Stand: 31.07.2019 18:02 Uhr

Wie sich unser Verhältnis zum Klimawandel ändert

Es ist auffällig, wie intensiv sich plötzlich alle ums Klima kümmern, mit Vorschlägen aller Arten: Klimaschutz ins Grundgesetz, fordert Bayerns Ministerpräsident Söder, Kohleausstieg vorziehen, Bahntickets möglichst von der Mehrwertsteuer befreien und anderes mehr. Und auch die Bevölkerung setzt den Klimaschutz ganz weit nach vorn - auch wenn wir nicht immer danach leben. Was ist von dieser aktuellen Klimarettungs-Konjunktur zu halten? Fragen an die Klimaforscherin Brigitte Knopf.

Frau Knopf, erleben wir gerade einen tiefgreifenden Wandel in unserem Verhältnis zum Klimawandel?

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Brigitte Knopf ist Generalsekretärin des Klimaforschungsinstituts MCC in Berlin.

Brigitte Knopf: Ich glaube, zunächst einmal fangen wir an, den Klimawandel überhaupt zu begreifen. Da gehören die Hitzesommer dazu, wo die Menschen merken: Klimawandel ist nicht ein abstraktes Problem, was vielleicht in Afrika auftritt, sondern Klimawandel betrifft uns ganz konkret. Außerdem bringt die "Fridays-for-Future"-Bewegung das Klima im wortwörtlichen Sinne auf die Straße, macht uns klar, dass es hier um ein Zukunftsthema geht und fordert ein, dass jetzt die Politik handeln muss.

Brauchte die Politik diesen Druck der jungen Leute?

Knopf: Scheinbar brauchte die Politik diesen Druck, und scheinbar reagiert sie darauf. Natürlich haben wir seit Jahren Studien geliefert, und die Politik hat uns auch zugehört, aber es hat genau dieses Fünkchen gebraucht, diesen Handlungsdruck zu erzeugen. Das sind die jungen Wählerschichten. Ich bin sehr froh, dass wir jetzt diese Dynamik haben, und es geht jetzt darum, diese Dynamik zu nutzen und in politische Aktionen zu übersetzen.

Eine Forderung lautet: Klimaschutz ins Grundgesetz. Der Umweltschutz steht da allerdings seit langem drin, Art. 20a: "Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung." Das hat der Umwelt bislang nur bedingt geholfen. Ist so eine Forderung Symbolpolitik oder hat sie Substanz?

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Knopf: Das ist schon wichtig, weil es eine Debatte befeuern kann. Aber aus meiner Sicht gibt es auf einer ganz anderen Ebene viel konkretere Sachen, die die Politik schon längst hätte umsetzen können. Eine ganz wichtige Sache ist, CO2 zu bepreisen, sodass die Nutzung von fossilen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas teurer wird und im Gegensatz dazu Innovationen zur Entwicklung von CO2-armen Technologien angereizt werden.

Die Grünen-Bundestagsfraktion wünscht sich einen Verzicht auf Inlandsflüge bis 2035, den AktivistInnen von "Fridays for Future" sind solche Flüge sowieso ein Dorn im Auge. Allerdings macht innerdeutscher Flugverkehr, so "DIE WELT" unter Berufung auf das Umweltbundesamt, nur 0,3 Prozent aller deutschen CO2-Emmissionen aus - der Autoverkehr 20,8 Prozent, fast 70 Mal so viel. Lenkt die gegenwärtige Diskussion den Blick in die falsche Richtung?

Knopf: Ein bisschen habe ich auch das Gefühl, dass die Diskussion sehr aufgeregt geführt wird, vor allen Dingen über individuelle Lebensstiländerung. Natürlich ist es wichtig, dass wir weniger fliegen, dass wir weniger Auto fahren, dass wir weniger Fleisch essen - aber diese Debatte haben wir die letzten zehn Jahre auch schon geführt. Was es jetzt wirklich braucht, sind politische Rahmenbedingungen, die uns diese Entscheidungen erleichtern. Niemand will jeden Tag überlegen: Fahre ich nun Auto, nehme ich doch lieber die Bahn, was ist denn nun CO2-ärmer? Sondern was wir brauchen, ist zum Beispiel ein Preissignal, was uns anzeigt, dass fliegen klimaschädlich ist - und deswegen verzichte ich aufs Fliegen und fahre lieber mit der Bahn. Insofern habe ich das Gefühl, dass diese Debatte um diese individuellen Verzichte sehr moralisch aufgeladen ist.

