Stand: 13.08.2020 07:51 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Die Chance für den Amateursport in der Corona-Krise

von Finn-Ole Martins

Wer schon einmal ein Handballspiel auf dem Dorf erlebt hat, kennt diese Szenen. Der Torwart hält einen schwierigen Ball und wirft ihn weit nach vorn. Während er vor Freude noch die Faust ballt, springt vorn schon der Linksaußen hoch und bringt den schnellen Gegenangriff im Netz unter. Auf der Tribüne wird gejubelt, gegrölt, Holz-Schläger werden im Takt auf eine Trommel geschlagen. Hier und da fliegt vor Freude (oder Wut) ein Getränk vorbei. Ein ganz normaler Freitagabend in der Handball-Saison, auch in Tarp (Kreis Schleswig-Flensburg) bei Viertligist HSG Tarp-Wanderup. Auf diese Emotionen muss der Handball, muss der gesamte Hallensport weiterhin verzichten. "Schade, davon lebt ein Dorfverein", sagt Tarps Linksaußen-Spieler Janek Kalbus. Aber: Es kann immerhin wieder gespielt werden.

VIDEO: Corona-Regeln für Sportbereich weiter gelockert (7 Min)

Vorfreude auf eine gute Saison

Nach der Entscheidung, den Trainingsbetrieb am kommenden Mittwoch, 19. August wieder mit der kompletten Mannschaft aufzunehmen sowie Testspiele zu erlauben, ist die Erleichterung im Amateur-Sport groß. "Ich bin wirklich froh", gibt Tobias Moje Einblicke in seine Gefühlswelt. Der Fußballer ist Kapitän der zweiten Mannschaft des Post- und Telekom Sportvereins Kiel/Kronshagen in der A-Klasse und sagt: "Endlich dürfen wir wieder vernünftig trainieren und auf eine gute Saison hoffen."

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Handball-Vereine befürchten Wettbewerbsnachteil

Zuvor war der Groll deutlich zu merken. Die Vereine im Land fürchten einen Wettbewerbsnachteil zu anderen Bundesländern. "Wir sollen Anfang September in die Saison starten, konnten bislang aber noch kein Testspiel absolvieren", ärgert sich Olaf Rogge. Der Trainer des Handball-Zweitligisten TSV Nord Harrislee befürchtet: "Unser erster Gegner TuS Lintfort wird bis dahin elfmal gespielt haben." Auch Sönke Bergeman, Geschäftsführer bei Drittligist TSV Altenholz, kritisiert die ungleichen Bedingungen. Mit Spannung hatte der Amateursport daher auf die Pressekonferenz in Kiel geschaut. "Wir bekommen einen großen Vertrauensvorschuss", sagte Dierk Petersen, Präsident des Handballverbandes, NDR Schleswig-Holstein mit Blick auf die Entscheidung der Landesregierung. "Wir haben im Verband ein Konzept erarbeitet, das wir den Vereinen mit an die Hand geben wollen. Auf diesem Hygienekonzept basiert der Spielbetrieb."

Viel Arbeit: Wer soll Hygiene-Maßnahmen umsetzen?

Ein solches Konzept gibt es auch im Volleyball. Doch es stehen Fragezeichen im Raum: Wie soll es umgesetzt werden? Anna Hilz vom Kieler TV empfindet das als Herausforderung: "Wer sollen die Personen sein, die die Maßnahmen umsetzen? Wir haben das Personal dazu nicht." Dass Arbeit auf die Vereine zukommt, hatte auch der Präsident des Volleyballverbandes, Bernd Neppeßen, auf der Pressekonferenz erklärt. Hilz’ Trainer Frieder Klotz, Übungsleiter beim Bezirksligisten, sieht aber auch eine Chance für den Breitensport: "Wenn wir es mit Grundverstand angehen, erreichen wir ein Stück geregelte Normalität." Die sah für sein Team bislang Strandtraining vor. "Wir haben außerhalb der Halle trainiert, konnten Abstände einhalten und in kleineren Gruppen üben", erläutert Anna Hilz. Nun freue sie sich auf das erste "komplette" Training und auf die Testspiele.

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Welche Mannschaft ist auf welchem Stand? Wo muss sportlich noch nachgebessert werden? Trainer, die das bislang wissen wollten, mussten dafür über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus fahren. Außerhalb des Landes sind die in der Saison-Vorbereitung so wichtigen Freundschaftsspiele gegen andere Gegner erlaubt. "Das hat teilweise zu einem Spiel-Tourismus geführt, der kontraproduktiv ist", sagt Olaf Schimpf. Der Trainer der weiblichen A-Jugend des VfL Bad Schwartau kann den neuen Regeln daher viel Gutes abgewinnen: "Spiele vor der eigenen Tür sorgen für weniger organisatorischen Aufwand, auch bei unseren lokalen Gesundheitsämtern. Sie können unsere Kontakte hier doch besser nachverfolgen als in einem anderen Bundesland."

Fußballer verzichten auf Futsal-Saison in den Hallen

Uwe Döring, Präsident des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes, unterstrich die Sportarten übergreifende Zusammenarbeit. "Wir haben gemeinsam gekämpft", so Döring. Er machte zudem klar, dass der Fußball den Hallensportarten entgegenkommen will. "Die Fußballvereine werden sich ab November aus den Hallen zurückziehen. Wir konzentrieren uns auf den Outdoor-Sport, um die frei gewordenen Kapazitäten in der Halle für die Volleyballer, Basketballer und Handballer zur Verfügung zu stellen", sagte Döring. Im Winter sollen so Termin-Kollisionen verhindert werden. Während in den Hallen jedoch keine Zuschauer erlaubt sein werden, kann der Fußball auf Fans hoffen: Ab kommenden Mittwoch werden bis zu 500 Zuschauer im Freien erlaubt sein. Aus Sicht des Tarper Handballers Kalbus bleibt das der einzige Wehrmutstropfen. "Für einen Dorfverein sind die Fans emotional und finanziell enorm wichtig", sagt er. Zufrieden ist er daher nicht ganz, doch der erste Schritt ist getan: Es darf wieder gespielt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.08.2020 | 06:00 Uhr

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