Stand: 05.03.2020 17:45 Uhr

Der Lärm der Welt, der in uns brüllt

von Ulrich Kühn

Unsere Welt ist laut! Das wissen wir natürlich längst. Ein neuer Bericht über die lärmenden Zustände hat unseren Kolumnisten Ulrich Kühn allerdings zum Nachdenken gebracht.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
Ulrich Kühn ist Leiter der Literaturredaktion bei NDR Kultur.

Mindestens jeder fünfte Mensch in Europa ist ungesundem Lärm ausgesetzt. Das steht in einem Bericht der Europäischen Umweltagentur. Der Straßenverkehr wirkt besonders belastend, aber auch Züge, Flugzeuge, Industriegetöse setzen uns zu. Man versteht das sofort, ob man Lärmopfer ist oder nicht. Interessant ist die Vergleichsgröße, auf die sich die Artikel über diesen Bericht beziehen: Rund 113 Millionen Menschen, heißt es da, müssten auf Dauer "mit einer durch den Straßenverkehr verursachten Lärmbelastung jenseits von 55 Dezibel klarkommen". Und ein paar Zeilen weiter lese ich: "55 Dezibel entspricht etwa der Laustärke eines Gesprächs."

Hat jemand nach dem Inhalt gefragt?

Das macht hellhörig, oder? Es bedeutet doch, dass die Lautstärke eines Gesprächs so eben noch zu ertragen ist, ohne dass die Gesundheit leidet. Und was lauter tost schadet. Aber wissen wir denn, um welche Art Gespräch es sich handelt? Und hat jemand nach dem Inhalt gefragt? Machen etwa Gespräche "jenseits von 55 Dezibel" automatisch krank? Was ist mit mediterran-witzig-hitzig geführten Cafédebatten, die den Beteiligten so viel Spaß machen, dass es noch auf der anderen Straßenseite für Heiterkeit sorgt? Der Lärmpegel ist da mit Sicherheit höher als bei einem Staubsauger Baujahr 1960, die Stimmen knarzen wie Alfas mit rostigem Auspuff, aber der Nutzen für die psychisch-physische Gesamtverfassung ist unschätzbar.

Andererseits reicht ein geflüstertes Wort, um einen Menschen dem Herzinfarkt nahezubringen. Es muss nur boshaft genug sein; oder Unerträgliches mitteilen, eine schlimme Diagnose zum Beispiel oder die fristlose Kündigung. Bei gesitteter Lautstärke im gesundheitlich zuträglichen Bereich lässt sich jede Menge Schaden anrichten. Sogar bei null Dezibel: Die Kündigung kann schriftlich erfolgen, und ein idiotisches Transparent, gehässig genug bekritzelt, reicht unter Umständen hin, den Menschen einem Nervenzusammenbruch zuzuführen. Der Verkehr einer Durchgangsstraße muss sich zehn Jahre lang abmühen, um ähnliche Effekte zustande zu bringen. Na ja, noch. Wenn erst mal alles elektrisch fährt, macht die Abwesenheit von Lärm uns krank. Weil man die Gefahr nicht mehr hört.

In den Seelen tobt der Lärm

Der Lärm der Welt ist so kolossal wie der Krawall in unseren Köpfen. Das hat nicht mit Corona begonnen. Der Social-Media-Newsfeed füttert rund um die Uhr den kreischenden Affen Angst. Sensation jagt Sensation, Skandal wächst aus Skandal, Reizung zeugt Reizung zeugt Reizung. Und der Pegel unseres inneren Lärms verlässt nicht für eine Sekunde den dunkelroten Bereich. Der manifeste Lärm der Welt bedroht die Gesundheit vieler Menschen, mindestens jeder fünfte in Europa, ich habe es eingangs erzählt, ist laut Europäischer Umweltagentur ungesundem Lärm ausgesetzt.

Ich biete mehr: Höchstens jeder fünfte, behaupte ich, hat noch die stille Kraft, sein inneres Kreischen im Zaum zu halten. In den Seelen tobt der Lärm, auch wenn draußen kein Lüftchen sich regt.

Das ist nicht das Fazit der Woche. Es ist das Lebensgefühl der Epoche.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Der Lärm der Welt, der in uns brüllt (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 06.03.2020 | 10:20 Uhr

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