Stand: 18.12.2019 17:01 Uhr

60 Jahre DESY: Was ist das Alphabet des Universums?

Seit bereits 60 Jahren bestreitet das Forschungszentrum DESY in Hamburg Bahrenfeld Grundlagenforschung in den Bereichen: Beschleunigertechnologie, Strukturforschung und Teilchen- und Astroteilchenphysik. NDR Kultur hat dem DESY-Direktor Helmut Dosch zum Jahrestag gratuliert.

Herr Dosch, herzlichen Glückwunsch.

Helmut Dosch: Danke sehr. Wir freuen uns auch über unseren Geburtstag und haben schon tüchtig bei Punsch gefeiert - natürlich ohne Alkohol.

Können Sie einem Laien wie mir erklären, was Sie da seit sechs Jahrzehnten machen?

Der Physiker Helmut Dosch  Foto: Heiner Müller-Elsner
Helmut Dosch ist Leiter des Deutschen Elektronen-Synchrotrons in Hamburg.

Dosch: Diejenigen, die DESY ein bisschen beobachtet haben, wissen, dass wir seit 60 Jahren eine Mission verfolgen, nämlich zu verstehen, wie unsere materielle Welt funktioniert. Das ging bei uns in den 60er-Jahren los, als wir die kleinsten Bausteine unserer Welt verstehen wollten. Was ist das Alphabet des Universums? Elektronen, Kernteilchen, Protonen, Neutronen - das sind Bausteine, die man in der Schule kennenlernt. Wir haben festgestellt, dass man die noch weiter zerlegen und ein Periodensystem der Elementarteilchen erstellen kann. Diese Mission haben wir mittlerweile erweitert, indem wir hochauflösende Mikroskope bauen, um ins Innere der Nanowelt zu gucken. Da schauen wir uns verstärkt an, wie Materialien funktionieren, blicken also in ihren molekularen Maschinenraum und versuchen herauszufinden, wodurch bestimmte Funktionen der Materialien mikroskopisch vermittelt werden. Was machen die Elektronen in den Materialien? Warum ist ein Material ein guter oder ein schlechter Halbleiter? Warum ist ein Material supraleitend? Und so weiter.

Wem dient diese Forschung? Das klingt ein bisschen danach, dass das in der Industrie Anwendung findet. Übernehmen Sie da als unabhängiges Institut nicht die Aufgabe der Industrie?

Weitere Informationen
Luftaufnahme von DESY aus dem Jahr 1965 © DESY 1965

DESY: Auf der Spur der Elementarteilchen

Am 18. Dezember 1959 fällt in Hamburg der Startschuss für eines der weltweit wichtigsten Zentren zur Erforschung der Materie. Seither erkunden Wissenschaftler bei DESY den Nanokosmos. mehr

Dosch: Wir bleiben schon bei unserem Grundlagenkonzept. Aber wenn Dinge, die wir entdecken, direkte Relevanz haben für unmittelbare Anwendungen, dann sind wir auch mit der Industrie in Kontakt. Wir machen in dem Sinne aber keine Auftragsforschung. Alles, was Sie derzeit in der Hand haben, vom Handy bis zum Auto, ist irgendwann in den Küchen der Festkörperphysiker, der Materialforscher gewesen, die sich diese Materialien ausgedacht und deren Wirkungsweise gesteigert haben. Was wir da machen, ist Grundlagenforschung. Das ist eine Investition für unsere Kinder und Enkel, damit die das Wissen haben, um mit den Herausforderungen der Zukunft umzugehen - so wie wir heute mit dem Wissen, was unsere Väter kreiert haben, Ingenieurleistungen erbringen. Insofern produzieren wir die Wissens- und Erfahrungsbasis für die Zukunft. Das ist auch ein gewisser Generationenvertrag, den wir da erfüllen.

In Hamburg entsteht derzeit der DESY-Campus. Das soll - nach eigenem Bekunden - "die Keimzelle für einen neuen Wissenschafts-Stadtteil werden: Science City Bahrenfeld." Was wird dort geschehen?

Dosch: Die Stadtväter hier haben sich entschlossen, einen Stadtteil zu entwickeln, der sich auf Forschung und Entwicklung konzentriert. Das ist einmalig in Deutschland. Die ganze Nation guckt derzeit nach Hamburg. Der Plan ist in der Tat einzigartig: mit der Forschungskeimzelle den Forschungscampus des 21. Jahrhunderts zu konzipieren.

DESY in Fakten und Zahlen

  • Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft
  • gegründet am 18. Dezember 1959 in Hamburg
  • Standorte: Hamburg und Zeuthen (Brandenburg)
  • Etat: 230 Millionen Euro pro Jahr, davon 211 Millionen Euro in Hamburg, 19 Millionen Euro in Zeuthen
  • finanziert zu 90 Prozent vom Bund, 10 Prozent finanzieren Hamburg und Brandenburg
  • etwa 2.300 Mitarbeiter
  • jährlich rund 3.000 Gast-Forscher aus mehr als 40 Nationen

Wie steht es denn überhaupt um den Standort Deutschland in der Spitzenforschung? Man hört ja Unterschiedliches, meistens eher Negatives. Wenn ich Sie jetzt höre, dann klingt das eher optimistisch.

Dosch: Wir Deutschen haben teilweise die Fähigkeit, alles schlechtzureden. Ich sehe das wesentlich optimistischer. Wenn Sie zu uns auf den Campus kommen und gucken, wer bei uns alles arbeitet, dann wären Sie ganz schnell vom Gegenteil überzeugt. Wir haben in den letzten zehn Jahren die Spitzenleute aus Oxford, vom Lawrence-Livermore-Labor, vom Lawrence-Berkeley-Labor, vom MIT hierher anlocken können, die mit ihren Familien umgezogen sind, um hier ein neues Zelt aufzuschlagen.

Im kommenden Jahr wird es die DESY-Dialogoffensive geben, bei der Forscherinnen und Forscher Schülerinnen und Schülern erklären, was sie im Forschungszentrum eigentlich machen. Sie gehen auch in Kneipen und Bars und stellen dort vor, was Sie machen. Ist das auch ein bisschen Werbung um Akzeptanz? Denn immerhin wird DESY von der Stadt Hamburg mit sehr viel Geld unterstützt.

Dosch: Letztlich sind es die Steuerzahler, die hier zahlen. Wir haben immer schon eine Bringschuld gehabt, dass wir der Bevölkerung erläutern, was mit ihren Steuergeldern passiert. Insofern ist das nichts Neues. Wir haben in Deutschland ein hohes Gut - Artikel 5.3: Freiheit der Forschung -, was uns relativ viele Freiräume für die Umsetzung unserer Ideen gibt. Aber es ist auch eine Verantwortung: dass wir verantwortlich damit umgehen, was wir erforschen, aber auch, wie wir das kommunizieren. Wir haben das Format "Wissen vom Fass" entwickelt, wo seit einigen Jahren Professoren und junge Wissenschaftler in die Kneipen von Hamburg gehen, dort Bier zapfen und dort über interessante Themen aus der aktuellen Wissenschaft berichten. Das ist ein absoluter Renner: Für die Kneipenbetreiber ist das ein gutes Geschäft, denn die Kneipen sind alle gerammelt voll.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.12.2019 | 19:00 Uhr

NDR Kultur Livestream

Matinee

09:00 - 13:00 Uhr
Live hörenTitelliste