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Der CO2-Preis sollte ein Leitinstrument für einen solchen klimawirtschaftlichen Rahmen sein. Und wenn man den CO2-Preis als Leitinstrument hat, dann könnte es zum Beispiel im Verkehrssektor darum gehen, dass man Schnellstraßen für Fahrräder baut oder den öffentlichen Nahverkehr ausbaut. Der baut sich nicht durch einen CO2-Preis alleine, könnte damit aber finanziert werden. Oder man könnte die energetische Gebäudesanierung finanziell unterstützen. Auch eine wichtige Komponente wäre der Austausch von Ölheizungen. Ein CO2-Preis muss auf jeden Fall mit weiteren Maßnahmen flankiert werden, sodass dann ein rundes Gesamtpaket daraus wird.

Gibt es denn dafür offene Ohren in der Politik? Das Bundeskabinett hat ein Subventionspaket beschlossen, um den Verkehr klimafreundlicher zu machen: Steuerbefreiung von Diensträdern bis 2030 verlängern, Sonderabschreibungen sollen die Anschaffung von Elektro-Lieferfahrzeugen attraktiver machen und anderes mehr. Das klingt - gemessen an dem, was Sie schildern - eher nach Kosmetik als nach Substanz.

Knopf: Aus meiner Sicht ist es so, dass die Politik am liebsten Ordnungsrecht hat - Verbote, teilweise auch Gebote, Unterstützung -, weil sie damit das Gefühl hat, sie kann das überblicken. Aber man darf sich nichts vormachen - Ordnungsrecht kann sehr teuer werden. Das sind versteckte Preise oder versteckte Subventionen, die aber letzten Endes vor allen Dingen ärmere Bevölkerungsschichten treffen. Ein CO2-Preis hat den Vorteil, dass der Staat Einnahmen hat - und wir schlagen vor, dass man das pro Kopf zurückerstattet, sodass gerade ärmere Haushalte davon entlastet werden. Es gibt also eine viel bessere Möglichkeit, die soziale Schieflage zu adressieren.

Würde das denn zu einem Umsteuern, etwa im individuellen Einkaufsverhalten, in Sachen Mobilität führen können? Es sind in Deutschland in diesem Jahr über 47 Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen, so viele wie nie zuvor; bei den SUVs jagt einen Verkaufsrekord der nächsten. Ganze 83.000 Fahrzeuge waren Anfang des Jahres Elektroautos - das stimmt nicht zuversichtlich.

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Knopf: Ein CO2-Preis würde auf zwei Ebenen wirken. Einmal auf der individuellen Ebene, wenn Sie zum Beispiel eine langfristige Kaufentscheidung für ein Elektroauto oder für ein Benzinauto treffen. Oder wenn Sie sich fragen, welche Heizung Sie in Ihr neues Haus einbauen, eine Ölheizung oder doch eine Wärmepumpe. Da würde das einen großen Ausschlag geben. Und dann kommt es darauf an, dass Firmen auch dieses Preissignal sehen und CO2-arme Technologien entwickeln. Es geht also auch um ein wirtschaftliches Innovationsprogramm, was man damit schaffen würde.

Was sagen Sie denen, die den Klimawandel insgesamt gar nicht wahrhaben wollen oder zu einer ganz normalen Naturerscheinung erklären?

Knopf: Es ist schwer, diesen Leuten auf einer argumentativen faktischen Basis gegenüberzutreten. Das ist so, als wenn jemand die Gravitation leugnet. Das ist eine Ebene, wo Leute aus einem persönlichen Gefühl heraus den Klimawandel leugnen, weil sie nicht wollen, dass das in ihren Lebensstil eingreift, weil sie das Gefühl haben, sie haben jahrelang etwas anderes geglaubt. Von daher kommt man diesen Leuten mit Fakten sehr schwer bei.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Brigitte Knopf © Brigitte Knopf

Wie sich unser Verhältnis zum Klimawandel ändert

NDR Kultur - Journal Gespräch -

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NDR Kultur | Journal | 31.07.2019 | 19:00 Uhr