Stand: 15.11.2019 16:18 Uhr

Das Erbe der Samtenen Revolution

Im November 1989 vergingen keine zehn Tage von der Öffnung der innerdeutschen Grenze bis zum friedlichen Sturz des Realsozialismus in der Tschechoslowakei. Am 17. November jährt sich die "Samtene Revolution" also zum 30. Mal. Ein Gespräch mit dem Ost- und Mitteleuropahistoriker Phlipp Ther.

Herr Ther, wenn man eine Linie von den Umbrüchen in Osteuropa zöge, wäre der Umbruch in der damaligen CSSR dann mehr als ein Mosaikstein unter vielen?

Philipp Ther © picture alliance / dpa-Zentralbild Foto: Arno Burgi
Philipp Ther ist Professor an der Universität Wien und lehrt dort Osteuropäische Geschichte.

Ther: Ja, das kann man schon so sagen. Die Medien in der Tschechoslowakei haben versucht, den Mauerfall ein bisschen unter der Decke zu halten, aber im Grunde war es das letzte Hardliner-Regime in Mitteleuropa, was es noch gab. Insofern wurde der Druck damals immer größer. Am 17. November gab es eine große Demonstration, die noch mit Gewalt niedergeschlagen wurde, aber das hat - zusammen mit dem Gerücht, was sich als falsch herausgestellt hat, dass ein Student dabei ums Leben gekommen sei - noch größeren Widerstand ausgelöst. Am 20. November kam es dann zu großen Massendemonstrationen - und das war das Ende des Regimes.

Das ging damals verhältnismäßig schnell - wie konnte es dazu kommen?

Ther: Es gab verschiedene Gründe dafür. Einer - ähnlich wie in Deutschland - war der, dass es von der Roten Armee die klare Ansage gab, dass sie nicht eingreifen würde. Insofern gab es keine Rückendeckung aus Moskau für die Hardliner. Das Regime hatte aber versucht, noch Einsatzkräfte zu mobilisieren. Ähnlich wie in Leipzig Anfang Oktober wurden spezielle Einsatzgruppen zusammengerufen, um die Proteste unter Umständen gewaltsam niederzuschlagen. Aber sie hatten gewaltige Mobilisierungsprobleme: Die Polizisten wollten nicht nach Prag - wahrscheinlich weil sie wussten, worum es ging. Gleichzeitig war es so, dass die Opposition immer mehr mobilisieren konnte. Diese gewaltsame Niederschlagung am 17. November ging also nach hinten los, und dadurch hat sich das Gleichgewicht der Kräfte verschoben.

Wer hat heute eigentlich die Deutungshoheit? Es gibt ja durchaus unterschiedliche Auffassungen zu dem, was diese Samtene Revolution damals bedeutet hat, wer für sie verantwortlich war und was sie gebracht hat.

Ther: Umstrittener war es eigentlich in den 90er-Jahren, wo auf der einen Seite Václav Klaus argumentiert hat, dass es bei dieser Revolution 1989 Leute der 68er-Bewegung und zum Teil auch Kommunisten waren. Er hat also versucht, das zu diskreditieren. Und in der Slowakei gab es diese Postkommunisten, allen voran Vladimír Mečiar, der später Premierminister in der unabhängigen Slowakei wurde. Der hat auch immer an 1989 herumgemäkelt und versucht, die Unabhängigkeit in den Vordergrund zu stellen. Aber das ist nicht geglückt. Es kam in beiden Ländern 1998 zu einer Wende. In Tschechien aufgrund der Korruptionsskandale im Zuge der Privatisierung, an denen auch Václav Klaus beteiligt war. In der Slowakei nicht zuletzt aufgrund massiver wirtschaftlicher Probleme, aber auch aufgrund diverser Korruptionsskandale. Und so wurde 1998 der Geist der Revolution im Zusammenhang mit Massendemonstrationen, wo der Rücktritt dieser Politiker gefordert wurde, wieder aufgenommen. Da hat es noch einmal nachgewirkt und zu einer Wende nach der Revolution geführt. Insofern ist 1989 aufgrund von verschiedenen politischen Veränderungen letztlich aktuell geblieben, und das wird immer wieder eingesetzt. Das Erbe der Revolution ist in beiden Staaten politisch sehr wichtig.

Die beiden Historiker Ivan Krastev und Stephen Holmes beschreiben in ihrem aktuellen Buch "Das Licht, das erlosch" die Transformation des Ostens als eine über Jahre versuchte und immer wieder für unzureichend erklärte Anpassung an den Westen, was als wiederholte Demütigung empfunden wurde. Gilt so ein ähnliches Frustrationspotential, das zu einer Abwendung von westlichen Werten führt, auch in Tschechien oder in der Slowakei? In Ungarn ist das durchaus zu beobachten.

Ther: Dem muss man widersprechen. "Den Osten" gibt es so nicht. Gerade in Tschechien und in der Slowakei ist das Erbe der Revolution von 1989 nach wie vor sehr lebendig. In der Slowakei kam es im letzten Jahr bei der Präsidentschaftswahl zu einer antipopulistischen Wende. Da wurde die Regierung gestürzt und eine bis dahin politisch nicht besonders auffällige Frau zur Staatspräsidentin gewählt, Zuzana Čaputová. Sie warb für Anstand - Schluss mit diesen ganzen Hassreden und der nationalistischen Propaganda. Insofern kann man das nicht in einen Topf stecken. In Tschechien gab es auch Demonstrationen, zivilgesellschaftliche Aktivitäten, die sehr mächtig waren. Die Menschen demonstrieren für Rechtstaatlichkeit, für Freiheit, und für die Liberale Demokratie.

In Ungarn ist die Situation ganz anders - da muss man fragen, ob das überhaupt noch eine Demokratie ist. Zum Glück für Tschechien und die Slowakei ist das Erbe von 1989 noch da. In Ungarn und in Polen gibt es das deswegen nicht so, weil dort 1989 eher ein Übergang war. In Polen gab es diese großen Demonstrationen 1989 nicht - das war eher 1988, mit sehr vielen Streiks - und insofern fehlt dort dieses zentrale Ereignis und damit die Möglichkeit, sich mit den Werten von 1989 zu identifizieren und wieder zu mobilisieren.

In Tschechien und in der Slowakei gibt es den Bezug auf die Werte: Freiheit, Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Kampf gegen Korruption und Ungerechtigkeit.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.11.2019 | 19:00 Uhr

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