Stand: 12.03.2020 15:16 Uhr

Coronavirus: Die Angst in uns

von Claudia Christophersen

Die Angst in uns: Ein Virus geht um und wühlt uns alle auf. Besonnenheit und Entschlossenheit sind gefragt. Reicht das aus?

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
Claudia Christophersen hat nachgedacht.

Was für Bilder! Leere Plätze, leere Hallen, leere Stadien, leere Konzert- und Vortragssäle, leere Flughafengebäude, leere Parlamente. Eigentlich vertraute, doch nun unheimliche Orte, unheimliche Bilder. Sind wir zu hysterisch? Das alte Wort, das uns lähmt, blockiert, das Denken ausschaltet: Panik. Pan, der griechische Gott der Wälder und Wiesen.

Sind wir zu hysterisch?

Die berühmten Sagen des Klassischen Altertums erzählen von ihm, der zarte Klänge auf der Flöte spielt, plötzlich aber seine teuflische Seite zeigt, wenn er mit hässlichen Widderbeinen aufspringt, um die stille, friedliche Waldwelt zu erschrecken. Die Hirten mögen Pan, bitten ihn um Schutz für Bäume und Tiere. Und wenn er auch gern flötet und tanzt - mit Pan ist nicht zu scherzen. Und mit der Pan-Demie eben auch nicht. Lassen wir den Hirtengott, schauen wir auf die globalisierte Welt. "Pas", "pasa", "pan" - heißt im Altgriechischen "ganz", "alles", "jeder". "Demos" - das Volk. Meint also: Verbreitung überall hin, über ein Volk hinweg und Ländergrenzen hinaus.

Grenzen schützen nicht vor Krankheit. Italien ist dicht. Österreich schottet sich ab. Trump, gerade noch hat er heftig die Hände geschüttelt, spricht ein Einreisestopp aus für Europäer. Ausnahme: Großbritannien. Angela Merkel ruft zu Solidarität und Herzenswärme auf, zu Vernunft und Augenmaß. In Deutschland wird man vorsichtiger von Tag zu Tag, Stunde zu Stunde: Längst sind es nicht mehr nur die riesigen Veranstaltungen, die abgesagt sind: Buchmesse in Leipzig in dieser Woche. Nein, die kleineren rücken nach: Köln wagte den Karneval noch zu feiern, sagte dann aber nur Stunden vor Beginn das Literaturfestival lit.COLOGNE ab.

Theater, Konzerte - ohne Publikum

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Inzwischen wird rigoros geschlossen. Die großen Häuser, Theater, Opern, Konzertsäle in Berlin, Hamburg, München. Fußball wird noch gespielt, aber vor leeren Zuschauerrängen. Geisterspiele. Für Vereine, Fans, Städte - eine so noch nie dagewesene Situation. Fußball ohne Jubelschreie, ohne Gegröle, ohne Ansporn von den Rängen. Theater, Konzerte - ohne Publikum. "Fridays for Future" findet statt - virtuell. Greta sagt: Man müsse andere Wege finden - ohne Menschenansammlungen, um Aufmerksamkeit zu erregen. In labilen Zeiten, wo die Börse zittert, Aktienkurse in den Keller donnern, braucht es stabile, verlässliche Kräfte, die uns durch Krisen führen. Angst ist kein guter Ratgeber: "Angst essen Seele auf".

Video-on-Demand ins Wohnzimmer

"Wir werden das, was notwendig ist, tun." Schöne, klare Ansage von der Bundeskanzlerin. Das Ausmaß, die Kosten, die Dauer - alles Unbekannte, insofern ein gut gemeintes, vages Versprechen. Mehr geht wohl nicht - zu diesem Zeitpunkt. Und die Worte der jungen Greta klingen visionär, wenn sie sagt: Weitermachen! Nur eben anders. Konzerthäuser loten aus, wie sie Konzerte per Stream oder Video-on-Demand ins Wohnzimmer der Besucher übertragen werden können. Wie das dann wird und wirkt, was das heißt am Ende, und wie wir uns damit fühlen - steht auf einem ganz anderen Blatt.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Die Angst in uns (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 13.03.2020 | 10:20 Uhr

NDR Kultur Livestream

ARD Nachtkonzert

00:00 - 06:00 Uhr
Live hörenTitelliste