Stand: 07.08.2020 13:50 Uhr

Die Deutschen und ihre Schul-Infektion

von Ulrich Kühn
Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
Ulrich Kühn hat mit seinem Lieblings-Psychiater über den brasilianischen Präsidenten gesprochen.

Ich glaube nicht recht an den "Nationalcharakter". Aber es gibt Momente im Leben, in denen man wankelmütig wird: Ist, was man glaubt, auch wahr? Es sind die besten Momente. Man wird mit der Nase darauf gestupst, dass man sich getäuscht haben könnte. Das tut immer gut.

Zum Beispiel der Nationalcharakter, an den ich meistens nicht glauben kann: Wenn die Deutschen ihre Debattenschlachten über Bildung und Schule eröffnen, frage ich mich jedes Mal, ob sie es nicht doch am Charakter haben.

Das ewige Schuldzuweisungsspiel

Irgendwie hat ja der Charakter, dieser "Prägestempel" der Persönlichkeit, mit Kompetenzen zu tun, die moralisches Verhalten grundieren. Mein Lieblingspsychiater Dr. Brack könnte es perfekt erklären, aber er hat Urlaub. Außerdem muss man Schulschlachten ohne Psychiater bestehen, sonst landet man erst recht in geschlossenen Verhältnissen.

Sonnenklar ist auch, dass die jetzige Schuldebatte eine Sonderausgabe ist, Corona hatten wir nie. Und doch, das ewige Schuldzuweisungsspiel, die moralgeladenen Vorhaltungen, das hoheitliche Lavieren von Ministerien, das Ausblasen von aus Sprachhülsen zusammengestöpseltem Verlautbarungskauderwelsch, die Abwehr des Ansinnens, man könnte Verantwortung schultern - kommt Ihnen das nicht auch bekannt vor?

Abwägungspapiere mit Halb- bis Unsinns-Spreading-Wolken

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Zwei Schüler begrüßen sich mit einem Ellenbogen-Kick. © Colourbox Foto: Volurol

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Am Abend vor Schulbeginn treffen Mails von Direktorinnen ein, die verzweifelt-loyal darauf verweisen, dass noch am Vortag dreißig-, vierzig-, tausendseitige Abwägungspapiere aus Verwaltungsstuben ausgesandt wurden, leider ohne Interpretationshilfe von Reclam, so dass sich nun auch Eltern über Buchstabenungetüme beugen, um per geistigem Pressdruckverfahren mehr oder weniger sinnvolle Handreichungen auszufiltern, die in Wortmassen verborgen sein könnten.

Am Wochenende vor Schulbeginn, um Gottes willen nicht früher, findet Politik mit Expertenhilfe zur Weisheit, es seien Masken zu tragen, allerdings nicht in der Klasse, wo man stundenlang abstandsfrei hockt. Wie gesagt, sonnenklar, diese Debatte ist eine Sonderausgabe. Und doch ist sie so herrlich symptomatisch: Dass in geschlossenen Denkräumen umherstehende Phrasen-Aerosole nicht Logik-Schleudern sind, sondern Halb- bis Unsinns-Spreading-Wolken: Ja, wäre das in keiner deutschen Bildungs- und Schuldebatte je vorgekommen?

Besserwisser können mir gestohlen bleiben

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Sie fragen sich: Wo bleibt das Lehrer-Bashing? Das killermonströse Eltern-Abwatschen? Nichts da. Mir können nationalcharakteristische Besserwisser gestohlen bleiben, die von Lehrerinnen verlangen, sie hätten Corona erahnen müssen. Als ob die Digitalisierung als Nothebel gegen Pandemien konzipiert gewesen wäre. Ich halte auch wenig von Elternhassern, die hämisch sagen: Da seht ihr es, Eltern, ja, Homeschooling tut weh. Als ob Elternschaft von jeher bedeutet hätte, einen Nürnberger Trichter im Flatscreen-Format fürs Einflößen von Weltwissen vorzuhalten.

Ach, und nicht zu vergessen die Kinder-in-Grund-und-Boden-Schreiber. "Schwänzen geht auch ohne Schule", bilanziert ein "Blattmacher" eines Nachrichtenmagazins und verweist auf eine Studie. Der Blattmacher muss es wissen, den Grammatik-Unterricht hat er schulfern verschlafen: "Laut der befragten 1.100 Eltern" dauere der Schultag daheim nur dreieinhalb Stunden, schreibt er mit vornehmem Genitiv, wo doch Dativ angezeigt wäre. Aber stopp, um Himmels willen: Schon werde ich selbst zum Besserwisser! Grauenhaft.

Wie soll man sich wehren?

Nur, wie soll man sich wehren? Deutsche Schuldebatten, ob in Regel- oder Sonderausgaben, sind stets epidemischer Natur. Masken werden nicht getragen, offenes Visier, alle werden infiziert, die Geistesgesundheit bleibt auf der Strecke, um der hehren Bildung willen. Das ist in sich nicht logisch, aber seit Jahrzehnten Brauch, weshalb selbst diese Schuldebatte, die anders sein müsste als alle, durch und durch infizierend wirkt.

So. Einmal richtig schön ungerecht aufgeregt und mit den Fingern auf andere gezeigt. Auch das gehört dazu in einer schönen Schuldebatte. Liegt es am Nationalcharakter? Zuletzt ist das völlig egal. In Wahrheit ist diese Debatte ja doch völlig anders als alle. Hauptsache, unsere Kinder und wir mit ihnen bleiben gesund - trotz allem, körperlich und geistig. Es dürfte nicht ganz einfach werden.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Die Deutschen und ihre Schul-Infektionen (4 Min)

 

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Zwei Teenager-Schüler mit Schutzmasken begrüßen sich mit einem Ellenbogen-Kick. (Themenbild) © Colourbox Foto: -

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 07.08.2020 | 10:20 Uhr

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