Stand: 26.11.2020 10:53 Uhr

Gott, aus dem Ruder gelaufen

von Ulrich Kühn

Was für eine Woche! So spektakuläre Dinge passieren, es fehlen einem die Worte. Was schüttelt diese Zeit nur durch? Hier die Diagnose unseres Nachdenk-Arztes Ulrich Kühn:

Am Mittwochabend war’s. Die Online-Medien zeigten schwerste Symptome. Wir Ärzte beobachteten das Delirium einer Gruppe, von deren Risikoträchtigkeit wir nichts geahnt hatten. Man sprach in Zungen, man lallte religiös drauflos. Was war in die Online-Medien gefahren? Litten sie an Erleuchtung? Waltete der Heilige Geist? Wir untersuchten den befallenen Geisteskörper: Himmel, was ein Befund! Was hatten die nur durchgemacht?

Maradona: "Gott ist tot"

Die Symptome zeigten sich in Gestalt hechelnder Schlagzeilen und wuchernder Formulierungen. Aufmacher FAZ online: "In den Händen Gottes". Aufmacher SZ online: "Der Menschlichste unter den Göttern". Laut ZEIT war "der Größte" verblichen, BILD zeigte dieselbe Symptomatik wie die FAZ und brüllte: "Jetzt ist er in der Hand Gottes!" Den Gipfel des Deliriums aber diagnostizierten wir an WELT online, dort stand: "Gott ist tot."

Himmel! Nochmal: Was hatten die nur erlebt, um nun so schwer darniederzuliegen? War Nietzsche wiedergekehrt? Oder die Madonna? Nichts von alledem. Diego Maradona war gestorben. Also Gott. Auch wenn der Ausdruck "Hand Gottes" in Wahrheit doch nur bedeutet hatte, dass ein kleines, vor einem Torwart nicht bis zum Himmelszelt hochhüpfen könnendes Fußgenie ein irreguläres Tor herbeizuführen wusste von höchsteigener Hand.

Der Tod des "Unsterblichen", man muss es als Arzt so nüchtern sagen, hat im Körper der Online-Medialität üble Verheerungen angerichtet. Im Bemühen, so elegant mit den Metaphern zu jonglieren wie der Verblichene einst mit dem Ball, plumpsten den zum Hüftwackeltanz nicht ganz so Begabten die Metaphern-Bälle reihenweise zu Boden. Sie wankten in Krämpfen dahin und prägten ein "Delirium religiosum maximum novum" aus. Allgemeinverständlich gesagt: Die Sache war aus dem Ruder gelaufen.

Im Delirium

Das liefert uns Ärzten nun nützliche Anhaltspunkte. Dass Dinge "aus dem Ruder laufen" ist ja doch eine Grundsymptomatik dieser rätselvollen Zeit. Nachdem sich Gäste der AfD im Bundestag als Pöbler und Bedrängerinnen betätigt hatten, wurde laut "Süddeutscher Zeitung" von AfD-Seite mitgeteilt, die Sache sei eben aus dem Ruder gelaufen. Damit kennt die Partei sich aus, ihr läuft mancherlei aus dem Ruder, zum Beispiel das Vergleichen. Es muss nicht Zufall sein, dass, wenn der Jurist Gauland von aufziehender "Diktatur" raunt und der Parlamentarische Geschäftsführer Baumann von einer "Ermächtigung", wie es sie "seit geschichtlichen Zeiten nicht mehr gab" - dass dann in Hannover Frau Jana aus Kassel auch ins Vergleichen gerät.

Die selbsternannte Sophie Scholl-Kopie leistete, von Polizisten der Demokratie beschützt, unerschütterlich Widerstand gegen die Diktatur, als die sie diesen Staat entlarvt hatte. Sie wärmte sich am Applaus, doch sobald ihr einer die Meinung geigte, warf sie aufgelöst hin. Während man bei Jana beschämt zu Boden blickt, gilt für Gauland und andere Dummheit nicht als Entschuldigungsgrund. Ihrer skrupelbefreiten Vergleicheritis entspricht im Fall der Jana aber ein verwandtes Syndrom: Narzissmus und Geltungssucht im Verbund mit Ahnungslosigkeit. Wenn es um den Wunsch nach grandioser Identität und Wirkung geht, ist den Leuten kein Schuh zu groß, und der letzte Sinn für Maß und Mitte, Geschmack und Anstand geht dahin.

"Was aus dem Ruder läuft, ist irgendwann wieder im Lot"

So laufen sie denn aus dem Ruder. Und einer allen voran, der bald nicht mehr am Ruder ist. Wenn Skrupellosigkeit, Ahnungsarmut, Ichsucht und das klägliche Bemühen, Gott sein zu wollen, in einer Person zusammenfinden, dann in der von… Sie wissen schon. Aber der hat ja nun die Übergabe eingeleitet. Was aus dem Ruder läuft, ist irgendwann wieder im Lot. Das ist ein komischer Satz. Aber wir sorgenvollen Ärzte setzen unsere Hoffnung darein beim Blick auf das Delirium, das diese unsere schöne Welt von Zeit zu Zeit so heftig befällt.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Gott, aus dem Ruder gelaufen (4 Min)

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