Stand: 02.12.2019 17:00 Uhr

"Greta hat eine unheimliche Wucht"

Im Sommer 2018 begann die damals 15-jährige Stockholmer Schülerin Greta Thunberg mit ihrem "Schulstreik für das Klima". Mit einem selbstgemalten Pappschild hockte sie sich jeden Freitag vor das schwedische Parlament. Die kleine Tat zeigte bald enorme Wirkung: Hunderttausende Schülerinnen und Schüler engagieren sich mittlerweile weltweit für den Klimaschutz. Feature-Autor Tom Schimmeck ist dem Phänomen Greta Thunberg nachgegangen. Daraus ist das Feature "Greta bringt die Welt in Ordnung" entstanden, zu hören am Dienstag um 20 Uhr auf NDR Kultur.

Herr Schimmeck, wir alle glauben "Fridays for Future" aus eigener Anschauung gut zu kennen. Was hat Sie bei ihrer genaueren Betrachtung der jungen Klimabewegung besonders beeindruckt?

Greta Thunberg demonstriert auf dem Hamburger Rathausmarkt © picture alliance/dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Greta bringt die Welt in Ordnung

NDR Kultur - Feature -

Von seiner Reise um die Welt auf den Spuren von Greta Thunberg und anderen jungen Klima-Aktivisten erzählt Tom Schimmeck im Feature.

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Tom Schimmeck: Auslöser war die Frage: Wie kommt das? Ich bin schon früh, noch bevor ich überhaupt wusste, dass ich ein Feature mache, in Hamburg immer mal wieder am Freitag hingegangen, habe mir die Kids angeguckt und fand das absolut faszinierend, weil das aus dem Nichts kam. Irgendwann wollte ich es genauer wissen, habe einen Auftrag vom Norddeutschen Rundfunk bekommen und bin nach Stockholm gefahren, den Ursprungsort. Ich habe dort ihre ganzen Mitstreiterinnen und Mitstreiter getroffen, aber auch andere Leute, die früh dabei waren: einen jungen Wissenschaftler, der seitdem jede Woche da steht, eine altgediente Klimaaktivistin, eine Rechtsanwältin und eine Journalistin, die neugierig von Anfang an dabei gewesen ist. Die haben mir viele meiner Fragen beantworten können: Ist Greta überhaupt echt? Was hat das für Bedeutung? Wie stark ist die ganze Geschichte? Wobei man wissen muss, dass das in Schweden eigentlich immer noch ziemlich klein ist. Es ist auch absurd - die stehen da vor einem rot-grünen Parlament, und das ist politisch immer noch eine ziemlich heikle Angelegenheit.

Wie erklären Sie sich die Wirkung von Greta Thunberg? Sie spaltet ja einigermaßen, hat nicht nur Freunde, zumindest außerhalb von Schweden. Aber sie ist so eine Art Galionsfigur. Ist die Bewegung möglicherweise relativ personenzentriert?

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Greta Thunberg während einer Rede vor den Vereinten Nationen in New York.

Schimmeck: Die Stockholmer Beobachter haben mir geschildert, und ich habe es selber später, als ich Greta beim UN-Klimagipfel in New York beobachtet habe, auch gedacht: Greta hat eine Wucht, sie ist authentisch, sie hat diese unglaubliche Ernsthaftigkeit und Fokussierung - auch bedingt durch ihre Erkrankung. Das ist einfach echt, da kommt man nicht dran vorbei. Und das macht den Unterschied aus. Ich habe sehr viele andere Gretas dieser Welt getroffen, von Tuvalu bis New York, und die sind alle unglaublich engagiert, die wissen irrsinnig viel, sind sehr belesen, kennen jede Studie, hat man den Eindruck. Aber wenn sie dann auf die große Bühne kommen, sind sie immer so lieb und artig. Und Greta ist das Wurst - sie ist total fokussiert, sie geht zu den Erwachsenen und sagt: Ihr habt uns hängen lassen, ihr denkt nicht an die Zukunft, ihr seid verantwortlich. Das hat eine unheimliche Wucht - nicht nur auf uns, sondern auch auf die wichtigen Leute dieser Welt.

