Stefan Heße, Erzbischof der Diözese Hamburg © dpa Foto: Markus Scholz

Hamburger Erzbischof nach Vorwürfen in der Defensive

Stand: 20.11.2020 17:42 Uhr

Nach Vorwürfen, er habe als ehemaliger Personalchef des Erzbistums Köln einen Missbrauchsfall vertuscht, will der Hamburger Oberhirte Stefan Heße sein Amt als Geistlicher Assistent beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ruhen lassen, bis der Sachverhalt geklärt ist. Zudem bat er Rom um eine Prüfung der Angelegenheit.

Ein Kommentar von Florian Breitmeier aus der Redaktion Religion und Gesellschaft

Die Entscheidung des Hamburger Erzbischofs war ein überfälliger Schritt. Wie es aber weitergeht, ist offen. Zum Stillstand kommt die Debatte um Vertuschungsvorwürfe, Verantwortung, mögliches Fehlverhalten in der Vergangenheit jedenfalls nicht. Bis zum März 2021, wenn das Erzbistum Köln ein neues Gutachten zum Umgang mit früheren Missbrauchsfällen angeblich veröffentlichen will, dauert es noch lange. Zu lange, als dass Betroffene sexualisierter Gewalt, die kritische Öffentlichkeit, aber auch Katholikinnen und Katholiken, die zunehmend fassungslos auf die Vorgänge in ihrer Kirche schauen, geduldig abwarten werden. Und das ist richtig so. Es geht nicht nur um Einzelne, um einzelne Fälle und Fehler - es geht ums Ganze. Und die Zeit drängt. Das Tempo ist derzeit atemberaubend.

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Rückblick auf eine bewegte Woche

Am Montag forderte der amtierende Bischof von Aachen, Helmut Dieser, seinen Vorgänger und dessen Generalvikar öffentlich dazu auf, Zeichen der Reue zu zeigen. Bischof Dieser hatte zuvor ein Missbrauchsgutachten für sein Bistum veröffentlicht, in dem deutlich wurde, dass die früheren leitenden Geistlichen des Bistums vor allem am Schutz der Täter interessiert waren, nicht am Schicksal der Betroffenen. Dann gaben Mitte der Woche zwei Mitglieder des Kölner Betroffenenbeirates ein Zeitungsinterview, in dem sie dem Erzbistum Köln vorwarfen, zeitlich massiv unter Druck gesetzt worden zu sein. Was war passiert? In einer eilig einberufenen Sitzung des Erzbistums Köln sollte eine länger geplante Entscheidung endgültig fix gemacht werden. Es handelte sich um das Gutachten einer Münchener Anwaltskanzlei, die den Umgang des Erzbistums mit Missbrauchsfällen untersucht hatte. Das Gutachten sollte nicht mehr veröffentlicht werden, weil es aus Sicht der Kölner Bistumsleitung erhebliche Mängel aufweise.  

Es drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, dass hier Missbrauchsopfer für kirchenpolitische Ziele instrumentalisiert wurden. Damit nicht genug: Am Donnerstag wurde durch einen Zeitungsbericht bekannt, dass der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki bereits im Frühjahr 2019 einen Brief an den Hamburger Erzbischof und früheren Personalchef des Erzbistums Köln, Stefan Heße, geschrieben hatte. In dem Schreiben informierte der Kölner Erzbischof seinen Amtsbruder in Hamburg über laufende Untersuchungen besagter Münchener Anwaltskanzlei in einem konkreten Fall. Kardinal Woelki habe dazu eine Sonderexpertise in Auftrag gegeben, hieß es. Dieser Fall spielte selbstverständlich auch im großen, nun nicht mehr veröffentlichten Münchener Gutachten eine Rolle. Zumindest Informationen und Einschätzungen daraus waren Kardinal Woelki also vermutlich bekannt, obwohl er nicht müde wurde zu betonen, er werde vom Inhalt des Gutachtens erst bei dessen Veröffentlichung erfahren.

Scheitert die katholische Kirche als Institution?

Und zum Wochenende nun die Entscheidung des Hamburger Erzbischofs, sein Ehrenamt als Geistlicher Assistent beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken ruhen zu lassen - bis zur Klärung aller Sachverhalte. Die Zeit drängt. Der Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt ist für die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche das zentrale Thema. Wenn sie hier scheitert, Betroffene hinhält, billig abspeist, für eigene Zwecke instrumentalisiert, Gutachten unter Verschluss hält, sich juristisch mit sich selbst beschäftigt, dann scheitert die Kirche als Institution insgesamt. Dann kann die katholische Kirche mit Blick auf ihre Glaubwürdigkeit einpacken. Dann endet auch der Synodale Weg, bevor er richtig begonnen hat. Der Reformprozess, den die Deutsche Bischofskonferenz als Reaktion auf den Missbrauchsskandal gemeinsam mit den Laien ins Leben gerufen hat. Aber ruhende Ehrenämter und folgenlose Schuldbekenntnisse werden nicht ausreichen, wenn nach wie vor so viele Fragen im Raum stehen: in Hamburg, in Köln und andernorts.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kommentar | 20.11.2020 | 18:00 Uhr

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