Stand: 04.12.2019 07:32 Uhr

Bau des Museums der Moderne in Berlin beginnt

In Berlin dürften einige Stoßseufzer der Erleichterung zu hören gewesen sein: Denn nach jahrelangen Diskussionen und Planungen ist dort der erste Spatenstich für ein Museum der Moderne gemacht worden. Die deutsche Hauptstadt bekommt also jetzt, was fast alle anderen Großstädte längst haben: ein Haus für moderne Kunst. Der andere Stoßseufzer war aber vermutlich: um Himmels Willen! Nicht noch ein Projekt, das wieder und wieder teurer wird; schon jetzt hat sich der Preis gegenüber den ursprünglichen Planungen mehr als verdoppelt. Nicht noch ein Projekt, dessen Fertigstellung sich (siehe Humboldt Forum) wieder oder wieder verzögert. Einer der Federführer des Museumsneubaus ist Hermann Parzinger, der Direktor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Herr Parzinger, wie fällt Ihr Stoßseufzer heute aus?

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"Berlin braucht ein Museum für das 20. Jahrhundert", betont Hermann Parzinger.

Hermann Parzinger: Auf jeden Fall ist das eine wichtige Entscheidung, ein wichtiger Schritt gewesen - auch wenn es nur ein symbolischer Akt ist. Das Projekt, das seit zwei Jahren geplant ist, geht jetzt in die Realisierungsphase. Berlin braucht ein Museum für das 20. Jahrhundert. Die Nationalgalerie hat eine herausragende Sammlung, von Expressionismus bis Beuys, und kann sie nur in ganz kleinen Segmenten zeigen. Das neue Gebäude wird dem Abhilfe verschaffen. Berlin ist eine Stadt, die wie kaum eine andere für die Kunst der Moderne steht.

Das Museum der Moderne soll, wenn es fertiggestellt ist, die Bestände aus anderen Berliner Museen und zwei Privatsammlungen beinhalten. Ist das den ganzen Aufwand wert?

Parzinger: Aber allemal. Die Nationalgalerie hat über 4.000 Werke, vom Expressionismus über Surrealismus bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach 1945 sogar umfassende Bestände der Kunstentwicklung in Ostdeutschland und im Westen. Das alles kann immer nur in kleinen Ausschnitten gezeigt werden. Es gibt kein Museum für das 20. Jahrhundert. Wir haben zwar die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, die gerade saniert wird, aber dort können nur kleine Segmente gezeigt werden. Es wird ein Rundgang durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts sein, der in dieser Form einmalig ist.

Im Januar 2015 haben Sie der "Deutschen Presse-Agentur" gesagt, Sie seien optimistisch, dass das Berliner Museum der Moderne bis 2021 fertig werden würde. Jetzt ist das Jahr 2026 als Fertigstellungsdatum definiert. Wie optimistisch sind Sie, dass das diesmal klappt? Oder sollten wir vorsichtshalber gleich 2031 annehmen?

Interview

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Parzinger: Nein, das glaube ich nicht. Das wäre auch gar nicht wünschenswert, weil es dann noch teurer wird. Damals waren wir am Anfang des Prozesses, der Wettbewerb war noch gar nicht durchgeführt, geschweige denn abgeschlossen. Wir hatten noch gar keine Planungsgrundlage an einem konkreten Entwurf. Das ist immer das Problem: Man stellt Mittel bereit, weiß aber noch gar nicht, wie der Entwurf aussehen wird. Man hat nur einige Parameter, die man angeben kann. Und jetzt, nachdem der Entwurf abgeschlossen und die erste Planungsphase beendet ist, kann man konkret die Zahlen benennen.

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Architekt Jaques Herzog (von links), der Berliner Bürgermeister Michael Müller, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Hermann Parzinger, Udo Kittelmann, und Klaus Max Rippel beim Spatenstich für das Berliner Museum der Moderne.

Man muss noch etwas dazu sagen: Zum ersten Mal können wir bei einem öffentlichen Bauprojekt der Stiftung in Berlin die Indexsteigerungen, also die Kostensteigerungen bis zur Fertigstellung 2026 und eine Risikovorsorge, die nicht unbedingt eintreten muss, bereits mit einpreisen. Normalerweise beginnt man mit wesentlich niedrigeren Zahlen, und all diese Dinge kommen zur Fertigstellung dazu. Wir haben uns hier ehrlich gemacht, und wir haben die Verpflichtung, dass wir diese Linie auch einhalten.