Die sich seit heute in Madrid zur zweiwöchigen UN-Klimakonferenz treffen. Was hat Greta Thunberg da für einen Einfluss?

Schimmeck: Das ist schwer einzuschätzen. Ich glaube schon, dass Greta moralisch auf eine Art über denen segelt. Diese immer wiederholte, vernichtende Nachricht: "Ihr seid verantwortlich; ihr müsst jetzt etwas tun; es gibt keine Ausreden mehr" - das ergreift ziemlich viele Leute. Mir ist es auch beim UN-Klimagipfel aufgefallen: Es gibt ganz viele, denen das wirklich im Nacken sitzt und die ein bisschen was kapiert haben. Man versucht auch auf Gretas Seite zu sein, um moralisch und ökologisch besser dazustehen.

Sie erwähnen in ihrem Feature, dass sie nicht nur Fans hat, sondern auch Kritiker. Manche werfen ihr vor, dass sie sich selbst inszeniere oder aber von Erwachsenen inszeniert werde. Warum polarisiert dieses eigentlich relativ unschuldig wirkende Mädchen so? Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?

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Schimmeck: Ich habe sehr viel in manchen konservativen Zeitungen gelesen, in Foren, unter den Postings von ihr selbst. Ich weiß nicht, wie viele Tage und Wochen ich das immer wieder gelesen habe, um auf die Frage eine Antwort zu finden: Was macht die Leute - vor allem Männer übrigens - an dieser Greta Figur so verrückt? Ich glaube, sie sind auf zutiefst beleidigt. Sie sind in ihrer Sicherheit, in ihrer Maskulinität, in ihrem Erwachsensein, in ihrem Sich-klug-Fühlen total angegriffen. Selbst in Zeitungskommentaren - die sind teilweise so verdreht, dass man sich schon fragt: Warum lasst ihr euch von diesem jungen Mädchen so kirre machen? Das ist sehr emotional - und Greta wirkt emotional, im Guten wie im Schlechten. Sie reißt ganz viele mit, vor allem die Jugend, aber mit der gleichen Wucht stößt sie vor allem denen, die an den Klimawandel schlicht nicht glauben wollen, heftig vor den Kopf.

Wie weit kommt man denn mit Emotionalität? Früher hat Christian Lindner von der FDP gesagt: "Lasst mal lieber die Profis ran." Wenn sich jetzt beispielsweise "Scientists for Future" anschließen, also Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dann ist da tatsächlich Sachverstand dabei. Bei Greta Thunberg, 16 mittlerweile, doch eher eingeschränkt, oder?

Schimmeck: Ich habe natürlich auch mit Wissenschaftlern gesprochen und war ganz amüsiert, als ich Mojib Latif, einen der besten Klimaforscher, den wir hierzulande haben, auf dem Rathausmarkt fast flehen sah. Er spricht den Jugendlichen und sich selbst Mut zu. Die Wissenschaftler, die den Klimawandel analysieren und ihn konstatieren, sind heilfroh über "Fridays for Future", weil das die Ersten sind, die sagen: "Hört auf die Wissenschaft!" Das ist das, was Greta immer wieder sagt. Mir sagten auch die Stockholmer, dass Greta alles gelesen hat. Es gibt eine kleine Passage mit ihrem Vater in dem Feature, wo er erzählt, wie viele Jahre Greta auf ihre Familie eingeredet hat und wie widerwillig sich die Familie von ihrem durchaus nicht so ökologischen Lebensstil verabschiedet hat.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Greta Thunberg spricht bei einer Kundgebung beim Klimastreik zu den Demonstranten in New York. © dpa

"Greta hat eine unheimliche Wucht"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Autor Tom Schimmeck ist dem Phänomen Greta Thunberg nachgegangen. Daraus ist das Feature "Greta bringt die Welt in Ordnung" entstanden, über das er im Interview spricht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.12.2019 | 19:00 Uhr