Stand: 30.09.2019 14:15 Uhr

Die Sportler sind die großen Verlierer

In Katar läuft die Leichtathletik-WM. Viele Athleten ächzen unter den extremen Wetterbedingungen, auf den Zuschauerrängen ist nicht viel los.

Ein Kommentar von ARD-Radioreporter Burkhard Hupe

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ARD-Radioreporter Burkhard Hupe kommentiert die schlechten Bedingungen bei der Leichtathletik-WM in Doha.

Wer schon mal mit Kindern in einen Spielzeugladen gegangen ist, der versteht vielleicht, was hier in Katar gerade passiert. Ein Kind nämlich kann sich selten entscheiden, wenn es sich entscheiden muss. Also möchte das Kind am liebsten alles haben, was irgendwie Aufregung und Abenteuer verspricht. Das wiederum kann sich der Vater nicht leisten, denn er ist ja kein vermögender Emir oder Prinz oder gar König.

Langweilig und frustrierend

Wenn man aber Emir ist, zum Beispiel der von Katar, und im grell glitzernden Sportbusiness nach Herzenslust shoppen kann, dann passiert mitunter das, was in vollgestopften Kinderzimmern auch passiert: Langeweile und Frust machen sich breit. Und so ist das auch in Doha: langweilig und frustrierend. Wobei diese Attribute den Athleten nicht gerecht werden. Aber dazu später noch ein Gedanke.

Keine Plakate, keine Fahnen, gar nichts

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Im Stadion "Khalifa International" in Doha bleiben viele Zuschauer-Plätze leer.

Wer in Doha nach einem Hinweis auf die Leichtathletik-Weltmeisterschaften sucht, dem ergeht es wie dem Verdurstenden in der Wüste. Keine Plakate, keine Fahnen, gar nichts. Und in der Ferne flirrt in großer Hitze das Khalifa Stadion wie eine Fata Morgana. Wer in den katarischen Sportkanälen, und davon gibt es eine ganze Reihe, nach Bildern aus dem Khalifa Stadion sucht, der verdurstet jämmerlich.

Es ist kaum zu glauben, aber dieses sportliche Großereignis findet quasi unter Ausschluss der katarischen Öffentlichkeit statt.

Warum findet diese WM in Katar statt?

Wer sich dann fragt: "Warum um Himmels Willen findet diese WM eigentlich in diesem lebensfeindlichen Landstrich statt?", der findet gleich zwei Antworten: Weil sich dieses kleine Land durch internationalen Sport viel Prestige und Anerkennung verspricht, und weil gerade diese WM für Katar eine technische Generalprobe bedeutet.

Und zwar im Hinblick auf die Fußball-WM in drei Jahren, denn das wirkmächtigste Sportereignis der Welt wurde ja auch auf die arabische Halbinsel verkauft.

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Um den Saison-Höhepunkt betrogen

Nun wird oft betont, dass die Menschen in Katar und der Emir vorneweg überaus sportbegeistert seien. Das mag sein, nur sieht man sie dabei nicht. Jedenfalls nicht bei den Leichtathleten. Vielleicht liegt es an der knappen Sportbekleidung der Athletinnen und Athleten, dass diese WM gefühlt in einem wohltemperierten Schaufenster stattfindet. Jedenfalls sind die Sportler aus der ganzen Welt die großen Verlierer. Sie wurden um ihren Saison-Höhepunkt betrogen.

Schlimmer noch: Sie wurden von ihren Funktionären verraten und vor allem verkauft. Die Geschichte der Leichtathleten ist reich an Tief- und Rückschlägen. Doha schreibt ein neues Kapitel.

Im Spielzimmer des Emirs von Katar blinken und winken sie verloren und vergessen aus der Ecke.

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NDR Info | Kommentar | 30.09.2019 | 17:08 Uhr