Stand: 26.11.2019 19:28 Uhr

Diebstahl im Grünen Gewölbe: Ein Auftragswerk?

Beim Einbruch in das Grüne Gewölbe in Dresden handelt es sich um den größten Kunstdiebstahl der jüngeren Geschichte. Was genau gestohlen wurde, ist noch nicht bekannt. Bisher heißt es, es handele sich um Garnituren aus der Juwelensammlung August des Starken. Nun wurde ein Video veröffentlicht, auf dem man erkennen kann, wie zwei Männer mit einer Axt in das Gewölbe eindringen und eine Vitrine zertrümmern. Ein Gespräch mit dem Kunstmarktexperten Stefan Koldehoff.

Herr Koldehoff, unsere Museen gelten allgemein als ganz gut gesichert - das Grüne Gewölbe im Dresdner Residenzschloss zählt sogar zu den am besten gesicherten Museen. Doch dieser Einbruch scheint filmreif, und man möchte ihn in dieser Form eigentlich gar nicht für möglich halten, oder?

Stefan Koldehoff © imago
Stefan Koldehoff ist Kunstmarktexperte und Autor etlicher Bücher über Raubkunst.

Stefan Koldehoff: Nein, das ging mir genauso. Zumal das Grüne Gewölbe vor relativ kurzer Zeit nach einer Renovierung wiedereröffnet wurde und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden acht Millionen Euro im Jahr für Sicherheitsmaßnahmen ausgeben. Da kann man schon davon ausgehen, dass die Alarmanlage auch State of the Art ist. Es gibt aber, wie bei vielen Diebstahlsfällen, in die Museen einbezogen sind, auch hier den Verdacht, dass es sich um einen Inside-Job handeln könnte. Das heißt, dass irgendjemand aus dem Museum beteiligt war. Manchmal sind das beispielsweise Mitglieder des Fachpersonals, die oft nicht zum Museum selbst gehören, sondern von Fremdfirmen gestellt werden und schlecht bezahlt werden. Sie stellen dann beispielsweise Alarmanlagen ab, öffnen Fenster und sorgen so dafür, dass solche Aktivitäten überhaupt möglich sind.

In Dresden herrscht im Moment noch allgemeine Ratlosigkeit. Marion Ackermann, die Direktorin der Kunstsammlung, wollte sich noch nicht auf Zahlen festlegen, was den Schaden angeht - der wegen des großen kulturhistorischen Wertes auch gar nicht zu beziffern ist. Was können Sie sagen über den Wert dieses Ensembles?

Koldehoff: Materiell muss der gar nicht fürchterlich hoch sein - obwohl ich glaube, dass er das durchaus ist, jedenfalls für Normalverdiener wie uns. Wenn ich höre, dass da ein Schwert dabei ist, das allein mit 770 Brillanten besetzt war, außerdem Schmuckstücke, Silberarbeiten und so weiter, dann reden wir sicherlich von einem Millionenwert in zweistelliger Höhe. Aber der kulturelle Wert ist noch mal ein ganz anderer. Solche Stücke transportieren ja Identität, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Wenn man sich überlegt, dass die sächsischen Regenten Edelsteine aus allen Teilen der Welt haben einarbeiten lassen, unter anderem auch, um Machtansprüche zu dokumentieren, dann kann man so etwas nicht beziffern. Dass die "Bild"-Zeitung von einer Milliarde gesprochen hat, die an Schaden entstanden ist - das ist sicherlich übertrieben. Aber ein ganz enormer Schaden ist es auf jeden Fall.

Link
Polizisten sichern und untersuchen den Tatort rund um das Schloss Dresden. © imago

Dresden: Halbe Million Euro Belohnung für Hinweise

Aktuelle Informationen zu dem Kunstraub in Dresden auf den Seiten des MDR. extern

Täuscht der Eindruck oder interessieren sich Kriminelle zunehmend für Kunst? Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat den Einbruch als hochkriminelles und offensichtlich generalstabsmäßig durchgeführtes Verbrechen bezeichnet und auch von einem Auftragswerk gesprochen. Gibt es tatsächlich Sammler, die für den Diebstahl solcher Objekte bezahlen?

