VIDEO: Rahimi über Afghanistan: "Den Frauen bleiben keine Möglichkeiten" (15 Min)

Afghanistan der Taliban: Desaster für Sport und Gleichberechtigung

Stand: 23.08.2021 11:43 Uhr

Die Angst geht um in Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban - auch im Sport. Vor allem Athletinnen fürchten einen Rückfall ins Mittelalter. Was erwartet sie unter einem Regime radikaler Islamisten?

von Andreas Bellinger

Hilflose Menschen, weltweites Entsetzen: Die dramatischen Szenen am Flughafen von Kabul spiegeln Tag für Tag die Lage in Afghanistan nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban wider. Viele Menschen bangen um ihr Leben - auch Sportlerinnen und Sportler in dem Land am Hindukusch, das sich in den vergangenen Jahren auch im Hinblick auf Gleichberechtigung zaghaft geöffnet hatte. Bei den Olympischen Spielen in Tokio durfte die Sprinterin Kamia Yousufi als erste Athletin ihres Landes die Fahne tragen. Doch nun regieren Angst und Gewalt, wie nicht nur der Hilferuf von IOC-Mitglied Samira Asghari an die US-Regierung zeigt.

Hilfsprojekt "Fight for Peace" in Gefahr

Die afghanische Sprinterin Kamia Yousufi (l.) trägt die Fahne ihres Landes bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Tokio. © picture-alliance
Bei der olympischen Eröffnungsfeier in Tokio trug Kamia Yousufi als erste Frau die Fahne ihres Landes. Mittlerweile herrscht Chaos in Afghanistan und viele blicken in eine ungewisse Zukunft.

"Wir müssen sie aus den Händen der Taliban befreien, bevor es zu spät ist", flehte die 27-Jährige, die vor drei Jahren ins Internationale Olympischen Komitee (IOC) berufen wurde, in einem inzwischen vorsorglich gelöschten Tweet. Solche Befürchtungen kennt der in Kabul geborene und als Neunjähriger nach Hamburg geflüchtete WBU-Boxweltmeister von 2012, Hamid Rahimi. Die Kollegen, die für sein Hilfsprojekt "Fight for Peace" in Afghanistan arbeiten, wähnt er in tödlicher Gefahr. Sie berichten täglich von Angst und Leid, meist über soziale Netzwerke, "die glücklicherweise noch funktionieren", wie Rahimi im NDR Sportclub erzählt. "Sie trauen sich nicht mehr vor die Tür, sind nur noch zuhause."

Rahimi: "Es wird einen Aufstand geben"

Während seine Schwester Jacqueline Ahmadi als Anwältin ihren Landleuten in der Not hilft, lenkt Rahimi von hier seinen Kampf für Frauen und Jugendliche, für Gleichberechtigung und Freiheit. Lieber heute als morgen würde er nach Kabul fliegen und die deutschen Soldaten bei der Evakuierungsmission unterstützen. "Als Dolmetscher vielleicht - ruft mich gerne an!" Angst vor den Taliban habe er nicht. Wohl aber die Hoffnung, dass nicht alles umsonst war. "Die Afghanen werden aufstehen, es wird einen Bürgerkrieg geben; einen Aufstand. Man kann nicht einfach die Fahne wechseln." 

"Mein Herz blutet besonders für die afghanischen Frauen; die Taliban katapultieren das Land zurück ins Mittelalter." Jaqueline Ahmadi

Amnesty International berichtet über Massaker

Dass die Taliban, wie sie propagieren, die Rechte und Freiheiten von Frauen achten werden, hält Rahimi für "reines Wunschdenken". Leuten, die gemordet haben und nicht eingeladen wurden, nach Kabul zu kommen, glaube er "definitiv nicht". Tatsächlich dürften Aussagen eines Taliban-Sprechers, die mit dem Zusatz "im Rahmen einer streng religiösen Scharia-Gesetzgebung" versehen sind, wenig belastbar sein. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtete bereits über Massaker außerhalb Kabuls und vermehrten Übergriffen gegen Frauen.