Die jetzt angenommenen 450 Millionen Euro sind also die Höchstgrenze - Kulturstaatsministerin Monika Grütters bezeichnet sie sogar als Schmerzgrenze. Angenommen, die Summe würde überschritten - bleibt das Ganze dann ein Rohbau?

Parzinger: Nein. Die Kosten sind auf 364 Millionen festgelegt. Und zusammen mit den Indexsteigerungen und den Risikovorsorgen sind es dann maximal 450 Millionen. Aber das muss nicht eintreten. Wir werden jetzt mit den Planungsarbeiten beginnen. Es wird halbjährliche Kostencontrollings geben. Wr wissen alle um diese Verpflichtung. Es ist ein herausragendes Gebäude, aber es ist auch eine große Summe. Wir haben eine große Verantwortung und wollen keinesfalls diesen Betrag überschreiten.

In der Öffentlichkeit wird der Entwurf der beiden Elbphilharmonie-Architekten Herzog und de Meuron nicht ganz als "herausragendes Gebäude" angesehen. Aus der Schweiz hat er schon reichlich Kritik geerntet und wird als "Scheune" geschmäht, auch als "Bierzelt", "Reitstall" oder "neuer Aldi". Das sind Schmähungen, die gerade am Anfang den Rückenwind nicht gerade stark machen, oder?

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Parzinger: Ja, das ist so. Das ist vielleicht der berühmteste Bauplatz in Berlin, und dass der heiß diskutiert wird, ist völlig normal. Aber diese Namensgebungen haben in Berlin Tradition. Denken Sie an Mies van der Rohe: Das wurde damals als Tankstelle bezeichnet, oder die Philharmonie von Scharoun als Zirkus Karajani. Und heute sind alle glücklich und könnten sich Berlin ohne diese Inkunabeln der Architektur gar nicht vorstellen. Es ist ein fantastisches Gebäude, die weitere Aufarbeitung, die man sich mal genauer ansehen muss - das ist hohe Qualität. Es gibt lichtdurchflutete Räume im Innenraum, und es wird eine Durchwegung in diesem Gebäude geben, was die Menschen auch hineinziehen soll. Diese Passagen im Inneren werden auch nachts geöffnet sein, wenn das Museum bereits geschlossen hat. Es wird ein wichtiger Ort sein, der das Kulturforum weiterentwickelt und vollendet. Darauf können sich alle freuen.

Die Nachbarschaft, also Neue Nationalgalerie, Gemäldegalerie, Philharmonie - das ist nicht gerade der urbanste Ort nahe dem Potsdamer Platz. Inwiefern wird das Ganze jetzt einen Turnaround schaffen?

Parzinger: Das ist richtig. Das sind herausragende Einzelbauten, die diesen Raum umstellen. Die Staatsbibliothek von Scharoun auf der anderen Seite der Potsdamer Straße muss man noch hinzunehmen, auch die Gemäldegalerie als ältestes Bauwerk und die Matthäus-Kirche von Stüler aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Jetzt wird dieses Gebäude gebaut, auf dem letzten freien Platz in der Mitte. Wir haben uns vor zwei Jahren einstimmig für diesen Entwurf entschieden. Er hat eine starke städtebauliche Qualität. Um das Gebäude herum entstehen Plätze zur Philharmonie, zur Kirche. Die beiden sich kreuzenden Verbindungsachsen im Innenraum des Kulturforums ziehen die Gebäude zusammen. Das ist die einzige überzeugende Lösung, die an diesem Ort möglich ist. Es sei denn, man lässt die Brache wie bisher auch - aber das ist keine Lösung für die Zukunft, denn dann wird es auf ewig ein unwirtlicher Ort bleiben. Jetzt haben wir die Chance, dort einen lebendigen Tempel der Kunst zu schaffen, der sich mit den anderen Anrainern gut zusammenfügen wird.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz © imgao Foto: Wolf Prange

Bau des Museums der Moderne in Berlin beginnt

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Nach jahrelangen Diskussionen und Planungen ist in Berlin der erste Spatenstich für ein Museum der Moderne gemacht worden. Ein Gespräch mit einem der Federführer des Baus, Hermann Parzinger.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.12.2019 | 19:00 Uhr