Koldehoff: Hätten Sie mich das vor drei, vier Jahren gefragt, hätte ich noch völlig überzeugt gesagt: Nein, das gibt es nicht, weil das zu diesem Zeitpunkt auch die Strafermittlungsbehörden auf der ganzen Welt so gesagt haben. Das FBI, Scotland Yard, Interpol, das Bundeskriminalamt haben immer gesagt, das sei eine romantische Fantasie. Nun hat sich aber in den letzten Jahren - wie vieles auf der Welt - auch der Kunstmarkt verschoben. Es geht nicht mehr nur noch um Europa und die USA - inzwischen spielen China, Indien, Russland, arabische Länder, Südamerika eine große Rolle. Und da bin ich nicht mehr sicher - und das hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern mit ganz anderen Formen der organisierten Kriminalität -, ob es dort nicht doch Menschen gibt, die so etwas unbedingt haben wollen. Fürs Prestige oder als Zahlungsmittel im Drogenhandel, in der organisierten Kriminalität, im Menschenhandel.

Ich bin aber trotzdem erstaunt, warum jemand so zielgerichtet einbricht, mehrere Räume durchquert, genau auf diese Vitrine zugeht und nur bestimmte Stücke herausholt. Möglicherweise, weil es die glitzerndsten waren, oder weil man bei einer Erkundungstour gesehen hatte, dass das nach viel Geld aussieht. Ob es ein Auftrag ist oder nicht, kann man so genau nicht sagen.

Wenn man sich Bilder von den Objekten anschaut, kann man sich vorstellen, dass man die ganz gut auseinandernehmen und als Einzelteile verkaufen könnte. Viele befürchten deshalb die Zerstörung der Schmuckstücke. Halten Sie das für ein wahrscheinliches Szenario? Oder glauben Sie, dass der Schmuck irgendwann doch wieder auftaucht?

Als eine der reichsten Schatzkammern Europas genießt das Grüne Gewölbe in Dresden Weltruf. © imago
Als eine der reichsten Schatzkammern Europas genießt das Grüne Gewölbe in Dresden Weltruf.

Koldehoff: Die Hoffnung habe ich, aber tatsächlich ist Kunst und Kulturgut für Kriminelle in den letzten Jahren immer interessanter geworden. Wenn man sich Fälle wie den Raub dieser riesengroßen Goldmünze aus dem Bode-Museum in Berlin anguckt, übrigens auch so ein Inside-Job, dann geht es da offensichtlich nur noch um das Material. Diese Goldmünze ist nach Meinung der Polizei längst zerteilt, eingeschmolzen und umgegossen worden - und ich fürchte, dass das auch bei den Juwelen-Diebstählen das zentrale Motiv sein könnte. Man kann heute Edelsteine mit Lasertechniken markieren und identifizierbar machen - das war aber zu Zeiten August des Starken noch nicht der Fall.

Müssen wir unsere Kunstgegenstände, unsere Museen besser sichern?

Koldehoff: Das ist dieser Seiltanz: Die Sachen sollen auch sichtbar bleiben, und nicht wie die Mona Lisa hinter Zentimeter dickem Panzerglas so gut wie nicht mehr sichtbar sein. Die Alternative wäre - wie es in manchen US-Museen der Fall ist -, dass es dort bewaffnetes Personal gibt. Aber wollen wir das wirklich? Wollen wir, dass bei einer Schießerei in einem Museum ein Querschläger jemand verletzt wird? Marion Ackermann hat noch einmal darauf hingewiesen, dass jedes Menschenleben wertvoller sei als jeder Kunstgegenstand. Da hat sie recht. Ich glaube, dass in Dresden alles getan worden ist, um die Ausstellungsstücke zu schützen und zu sichern. Aber es gibt trotzdem immer wieder Wege, dennoch dranzukommen.

Das Interview führte Katja Weise

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.11.2019 | 19:00 Uhr

NDR Kultur Livestream