Stand: 25.05.2020 13:41 Uhr

Machtprobe im Sport: Spieler wollen mehr Mitsprache

von Andreas Bellinger, NDR.de

Im deutschen Sport deuten sich tiefgreifende Veränderungen an. Wie es scheint, hat die Corona-Krise nicht nur vielen Vereinen ihren finanziellen Balance-Akt vor Augen geführt, sondern auch den Athleten den Blick für eine solidarische Interessenvertretung geöffnet. Was Handball-Nationaltorhüter Johannes Bitter mit der Gemeinschaftlichen Organisation für alle Lizenzhandballer in Deutschland (GOAL) bereits vorgemacht hat, plant nun auch der Nürnberger Eishockey-Profi Patrick Reimer. Angetrieben von einem Gehaltsverzicht - 25 Prozent sollen für bestimmte Zeit eingefroren werden - und einer "Corona-Klausel" in den Verträgen will der Kapitän der Ice Tigers eine Spielergewerkschaft gründen.

Sportler möchten Mitspracherecht

Sportclub -

Schutz, Perspektive, Mitbestimmung - das steht beim Verein "Athleten Deutschland" im Mittelpunkt. Auch die DEL-Profis wollen stärker in Entscheidungen eingebunden werden und eine Spieler-Gewerkschaft gründen.

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Corona-Klauseln mit Konflikt-Potenzial

"Wir wollen schauen, dass wir eine gemeinsame Stimme haben", sagt Reimer im NDR Sportclub. Ziel sei es, so der Olympia-Zweite von Pyeongchang 2018, die Kommunikation mit der Deutschen Eishockey Liga (DEL) und den Vereinen zu erleichtern. Das scheint überfällig, zumal gerade alle 14 Clubs ihre Lizenzunterlagen fristgerecht eingereicht haben und die "Corona-Klauseln" Konflikt-Potenzial bergen. Als Konsequenz aus der abgebrochenen Saison, die der DEL laut Geschäftsführer Gernot Tripcke einen Verlust von bis zu 20 Millionen Euro beschert hat, enthalten die Spielerverträge unter anderem die Bereitschaft zur Kurzarbeit in besonderen Fällen und eine neue Regelung für die Ausschüttung der Play-off-Prämien. Sollten die Clubs nicht nachweisen können, 25 Prozent der Gehaltskosten einzusparen, kann jeweils die Lizenz verweigert werden. Bis Montagmittag hatten dem Vernehmen nur die Fischtown Pinguins Bremerhaven offiziell eine Einigung mit ihren Spielern erzielt.

Schub für Gewerkschaftspläne

Die Spieler haben Bereitschaft signalisiert, wollen beim Finden von Lösungen aber einbezogen werden - was ihnen bislang zu wenig passiert. "Ich hätte mir von Anfang an gewünscht, dass von oben gesagt wird, wir sitzen alle in einem Boot - von der Management-Ebene, über die Geschäftsführung bis hin zum Trainer", so Reimer.

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Reimer: "Wollen eine gemeinsame Stimme"

Eishockeyspieler Patrick Reimer von den Nürnberg Ice Tigers will bei der Gründung einer Spieler-Gewerkschaft helfen. Die Profis möchten stärker eingebunden werden und "die Kommunikation erleichtern". Video (10:35 min)

"Dass gesagt wird, wir gehen den Weg mit, wir verzichten auf dieses Gehalt, seid ihr auch dazu bereit?“ Man hätte den Spielern ein viel besseres Gefühl gegeben - und sicher leichter zu einer Einigung gefunden. Den Gewerkschaftsplänen hat es nur mehr einen Schub gegeben. Auch im Handball ist der Nutzen einer Interessenvertretung in der Corona-Krise stärker in den Fokus der Spieler gerückt. Dabei ginge es nicht darum "Krawall zu machen", sagt Bitter im Deutschlandfunk. Vielmehr wolle man einen Konsens finden, um die schwierige Zeit gemeinsam zu überleben.

Athleten stellen vieles infrage

"Vielleicht ist es auch einfach ein Resultat des Generationenwechsels jetzt", sagt Johannes Herber im Sportclub. Der frühere Basketballer ist Geschäftsführer der "Athleten Deutschland", will als Interessenvertreter der deutschen Kaderathleten den Sport grundlegend verändern, alte Strukturen aufbrechen. Mitbestimmung steht im Mittelpunkt, aber auch Schutz und Perspektive. "Wir erleben es auch in anderen Gesellschaftsbereichen, dass junge Menschen nicht mehr bereit sind, Autoritäten einfach nur so zu akzeptieren, sondern viele Dinge infrage stellen."

Team-Sportarten mit Nachholbedarf

Langsam zwar, dafür aber mit Nachdruck erkennen die Athleten, dass sie durchaus ein Recht auf Mitbestimmung haben. Zudem sei der Wille da, so Bitter, den Sport weiterzuentwickeln. "Wer kann das in gewissen Bereichen besser als die Sportler selber?", fragt der 37-Jährige. Mit GOAL bildet der frühere HSV-Torhüter eine Ausnahme, andere Team-Sportarten wie Basketball oder Eishockey "hinken im Bereich der Spielervertretungen deutlich hinterher", sagt Herber und nennt Gründe: "Sportler-Karrieren sind kurz, man ist geneigt, da auf den eigenen Vorteil zu gucken. In den Profiligen ist die Fluktuation zudem ziemlich hoch. Da gibt es viele ausländische Spieler, die kommen ein Jahr und dann gehen sie wieder." Ein äußerst heterogenes Gebilde also, das nicht leicht zusammenzuhalten ist. Herber: "Eine große Herausforderung."

Auch im Fußball fehlt es an Mitbestimmung

Die Profifußballer sind da schon einen Schritt weiter. Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) wurde schon 1987 mit Benno Möhlmann, Ewald Lienen und Frank Pagelsdorf an der Spitze gegründet. Ob es auch eine solidarische Interessenvertretung ist, sei dahingestellt. "Es ist richtig, dass es in vielen Fällen noch keine wirkliche Mitbestimmung der Spieler gibt", sagt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. "Das muss sich in Zukunft ändern, und daran wird auch gearbeitet."

Reimer: "Wenn nicht jetzt, dann nie"

Ärger gab es jüngst, weil die Profis über mögliche gesundheitliche Langzeitschäden im Zusammenhang mit dem Neustart der Fußball-Bundesliga nicht informiert worden waren. Union Berlins Verteidiger Neven Subotic klagte jüngst im Deutschlandfunk, dass die Spieler im Bezug auf das Konzept "keine partizipative Rolle gespielt" hätten. In den Ligen anderer Länder habe die Stimme der Spieler mehr Gewicht als hierzulande.

Im Eishockey soll das nun anders werden. Noch aber fehlen Satzung und Verein zur Gründung einer Gewerkschaft. "Wir stecken in den Kinderschuhen und haben noch viel Arbeit vor uns", sagt DEL-Rekordtorschütze Reimer, der seinen Vertrag in Nürnberg bis 2022 verlängert hat. "Aber wenn nicht jetzt, dann nie."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 24.05.2020 | 22:50 Uhr