Denn ausgerechnet bei der Rückkehr in seine alte Heimat - der 25-Jährige ist in Hamburg aufgewachsen und wurde unter anderem in der Jugend des Kiezclubs und beim HSV ausgebildet - war Manu wegen einer Gelbsperre zum Zuschauen verdammt. Die Partie im Millerntorstadion verfolgte er mit einem Kumpel auf der Haupttribüne. Als der 2:1-Erfolg seiner Mannschaft dann feststand, sprang Manu über eine Werbebande aufs Feld und feierte dort mit seinen Teamkameraden.

Anders als seine Mitspieler, die weiße Trikots trugen, hatte der Offensivmann ein blaues Trikot der "Lilien" übergestreift und zudem einen olivfarbenen Anglerhut auf dem Kopf. Ein Ordner nahm daher an, dass sich ein Fan zwischen die jubelnden Darmstadt-Profis gemischt hatte und wollte ihn aus dem Innenraum verweisen. Es bedurfte der Intervention von Keeper Marcel Schuhen ("Das ist ein Spieler von uns"), um dies zu verhindern. Mittelfeld-Stratege Tobias Kempe konnte die Zweifel des Sicherheitsmannes allerdings verstehen. "Der sieht zwar nicht so aus, aber das ist ein Spieler", sagte der 32-Jährige.

Ein kurzes via Twitter von 98 verbreitetes Video mit der Szene wurde zum Hit im Netz. "So herrlich bekloppt diese Truppe", schrieb der Zweitligist am Ende des Tweets.

HSV und St. Pauli übersehen Manus großes Talent

Nicht "bekloppt", aber allemal ein wenig verrückt ist auch die Geschichte von Manu. Der "Darmstädter Derwisch", wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") den Angreifer jüngst titulierte und ihn wegen seiner Spielweise attestierte, zwischen Genie und Wahnsinn zu wandeln, hat einen steinigen Weg hinter sich. Beim HSV und St. Pauli wurde der Sohn ghanaischer Eltern für sportlich zu leicht befunden. Beim Kiezclub spielte er bis zur B-Jugend, danach folgten die Stationen SC Condor und Lüneburger SK, bevor Manu 2015 in die U19 von Eintracht Braunschweig wechselte.

Beim BTSV rückte er danach in die Regionalliga-Mannschaft auf und sammelte seine ersten Erfahrungen im Herrenbereich. Trainer des Profi-Teams der "Löwen" war seinerzeit Torsten Lieberknecht. Jener Coach also, der nun mit Darmstadt sensationell auf Bundesliga-Kurs ist.

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Profi-Durchbruch beim Halleschen FC

Bei der Eintracht machte Manu auf sich aufmerksam - allerdings nicht nur Lieberknecht, der ihn bei sich mittrainieren ließ, sondern auch den Halleschen FC. Der gebürtige Itzehoer schloss sich im Sommer 2017 dem Drittligisten an und traf gleich bei seinem Profi-Debüt am ersten Spieltag zum 4:4-Ausgleich der Saalestädter gegen den SC Paderborn. Anschließend wurde er von Moderatorin Anika Steckbauer bei "HFC TV" interviewt. So weit, so gewöhnlich, hätte Manu die Fragen nicht mit nacktem Oberkörper beantwortet. Und auch seine Statements hatten Unterhaltungswert. Kleiner Auszug aus der Plauderei: "Ich habe mich gut gefühlt. Und dann kam ich rein - und es hat Peng gemacht."

Schwere Anfangsjahre in Darmstadt

Braydon Manu von Darmstadt 98 (Foto aus dem Jahr 2019) © IMAGO / Jan Huebner
Braydon Manu schaffte bei Darmstadt 98 erst im zweiten Anlauf den Durchbruch.

Kurz darauf gab es für den unbekümmerten Burschen zwar eine "Peng-Pause", weil er nach einem Kopfstoß gegen Timmy Thiele vom FC Carl Zeiss Jena die Rote Karte sah und drei Spiele gesperrt wurde. Doch hernach avancierte der Norddeutsche in der ostdeutschen Wahlheimat peu à peu zum Leistungsträger. Darmstadt wurde auf den Wirbelwind aufmerksam und verpflichtete ihn 2019. Eine Liga höher wartete Manu zunächst jedoch vergeblich auf den Durchbruch. Der Rechtsaußen erhielt kaum Spielanteile und wusste bei seinen wenigen Einsätzen selten zu überzeugen. Dass er im Frühjahr 2022 am Böllenfalltor Publikumsliebling sein würde, es war lange Zeit fast undenkbar.

Zumal 98 den Glauben an ihn bereits verloren zu haben schien. In der Rückrunde der vergangenen Saison verliehen ihn die Hessen an den HFC. Eine gute Entscheidung für alle Seiten, wie sich herausstellten sollten. Denn an alter Wirkungsstätte blühte der 25-Jährige wieder auf.

Manu blüht unter Trainer Lieberknecht auf

Es folgte die Rückkehr zu den "Lilien", bei denen Lieberknecht im vergangenen Sommer das Amt des zu Werder Bremen gewechselten Markus Anfang übernahm. Beide kannten sich aus Braunschweiger Zeiten. Und anders als seine Vorgänger bei 98 schenkte der Coach seinem taktisch zuweilen undisziplinierten Angreifer das Vertrauen. "Er lässt mich so sein, wie ich bin. Das ist wahrscheinlich der Schlüssel bei mir", sagte Manu der "FAZ". Der Offensivmann bezeichnet sich selbst wegen seiner oft unberechenbaren Spielweise als "Überraschungspaket" und passt damit perfekt in eine Mannschaft, die völlig unerwartet auf Aufstiegskurs ist.

Mit drei Treffern und drei Vorlagen sowie vielen guten Leistungen hat Manu seinen Anteil am Darmstädter Höhenflug. Lieberknecht mag das von "anarchischen Momenten durchsetzte Spiel" ("FAZ") des 25-Jährigen, der jüngst zu einem Lehrgang der ghanaischen Nationalmannschaft eingeladen wurde. "Braydon bringt ein unglaubliches Herz mit. Manchmal ist es zwar nicht das, was der Trainer vorgibt. Aber manchmal hilft es dann auch", sagte der Trainer über den Mann mit dem Anglerhut.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 30.04.2022 | 23:03 Uhr

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