Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

Konfrontiert mit dem Tod: Gregor Schneiders "Sterberaum"

Stand: 11.02.2021 15:57 Uhr

Der Künstler Gregor Schneider hatte im Staatstheater Darmstadt einen Raum zum Sterben installiert. Ein Werk, das nachdenklich macht, findet Claudia Christophersen.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Ein Raum mit Holzwänden, hell erleuchtet, mit großen Fenstern, die den Blick zulassen. Ein Kunstraum. Der Künstler selbst steht davor, nur unscharf, als Silhouette erkennbar. Er bewegt sich hin und wieder, von einem Fuß auf den anderen. Dann sitzt er, den Kopf mal auf die Hand gestützt, mal mit dem Rücken angelehnt, mal gebeugt, mal gerade und aufrecht. Er wird Pausen machen, um zu essen, zu trinken, auch liegen, um zu schlafen, dann wieder stehen oder sitzen. Sein Blick ist gebannt auf den Raum gerichtet. Der Künstler ist der Beobachter, still und schweigend. Es sind letzte Tage im Januar 2021. Schauplatz ist das Corona-bedingt stillgelegte Staatstheater Darmstadt. Die Zuschauerränge sind leer.

Darf man das Sterben ausstellen?

Der Künstler Gregor Schneider © picture alliance / dpa | Bernd Thissen Foto: Bernd Thissen
Gregor Schneider wurde 2001 mit dem Goldenen Löwen der Biennale ausgezeichnet.

Das Theater hat Platz, Platz für Anderes auf der Bühne und auf der Website. Das, was hier passiert oder nicht passiert, wird gefilmt, geht per Stream in verschiedenen Einstellungen live ins Netz und damit in die Öffentlichkeit. Der Raum, der Künstler, Stunden, Tage, Nächte. "Sterberaum" heißt die Installation von Gregor Schneider. Ein Kunstwerk, das schon vor Jahren ausgestellt werden sollte, aber nicht durfte, weil die Idee dann doch irgendwie zu krass und provokant war. 2008 war das.

Damals hatte der Rheydter Künstler vor, nicht nur den Raum, sondern das tatsächliche Sterben eines Menschen oder einen gerade Gestorbenen darin, öffentlich zu zeigen. Die Performance blieb nur Idee. Der Raum aber schaffte es ins Museum, Jahre später, 2011, in Innsbruck, ohne Tod und Sterben. Aber weiterhin mit Kontroversen und der Frage: Kann, darf man das Sterben überhaupt ausstellen?

Einsames Sterben in Corona-Zeiten

Jetzt, 2021, sterben Menschen an Corona erkrankt auf Intensivstationen, technisch kühl, isoliert, einsam, weit weg von familiärer Geborgenheit, weit weg von Gefühlen, Empathie und Wärme. Für Gregor Schneider der Moment zur künstlerischen Auseinandersetzung. Oft hat er sich in seinen Arbeiten mit Ängsten, Schmerz, Panik, Psychosen, Neurosen, mit den Extremen des Lebens, eben Sterben und Tod, auseinandergesetzt.

Weltbekannt wurde er 2001 für sein "Totes Haus u r", das auf der Biennale in Venedig im Deutschen Pavillon gezeigt und mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Häuser, Räume. Räume in Räumen. Räume, als Wiederholung. Beunruhigende Räume, die die eingespielten Rituale des Lebens aufzeigen: Waschbecken, Spiegel, kalte Neonbeleuchtung, Funktionsschalter. Räume ohne Individualität, oft ohne persönliche Hinterlassenschaft. Das sind die Objekte, mit denen Gregor Schneider seine Kunst macht.

Im "Sterberaum" werden Fragen lebendig

Den "Sterberaum", 2021, auf der Theaterbühne in Darmstadt hat Gregor Schneider im Vergleich zur ursprünglichen Idee von 2008 umgedeutet. Nicht das Sterben findet hier statt, sondern das Denken darüber. Wie sterben Menschen während der Pandemie? Wo sind sie, in den letzten Stunden ihres Lebens? Wer denkt an sie? Wie denkt die Öffentlichkeit an sie?

Gregor Schneider stellt solche Fragen, nicht laut. Leise und still. Legt Gedanken in diesen Raum. Mit der Kamera nimmt er die Betrachterin, den Betrachter mit, beobachtet mit ihr, mit ihm. Der Zuschauer, die Zuschauerin wiederum sieht ihn und denkt darüber nach, was wohl der Künstler denken mag. Und da sind sie wieder: die Wiederholungen, die Schleifen. Das Denken, das Meditieren, das Nachsinnen über das Sterben, über den Ort des Sterbens. Sieht so der Raum der letzten Stunden aus? Wenn nicht so, wie dann?

Auf der Suche nach Form des Gedenkens

Gregor Schneider hat seinen Sterberaum mit der Kamera vervielfältigt, ins Netz transportiert, für jede und jeden. Das stille Gedenken an die, die an dem tödlichen Virus gestorben sind - unsere Gesellschaft hat dafür noch immer keine Form gefunden.

Mit Gregor Schneider und seinem "Sterberaum" ist ein beeindruckender Impuls gesetzt. Die Installation ging am 31. Januar, 22.30 Uhr, nach drei Tagen und Nächten offline. Was bleibt ist die Erinnerung an einen Raum, der für das Sterben gedacht ist, eine Provokation und Mahnung.

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 12.02.2021 | 10:20 Uhr

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