Stand: 19.07.2020 07:48 Uhr

Corona: Woher kommt das Virus?

Wann und wie und wo hat sich erstmals ein Mensch mit dem neuartigen Coronavirus infiziert? Ist dies - wie es etliche Virologen für wahrscheinlich halten - auf einem Markt in Wuhan, auf dem Wildtiere verkauft wurden, passiert? Oder stammt das Virus aus einem Labor dort, wie das Weiße Haus suggeriert hat? Weil verlässliche Informationen und Quellen rar sind, haben sich um die Herkunft des Virus und dessen Verbreitung etliche Legenden gebildet. In den kommenden Wochen begeben wir uns in den "Gedanken zur Zeit" mit den Korrespondentinnen und Korrespondenten der ARD auf den Spuren des Virus auf eine Reise um die Welt - von China über Italien, Österreich, Frankreich, Großbritannien und die USA bis nach Argentinien.

von Georg Mascolo

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Georg Mascolo leitet seit 2014 den Rechercheverbund von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung".

In den vergangenen Tagen machten sich zwei Wissenschaftler der Weltgesundheitsorganisation, der WHO, auf den Weg nach China. Das Ziel ihrer Reise ist Peking, einer von ihnen ist Epidemiologe, der andere ein Experte für Tiermedizin. Die beiden sind eine Art Vorauskommando, sie sollen den Weg bereiten, dass schon bald eine große Truppe der WHO an einem anderen Ort Chinas seine Arbeit aufnehmen kann - in Wuhan. In der Zentrale der WHO im beschaulichen Genf sprechen sie von einer "wahren Detektivarbeit". Sie sollen herausfinden, woher ein neuartiges Virus namens Sars-CoV-2, das die Welt bedroht, nun wirklich stammt.

Coronavirus: USA gegen China

Seit Monaten versucht die WHO die chinesische Regierung davon zu überzeugen, diese Mission endlich zuzulassen. Mehr als 120 Staaten unterstützen dieses Vorhaben, sie drücken und drängen. Die Bundesregierung gehört zu ihnen. Und ebenso lange blockte das Regime in Peking eben dies ab. Unabhängige Experten werde man erst ins Land lassen, wenn man "den endgültigen Sieg" über das Virus errungen habe, erklärte noch im Mai der chinesische Botschafter bei den Vereinten Nationen in Genf. Außerdem müsse die "richtige Atmosphäre" für eine solche Untersuchung herrschen, ohne die "absurde und lächerliche" Politisierung, die derzeit stattfinde.

Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Woher kommt das Virus?

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Wann und wie und wo hat sich erstmals ein Mensch mit dem neuartigen Coronavirus infiziert? Ist dies auf einem Markt in Wuhan passiert? Oder stammt das Virus aus einem Labor dort?

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Das richtete sich an die USA. Dort befeuerten in den vergangenen Monaten der Präsident Donald Trump und sein Außenminister Mike Pompeo immer wieder die These, dass das Virus gar nicht aus der Natur stamme, sondern aus einem Labor. Wuhan ist das Zentrum der chinesischen Viren-Forschung und die US-Variante hieß, dass dieser neue Erreger entweder dort entwickelt oder von dort entwichen sei. Von "enormen und signifikanten Belegen" sprach Pompeo. China, so sagt es Washington, habe eine lange Geschichte damit, die Welt zu infizieren und dies zu vertuschen.

Jetzt scheint es auf chinesischer Seite ein kleines bisschen Bewegung zu geben. Immerhin. Am großen Bild ändert dies leider nur wenig. In Zeiten, in denen die Welt wie selten zuvor auf Zusammenarbeit, auf Kooperation angewiesen wäre, liefern sich zwei Staaten ein Kopf-an-Kopf-Rennen über die Frage, wer sich am unverantwortlichsten verhält. China, das Land, aus dem dieses Virus nach allem, was man bisher weiß, stammt. Und die USA, die wie kein anderes Land von dieser Krankheit betroffen sind. Inzwischen gibt es dort jeden Tag Zehntausende neue Infizierte.

Gefährliche Täuschung

Um mit China zu beginnen: Schon jetzt sind die Belege überwältigend, dass die chinesische Führung die WHO und damit die Welt zu spät über diesen neuen Ausbruch informierte. Leider stimmen die US-Vorwürfe, dass dies eine Geschichte hat. Beim Ausbruch des ersten Sars-Virus vor fast 20 Jahren verschwieg die Führung in Peking diese neue gefährliche Krankheit für lange Zeit.

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Bei Sars-CoV-2 war dies lange nicht in diesem Umfang der Fall. Aber inzwischen sind zahlreiche Details bekannt, wie jene Ärzte in Wuhan gemahnt, gemaßregelt und verfolgt wurden, die früh über die Gefährlichkeit der neuen Lungenkrankheit berichten wollten. Unter ihnen war der Augenarzt Li Wenliang. Er wurde dafür von den Behörden wegen der Verbreitung von Gerüchten strafrechtlich verfolgt. Später starb er, gerade einmal 33 Jahre alt, selbst an dem Virus.

Der alte Reflex Chinas, zu täuschen und nur zuzugeben, was sich gar nicht mehr verheimlichen lässt, war mindestens teilweise noch intakt. Im Netz wurden Begriffe wie "unbekannte Lungenkrankheit" oder "Gesundheitsamt Wuhan" von den Zensoren gelöscht.

