Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Die Mühsal guter Gedanken

Stand: 09.10.2020 10:20 Uhr

So weit sollte die Macht Donald Trumps nicht reichen, dass wir aus Trotz nicht über ihn nachdenken. Tatsächlich verleitet er zu interessanten moralischen Fragen.

von Alexander Solloch

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich hier über die Mühsal böser Gedanken sinniert. "Böse", das hieß - natürlich - rechtsradikal. Es sei ja nicht bloß verwerflich, menschenfeindlich zu denken, meinte ich damals, sondern auch höchst anstrengend. Nie könne man sich arglos der Schönheit des Augenblicks hingeben, immer müsse man sich - bis zum Magengeschwür und darüber hinaus - aufs Verachten anderer Leute konzentrieren.

Das scheint mir immer noch von bestechender Überzeugungskraft zu sein, teilweise (oder ganz und gar) muss man wohl auch von Brillanz sprechen; erinnere mich nicht, jemals großartigere Gedanken gehabt zu haben. Tremendously great.

Gute Gedanken werden immer mühsamer

Dann aber, ein paar Monate später, stellte ich fest, dass ich nicht immer meiner Meinung bin. Daran war natürlich die große Gedankenverwirrmeisterin Corona schuld, und weil Corona immer noch nicht abgeschafft ist, komme ich am Ende dieser Woche fast nahtlos zu dem Schluss, dass es höchst anstrengend ist, immerzu menschenfreundlich zu denken. Von vornherein ist nur wenigen das Talent dazu gegeben. Zu guten Gedanken dringt man oft nur vor, wenn man sich auf einen mühsamen Weg macht. Da schließt man Bekanntschaft mit vielen inneren Schweinehunden, und jedes Mal muss man sich einen Ruck geben, sie zu überwinden.

Es scheint also nun der US-amerikanische Präsident seine Krankheit weitgehend überstanden zu haben. Manche bewunderungswürdige Menschen haben es geschafft, ihm aufrichtig gute Besserung zu wünschen, so sehr sie ihn auch für sein politisches Wirken verabscheuen. Ich konnte das nicht, und mich betrübt das. Als es hieß, Trump sei auf dem Weg der Besserung, als er selbst seltsame Lebenszeichen in die Welt sandte und als er dann ins Weiße Haus zurückkehrte, begann jedes Mal in mir ein turbulentes Wettrennen mit jedes Mal eindeutigem Ausgang: Noch ehe der Verstand einen begütigenden oder immerhin nicht feindseligen Gedanken ins Hirn schicken konnte, waren die Boten der Arglist schon im Herzen angelandet. Das Ergebnis war ein sekundenkurzes, aber deutliches Grummeln: Och nee, wirklich? Schon wieder gesund? Es dann zu unterdrücken war zwar möglich, aber vergebens. Man hatte es ja gespürt, also war es da und sagte etwas über einen aus.

Die Lust am Drama

In diese trübe Suppe ist wohl manche Zutat eingerührt, zweifellos auch die unheimliche - darum kaum je offen eingestandene - Lust des Menschen am Drama, an der Krise, an schlimmen Nachrichten, die sich ja leise, sehr leise (aber laut genug) auch dann rührt, wenn von irgendwoher die Kunde von einer Katastrophe mit vielen Toten kommt. Wer möchte leugnen, da auch schon mal, wenngleich beschämt, von einem wohligen Schauder gekitzelt worden zu sein?

Ein US-Präsident womöglich im Kampf um sein Leben - so etwas Aufregendes erlebt man nun erst recht nicht alle Tage, und ist es denn nicht wahr: Wenn dieser Mensch schon seine (tatsächliche oder vermeintliche) Krankheit wie ein Schauspiel inszeniert, soll sie auch wie ein solches enden, oder? Dem wäre noch leicht entgegenzuhalten, dass damit aber niemandem geholfen wäre. Soll Trump doch stattdessen mit der Pein einer krachenden Wahlniederlage in die letzten zwei Lebensjahrzehnte geschickt werden!

Aber dann: Hat er nicht oft genug angedeutet, eine Niederlage nicht zu akzeptieren? Darf man nicht also denken, es wäre besser, ein Verrückter stürbe an Corona als Zehntausend in einem von diesem mutwillig herbeigeführten Bürgerkrieg? Nein. Man müsste in seinen Gewissheiten schon allzu unerschütterlich sein, um auch nur in Gedanken ein Menschenleben einem solchen Rechenspiel zu opfern. Der aufgeklärte Mensch jedoch ist ein Zweifler, skeptisch gegen alles, was sich ihm eilig aufdrängt.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Die Mühsal guter Gedanken (4 Min)

Das Dilemma des aufgeklärten Menschen

Aber schwierig ist das: ein irgendwie einigermaßen aufgeklärter, gar noch guter Mensch zu sein, der sich und seine Umgebung nicht mit schlechten Gedanken verpestet. Alle emotionalen und rationalen Arbeitskräfte im eigenen Gemüt müssen engagiert helfen, diese Aufgabe zu lösen. Manche von ihnen streiken aber immer mal wieder.

Das ist der eine interessante Aspekt an Trumps Geschick. Alles andere wabert wie Bühnennebel dahin, effektvoll und bedeutungslos. Was etwa, fragen einige, heißt diese Geschichte nun für den Wahlkampf? Manches vielleicht, wahrscheinlich nichts, oder das Gegenteil. Wie gesund ist der Präsident? Gesund genug, um das Amt weiter auszuüben? Das ist ebenfalls egal: Sein Zustand hat ihn ja auch bislang nicht gehindert.

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 09.10.2020 | 10:20 Uhr

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