Stand: 09.05.2019 18:27 Uhr

NachGedacht: Es war die Nachtigall

von Natascha Freundel
Natascha Freundel ist Kolumnistin in der Reihe "NachGedacht".

In manchen Mainächten hört man sie jetzt wieder, ihr Singen aus vollem Kehlchen, eine hellwache Hingabe, die auf die Dunkelheit in den Bäumen pfeift. Sing's nochmal, Nachtigall. Ob sie ahnt, dass so vieles, was zwitschert und jubiliert, was summt und brummt, auf dem Rückzug ist? Wir ahnen es nicht, wir wissen es, seit dieser Woche ziemlich genau: Die Tier- und Pflanzenarten auf der Erde verschwinden schneller denn je, zehn bis hundertmal schneller als in den vergangenen zehn Millionen Jahren. Eine ganze Million von allen weltweit acht Millionen Arten ist vom Aussterben bedroht.

Wer kann das fassen? Und weshalb wird diesem Schreckensbild nicht mehr Aufmerksamkeit zuteil als dem durchaus kess-kühnen Kollektivierungsvorschlag des Juso-Vorsitzenden oder den sicher verflixt schweren Abi-Prüfungen in Mathe oder Meghans und Harrys Sohn Archie, Nummer sieben in der Thronfolge Großbritanniens?

Was weiß ich über Bienen?

Mir dämmert langsam, dass ich mich zwar viel um Kultur, aber viel zu wenig um Natur gekümmert habe. Als ich die Nachtigall hörte, war ich nicht sicher, ob sie es war und nicht die Lerche… "Wenn die Menschen Bienen wären, hätten sie immer zu essen", hörte ich diese Woche ein achtjähriges Mädchen sagen. Einer dieser Sätze, die mir sofort meine Dummheit in den elementaren Dingen vor Augen führen. Was weiß ich über Bienen, außer, dass sie weniger werden? Das Mädchen meinte auch, Bienen würden ihren Honig selber schleudern. Das schien mir zweifelhaft, aber bevor ich mich an den letzten Imker, den ich gesehen habe, erinnern konnte - in einem Dokumentarfilm über ein Dorf im Norden Chinas -, war sie schon bei einem anderen Thema.

Verzweifelte Suche nach Argumenten

Was wird aus dem Mädchen mit ihrer Bewunderung für Bienen, wenn die tatsächlich kollektiv krepieren? Was aus ihrer Begeisterung für Flieder und Fledermäuse, Spatzen und Störche? Mir fällt zu diesem Thema leider kein leichter Satz ein. Kein einziger frech-fröhlicher Gedanke. Vielleicht auch, weil das Kind plötzlich sagte: "Ich will sterben, ich will jetzt endlich sterben. Das Leben ist so schwer." Ich suchte verzweifelt nach Argumenten, die Lebensfreude des jetzt offenbar schrecklich müden Kindes wieder zu wecken. Wenn du tot bist, sagte ich, hörst du die Vögel nicht mehr. Dass wir die Vögel vielleicht noch im Leben vermissen werden, sagte ich nicht. Sie und ich und alle anderen Shakespeare-Erben.

 

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NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 10.05.2019 | 10:20 Uhr