ASV-Chef Kakar: "Für Frauen im Sport bin ich sehr skeptisch"

"Sie haben schon früher den Fußball nicht zugelassen, Frauen das Sporttreiben verboten und Versprechungen gemacht, die sie nicht eingehalten haben", erinnert sich Dastagier Kakar, Präsident des Afghanischen Sport-Vereins Hamburg. Es sei kaum zu glauben, dass "die Taliban einverstanden sind, wenn sich afghanische Sportler weiter international zeigen". Für Männer werde Sport weiter möglich sein - wohl auch im Mannschaftssport, glaubt der gebürtige Afghane, der 1985 zum Studium (Journalismus) nach Leipzig ging und seit 2008 in Hamburg lebt. "Aber für Frauen im Sport bin ich sehr skeptisch."

Fußballerin Popal: Fortschritte wie ausgelöscht

"Dabei gab es unter den Mädchen und jungen Frauen ein riesiges Interesse am Fußball", erzählt Trainer Klaus Stärk, der 2004 für vier Jahre als Entwicklungshelfer in Sachen Fußball nach Afghanistan ging, der Sportschau. "Natürlich hatten viele daheim Probleme, als Fußballerinnen akzeptiert zu werden." Von einem Tag zum anderen scheinen Fortschritte für die nicht mehr unsichtbaren Frauen in der afghanischen Gesellschaft aber wie ausgelöscht zu sein, meint Khalida Popal. 2007 war sie Gründungsmitglied des afghanischen Frauen-Nationalteams. Nun müssten diese Fußballerinnen um ihr Leben fürchten, heißt es im Deutschlandfunk. Popal floh vor Jahren nach Dänemark, nachdem sie Morddrohungen erhalten hatte.

Nationalspieler Amin: Spielen nicht für religiöse Gruppen

Hassan Amin © imago / Werner Scholz
Hassan Amin, zuletzt beim SV Meppen aktiv, würde für Afghanistan spielen - aber nicht für die Taliban.

Doch auch die Zukunft der Männer-Nationalmannschaft, die seit 2002 wieder an Spielen der Asian Football Confederation (AFC) teilnimmt, ist ungewiss. Die Nationalspieler wehren sich auf ihre Art. "Wir haben immer gesagt, dass wir für die Menschen in Afghanistan spielen und nicht für eine politische oder religiöse Gruppierung", sagt der in Darmstadt geborene Nationalspieler Hassan Amin, der bis zur vergangenen Saison beim Drittligisten SV Meppen kickte. "Kann sein, dass wir nicht mehr spielen werden."

Para-Athleten schaffen es nicht nach Tokio

Auch bei den am Dienstag in Tokio beginnenden Paralympics werden keine Sportler aus Afghanistan dabei sein. Zwei hatten sich qualifiziert, aber Taekwondo-Kämpferin Zakia Khudadadi und der Läufer Hossain Rasouli haben es nicht zum Flughafen in Kabul geschafft. "Ich warte jeden Moment darauf, dass mir oder meiner Familie etwas Furchtbares passiert", sagte Khudadadi dem US-Fernsehsender CBS. Die 23-Jährige wäre die erste Para-Athletin Afghanistans gewesen.

Lemke: "Ein politisches Desaster"

Ein Vorgeschmack womöglich auf das, was kommen wird, fürchtet der langjährige Werder-Manager Willi Lemke, der in seiner Zeit als UN- Sonderberater für Sport speziell auch die Probleme von Frauen und Mädchen in Afghanistan kennengelernt hat. "Alles was dort in den letzten 20 Jahren und eigentlich auch schon davor passiert ist, macht einen unheimlich traurig und betroffen", so der 75-Jährige im NDR. "Es ist ein politisches Desaster."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 22.08.2021 | 22:50 Uhr

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