Stand: 12.05.2017 14:00 Uhr

Im falschen Körper geboren: Cindy wird Fabian

von Ina Kast

"Du bist ein Mädchen und Mädchen ziehen Kleider an und machen sich hübsch" - an die Worte der Großmutter erinnert sich Fabian genau. Ein Outfit hat sich dabei besonders negativ ins Gedächtnis gebrannt: ein pinkfarbenes Kleid mit weißen Punkten, weiße Strumpfhose, schwarze Lackschuhe mit dünnen Riemen und ein schwarzer Haarreif. "Meine Familie war sichtbar entzückt darüber, aber ich habe damit nichts anzufangen gewusst." Er habe Unwohlsein und Zwang gespürt; sich verpflichtet gefühlt, den Wunsch anderer, sich wie ein Mädchen zu kleiden, erfüllen zu müssen: "Wenn ein Familienfest zu Ende ging, habe ich die Möglichkeit sofort beim Schopf gepackt und mich umgezogen, mit der Begründung, dass das Kleid nicht schmutzig werden darf."

Die große Schwester will ein Bruder sein

Porträtbild einer jungen Person mit langen blonden Haaren. © NDR Foto: Ina Kast
Cindy im Alter von 17 Jahren. Schon früh fühlte sie sich in ihrem weiblichen Körper unwohl.

Aufgewachsen ist Fabian als Cindy in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Im Alter von sieben Jahren erfährt Cindy, dass sie bald ein kleines Geschwisterchen bekommen würde. "Ich habe sofort für mich festgelegt, dass es ein Bruder werden muss und so kam es dann auch." Sämtliche Spielzeug-Indianer, Cowboys und Autos teilt sie zwischen sich und ihrem noch nicht geborenen Bruder auf. "Ich habe mir vorgestellt, dass ich dann mit ihm am Baumhaus weiterbauen und Fußball spielen könnte."

Ungewöhnliche Frage einer Siebenjährigen

Schließlich ist der Tag gekommen, an dem Cindys Mutter mit Glückstränen und einem Brüderchen nach Hause kehrt. Es liegt mit einem hellblauen Overall und Teddy-Aufdruck sowie passendem Mützchen und einer Decke in einer wippenden Tragetasche. Die ganze Familie befindet sich im Wohnzimmer, Vater und Mutter umarmen sich lange, geben sich einen Kuss und ernennen Cindy offiziell zur "großen Schwester". Cindy guckt ihre Mutter an und fragt sie: "Kann ich mir das nicht auch noch mal aussuchen, wenn ich groß bin?" Cindys Mutter weiß zunächst nicht, was überhaupt gemeint ist. Etwas ausführlicher erklärt Cindy, dass sie lieber ein Junge und ein "großer Bruder" wäre.

"Mein Bruder hatte das große Los gezogen"

Eine Person macht mit ihrem Smartphone ein sogenanntes "Selfie", also ein Bild von sich selbst. © NDR Foto: Ina Kast
Cindy kurz vor Beginn der Hormontherapie. Mit der Geschlechtsangleichung erfüllt sie sich ihren sehnlichsten Wunsch.

Cindys Mutter macht ihrer Tochter deutlich, dass nur der Zufall darauf Einfluss habe und sich jeder automatisch mit dem eigenen Geschlecht identifizieren müsse. "Das war eine riesengroße Enttäuschung für mich. Mein Bruder hatte also das große Los gezogen und ich nicht", schildert Fabian seine damalige Gefühlslage.

Dass sie tatsächlich etwas an ihrer Identität ändern kann, erfährt Cindy erst im Erwachsenenalter. Der Wunsch, aktiv zu werden, wächst nach dem Umzug nach Hamburg. Hier outete sich eine entfernte Bekannte als Transgender, also als Mensch, bei dem das biologische Geschlecht nicht mit dem gefühlten Geschlecht übereinstimmt. "Das war das Schlüsselerlebnis. Seitdem brodelte das Thema in mir, es war wie eine Implosion." Die Identitätsfindung habe dann ganz neu stattgefunden.

Im August 2015 wendet sich Cindy an einen Sexualtherapeuten. Nach einigen Monaten Therapie ist die Lage eindeutig: "Es kristallisierte sich heraus, dass ich ein ganz 'normaler' Mensch bin, nur mit dem falschen biologischen Geschlecht." Mit der ersten Testosteronspritze ändert sich vieles, auch der Name: Fortan will Cindy von ihrem Umfeld "Fabian" genannt werden.

Weitere Informationen
Marino (l.) und Fabian im Oktober 2018 © NDR

Testosterongesteuert: Im falschen Körper geboren

Fabian und Marino haben in Frauenteams Fußball gespielt und sich vor vier Jahren fast zeitgleich als Transmänner geoutet. Seitdem durchlaufen sie ihre zweite Pubertät und sind auch äußerlich Männer geworden. mehr

Internet-Links zum Thema Transidentität

www.dgti.org - Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

www.transmann.de - Bundesweiter Verein Transmann e.V. - Regionalgruppen und Stammtische gibt es in München, Stuttgart, Bielefeld, Köln, Saarland, Franken, Magdeburg und Hamburg. Weitere sind noch nicht offiziell gelistet, aber vielleicht schon vorhanden

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 15.03.2020 | 23:35 Uhr

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