Stand: 11.07.2019 15:25 Uhr

"Deutschland hat den besten Buchmarkt der Welt"

Das unabhängige Journal für Literatur "Lesart" wurde 1994 von Karsten Schröder in Rangsdorf bei Berlin gegründet und seitdem als Ein-Mann-Unternehmen betrieben. Mit der letzten Ausgabe war nach 25 Jahren die 100. Ausgabe erreicht - und Schluss. Denn Karsten Schröder musste aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Das wäre das Aus für "Lesart" gewesen, hätte an dieser Stelle nicht der für sein Engagement bekannte Rostocker Buchhändler Manfred Keiper gesagt: Ich mache "Lesart" weiter. In der kommenden Woche erscheint die erste Ausgabe aus Rostock.

Herr Keiper, was versprechen Sie sich davon? Sie als Buchhändler müssten doch eigentlich wissen, dass ein Literaturmagazin eher ruiniert als reich macht?

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Der neue Herausgeber der "Lesart" Manfred Keiper

Manfred Keiper: Das kommt darauf an, welche Ansprüche man hat. Ich will ja nicht Marktführer oder Millionär damit werden. Die "Lesart" ist für mich wichtig geworden, weil es ein wunderbares Literaturmagazin ist, mit einer wunderbaren Auswahl an Büchern. Für meine eigene Buchhandlung habe ich es als Kundenzeitschrift und Werbemittel benutzt. Für mich ist es eine tragende Säule meiner Öffentlichkeitsarbeit geworden. Darauf wollte ich nicht verzichten. Mittlerweile habe ich registriert, dass es auf dem Markt der Literaturrezeption nicht gerade schöne Veränderungen gibt. Früher gab es immer umfangreiche Messe-Magazine der großen Zeitungen. Das ist alles arg zusammengeschmolzen. Das ist traurig. Ich habe mich gerade noch mit anderen Kulturjournalisten darüber unterhalten, die sagten: Alle besprechen dann auch noch dieselben Titel. Diese Fokussierung in dem wohl besten Buchmarkt der Welt, den wir hier in Deutschland haben, die finde ich einfach traurig. Wir leben hier von der Vielfalt und diese Vielfalt möchte ich ein wenig weiter damit gewährleisten, weil die "Lesart" ein Literaturmagazin ist, das seine Bücher ein bisschen neben dem Mainstream aussucht.

Herr Keiper, beschreiben Sie für all diejenigen, die "Lesart" nicht kennen, was ist das Spezifische daran?

Keiper: Also es sind durchweg Rezensionen, Besprechungen, Vorstellungen von Büchern. Relativ aktuell, aber nicht immer das Allerneueste, sondern was im Gespräch ist. Ab und zu werden natürlich auch bestimmte Schwerpunktthemen gesetzt. Auf 80 Seiten sind also zwischen 60 und 90 Rezensionen versammelt. Das Spannende ist eben die Auswahl der Titel. Wir haben jedes Jahr in Deutschland um die 90.000 Neuerscheinungen und Neuauflagen, und davon allein 10.000 aus dem Bereich Romane und Erzählungen. Da gibt es viel zu entdecken.

In gewisser Weise ist "Lesart" aber ja auch ein Kundenmagazin. Ist es damit nicht doch auch ein bisschen kommerziell und werblich?

Keiper: Es ist vollständig redaktionell erstellt. Natürlich, es finanziert sich über Anzeigen, die sind aber losgelöst von den Texten. Das mag ein Unterscheidungsmerkmal für manche dieser Magazine sein, die sonst auf dem Markt sind.

Sie machen "Lesart" ab kommender Woche in Rostock mit einem Rostocker Team. Nun ist Rostock nicht gerade das Epizentrum des deutschen Literaturbetriebs. Ist das in gewisser Weise auch ein Standortnachteil?

Keiper: Ja, durchaus. Weil, ich sag mal so: Viele Autoren, die man in Berlin unter Umständen auf dem Markt trifft, oder in der Markthalle, die muss man hier versuchen, per Mail anzuschreiben. Wir leben heute natürlich auch in ganz anderen Zeiten der Kommunikationstechnologien. Das ist schon leicht. Gerade habe ich eine E-Mail von einem Autoren bekommen, der die Rubrik "Lyrik" übernehmen kann. Ich habe mir gewünscht, dass wir in Zukunft in der "Lesart" auch eine Rubrik "Lyrik" haben. Eine Seite, auf der drei Lyrik-Titel in jeder Ausgabe vorgestellt werden. Lyrik hat immer noch so ein Schattendasein in der Literatur, obwohl Lyrik natürlich etwas ist, in dem Sprache, in dem Gedanken äußerst verdichtet sind. Also ein kurzes Gedicht kann dazu führen, dass Sie äußerst lange ins Nachdenken kommen - vielleicht so lange, wie ein Roman mit über 500 Seiten, den sie in derselben Zeit lesen könnten. Wer weiß, vielleicht haben Sie durch diese 20 Zeilen wesentlich mehr geistige Anregung bekommen.

Gewähren Sie uns noch ein bisschen einen Einblick: Was wird in der "Lesart"-Ausgabe nächste Woche stehen?

Keiper: Wir haben die 80 Seiten gefüllt. Es sind Kinderbücher drin, es sind viele Sachbücher drin. Diese Ausgabe hat im Wesentlich davon gelebt, dass die Autoren, die Karsten Schröder bereits um sich versammelt hatte, uns Vorschläge gemacht haben. Wir haben als Aufmacher den Titel "Liebe Kitty" gewählt: Briefe, die ein Roman-Fragment bilden von Anne Frank. Der kleine schweizerisch-deutsche Secession Verlag hat diese Briefe gefunden, entdeckt, aufgearbeitet und daraus einen kleinen Band gemacht. Das Tagebuch von Anne Frank kennt mittlerweile fast jeder Schüler. Aber dass dieses junge Mädchen tatsächlich ganz große Ambitionen gehabt hat und offenkundig auch ein großes Talent, Schriftstellerin zu werden, das ist runtergefallen. Das ist als Zeugnis über den Holocaust, über die Judenverfolgung genommen worden. Aber dass dort auch ein Talent mit vernichtet worden ist, das hat dieser Verlag uns ins Gedächtnis gerufen. Darüber habe ich mich gefreut.

Das Interview führte Jürgen Deppe

 

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.07.2019 | 19:00 Uhr