Stand: 01.07.2019 18:18 Uhr

Raubgut: "Es geht nicht nur um Rückgabe"

Der Deutsche Museumsbund hat im vergangenen Jahr einen Leitfaden zum "Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" veröffentlicht. Inzwischen wurde der Leitfaden überarbeitet, und diese zweite Auflage in Bremen bei einer Pressekonferenz vorgestellt. Die Direktorin des Bremer Übersee-Museums Wiebke Ahrndt hat an dem Leitfaden federführend mitgearbeitet.

Frau Ahrndt, vor gut acht Monaten haben Sie gesagt: Der erste Leitfaden sollte ein Meinungsbild abgeben und ein erstes Statement sein. Eine nächste Auflage war damals auch schon angedacht. Welche Punkte wurden überarbeitet, konkretisiert und präzisiert?

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"Die Museen brauchen unbedingt eine deutlich verbesserte Personalausstattung", fordert Wiebke Ahrndt.

Wiebke Ahrndt: Wir haben den Leitfaden mit zwölf Expertinnen und Experten aus elf verschiedenen Herkunftsgesellschaften sehr intensiv diskutiert und haben auf der Grundlage dieser Gespräche die zweite Fassung in Teilen präzisiert. Wir mussten insbesondere präziser an die Begrifflichkeiten herantreten.

Wir wurden in vielem bestärkt und haben für diesen Leitfaden viel Lob bekommen. Wir mussten ihn nicht neu konzipieren, sondern konnten in bestimmten Bereichen gestärkt weitergehen. Das ist uns insbesondere in dem Bereich der Digitalisierung gelungen, wo Transparenz von den deutschen Museen gefordert wird, und im Bereich der internationalen Zusammenarbeit, wo klare Forderungen an uns herangetragen wurden: Man möchte auf Augenhöhe mit uns im Forschungsbereich, im Ausstellungsbereich, aber auch im Sammlungsmanagement kooperieren.

Unterm Strich haben wir also mehrere Kapitel hinzubekommen: ein über die - insbesondere religiöse - Bedeutung von Objekten, aber auch ein Kapitel über die Bedeutung des Sammlungs- und Ausstellungsmanagements - verfasst von den internationalen Partnern.

Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne, hat gesagt, dass es keineswegs immer nur um die Rückgabe gehe, sondern meist um Beteiligung, Einbindung und Wissenstransfer. Wie ist das zu verstehen?

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Ahrndt: Es geht nicht nur um Rückgabe, sondern es geht ganz klar um Teilhabe auf Augenhöhe. Es gibt Erwartungen, wie wir mit dem Sammlungsbestand umgehen sollen. Man möchte mitsprechen, mitkonzipieren und in ganz neuer Form mit uns zusammenarbeiten. Die Expertinnen sprechen oft auch von den Möglichkeiten der digitalen Rückgabe, wo es darum geht, dass man Sammlungen, die man digitalisiert und online gestellt hat, auf diesem Wege den Herkunftsgesellschaften zurückgibt.

Eine Diskutantin aus Neuseeland meinte, sie betrachte es auch als eine Form der Restitution, wenn Deutschland sich in Aus- und Weiterbildung engagiert und andere Möglichkeiten der Zusammenarbeit forciert. Auch das ist ein Teil dessen, wie wir unsere koloniale Vergangenheit zusammen aufarbeiten und nach vorne schauen können.

Die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy hat sich zur Thematik vielfach zu Wort gemeldet und inzwischen den französischen Präsidenten Macron beraten. Ihre Empfehlung: Raubgut aus Afrika soll zurückgeben werden - das soll in den nächsten fünf Jahren passieren. Was unterscheidet Ihre Einstellung von der in Frankreich?

Ahrndt: Wir gehen weiter. Das Papier von Benedicte Savoy bezog sich auf Subsahara-Afrika - unser Leitfaden nimmt die gesamte Welt in den Blick, einen größeren Zeithorizont, den Sammlungsbestand als Ganzes und die Art, wie wir zukünftig gemeinsam mit den Herkunftsgesellschaften arbeiten wollen. Wir sind uns durchaus einig, dass Raubgut zurückgegeben werden soll, wenn es zurückgefordert wird. Wir raten sehr dazu, eine innere Bereitschaft an den Tag zu legen, aber nicht über die Köpfe der Herkunftsgesellschaften Dinge zu entscheiden. Es werden andere Dinge von uns erwartet als primär die Rückgabe. Es wird erwartet, dass wir es ermöglichen, Wissenschaftler hier in Kooperation treten zu lassen, dass wir Ausbildung ermöglichen und dass wir transparent arbeiten. Es gibt also schon eine klare Erwartungshaltung, was jetzt zu geschehen hat. Rückgabe ist ein Teil davon, aber es ist nicht die einzige Forderung.

Wie geht es weiter? Was brauchen Sie, um die ganzen Ideen umsetzen zu können? Welche Punkte spielen dann eine wesentliche Rolle?

Ahrndt: Die Museen brauchen unbedingt eine deutlich verbesserte Personalausstattung. Das ergibt sich auch aus dem Eckpunktepapier, was vor einigen Wochen veröffentlicht wurde: Von den Museen wird gefordert, dass sie die Digitalisierung vorantreiben, dass sie in die Zusammenarbeit gehen, dass sie Provenienzforschung betreiben - und bei der jetzigen Personalausstattung ist das so nicht möglich. Um mit der Digitalisierung ernsthaft einen Schritt voranzugehen, brauchen wir in den großen Häusern sechs bis acht Stellen mehr pro Haus - zumindest für einen Zeitraum von fünf Jahren. Wir liegen bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich sehr weit zurück. Wir haben es bei den Bibliotheken geschafft - im nächsten Schritt sind die Museen an der Reihe, und das geht nur über mehr Menschen an unseren Häusern. Das ist eine Generationenaufgabe, die da vor uns liegt, und die sollten wir endlich in Angriff nehmen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Wiebke Ahrndt, Direktorin des Übersee-Museums Bremen und Vizepräsidentin des Deutschen Museumsbunds, im Portrait. © dpa Foto: Markus Scholz

Raubgut: "Es geht nicht nur um Rückgabe"

NDR Kultur -

Der Deutsche Museumsbund hat den Leitfaden zum "Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" überarbeitet. Wiebke Ahrndt, Direktorin des Übersee-Museums in Bremen, war daran beteiligt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.07.2019 | 19:00 Uhr