Zu denen, die früh skeptisch waren, ob man ausreichend Informationen erhält, gehörte übrigens auch der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler. Er wählte einen ungewöhnlichen Weg, um mehr in Erfahrung zu bringen: Er fragte einen alten Studienfreund um Hilfe, Bruno Kahl, der heute Präsident des Bundesnachrichtendienstes ist.

Peking verfiel in alte Muster: Die chinesische Botschaft in Paris verbreitete per Twitter, das Virus sei möglicherweise bereits im vergangenen September in den USA aufgetreten, Trump wolle dies vertuschen. Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums verbreitete die These, die US-Armee habe die Krankheit in Wuhan eingeschleppt.

Keine Beweise für künstliche Herstellung

Und damit zu den Vorwürfen aus Washington: Belege, dass dieses Virus aus einem Labor stammt, gibt es nicht. Sogar die US-Geheimdienste haben ganz offiziell der Einschätzung widersprochen, dass es Hinweise darauf gebe, dass Sars-CoV-2 künstlich hergestellt wurde, etwa durch Genmanipulation.

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Inzwischen haben europäische Regierungen immer wieder in den USA nachgefragt, welche Belege es für die von Trump und Pompeo behauptete These gebe. Es kam nichts. Wer so etwas behauptet, muss auch liefern, heißt es im Kanzleramt. Der Berliner Virologe Christian Drosten nennt die Laborthese "äußerst unwahrscheinlich".

In den vergangenen Wochen hat man von den Vorwürfen nicht mehr viel gehört. Aber in den USA läuft der Wahlkampf, für Trump sieht es nicht gut aus. Er wird alles tun, um zu gewinnen. Und auf China loszugehen kommt gut an. Jemand wie er wird keinen Unterschied machen zwischen berechtigten oder gar bewiesenen und nicht belegbaren oder auch erfundenen Vorwürfen. Wann hätte ihn dies je interessiert?

Das Ausmaß der chinesischen Vertuschung muss geklärt werden

Vor diesem komplexen diplomatischen Hintergrund soll nun diese wichtige Mission der WHO in China stattfinden. Politiker und Wissenschaftler in aller Welt warten dringend auf ihre Ergebnisse: Zu wissen, wie das Virus entstand, ist wichtig, um weitere Pandemien zu verhindern, Therapien zu entwickeln und hoffentlich einen Impfstoff herstellen zu können. "Die ganze Welt hat ein Interesse, dass der genaue Ursprung des Virus geklärt wird", sagt der deutsche Außenminister Heiko Maas.

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Die Suche wird sich zunächst auf den Huanan-Markt konzentrieren, ein Labyrinth, so groß wie sieben Fußballfelder. Tausende Kunden aus der Elf-Millionen-Metropole Wuhan schoben sich jeden Tag durch die engen Gassen, hinter den Ständen hingen Fleischstücke, es gab neben anderen Wildtieren auch Fledermäuse, Schlangen, Biber und Stachelschweine. Viele wurden direkt vor den Augen der Käufer geschlachtet. Hier soll das Virus von illegal vertriebenen Tieren - von welcher Art weiß man nicht - auf den Menschen übertragen worden sein. Dieser Ort, so vermutet man, soll der Ausgangspunkt einer weltweiten Pandemie sein. Der Markt ist seit Januar geschlossen, die dort genommenen Proben, so sagen es die Chinesen, habe man leider vernichtet. Ob dies die ganze Wahrheit ist, wird die WHO herauszufinden versuchen.

Sie wird auch versuchen aufzuklären, was die Ärzte in Wuhan wann wussten, was die örtlichen Behörden und die Parteiführung in Peking erfuhren. Das Ausmaß der chinesischen Vertuschung muss geklärt werden. Auch im Interesse der WHO, die China zunächst so laut für ihre angeblich entschiedenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus lobte. Die WHO muss klären, ob sie zu unkritisch, zu wenig fordernd, ja womöglich zu naiv gegenüber der Pekinger Führung auftrat.

Mit Fakten gegen Verschwörungsmythen

Aufklärung braucht es auch, um all den Verschwörungsmythen entgegenzutreten, die heute schon kursieren. Ein schneller Blick ins Internet reicht, um das Ausmaß dieses Irrsinns zu erkennen. Bill Gates spielt praktisch immer eine Rolle. Oft die Hauptrolle.

Einer derjenigen, die auf eine volle und umfassende Aufklärung hoffen, ist der ehemalige stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Jan van Aken. Er hat Biologie studiert und arbeitete von 2004 bis 2006 als Bio-Waffen-Inspekteur für die Vereinten Nationen. Heute sagt er: "Wir brauchen Fakten und wissenschaftliche Evidenz über das, was in Wuhan wirklich geschehen ist." Andernfalls werde es "Mythen und Verschwörungstheorien sehr leicht gemacht".

USA verlassen die WHO

Aber wird China, nach Monaten der Blockade, wirklich und in vollem Umfang kooperieren? Und wird sich die Trump-Regierung für das interessieren, was die WHO dann herausfindet? Man darf nicht allzu optimistisch sein. Als sich die Meldung verbreitete, dass die ersten beiden WHO-Wissenschaftler nun nach China reisen, sorgte eine andere Meldung für die weit größeren Schlagzeilen: Die USA haben bei den Vereinten Nationen die Unterlagen für den Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation eingereicht. Nach 72 Jahren Mitgliedschaft.

So ziemlich jeder Gesundheitsexperte in den USA hat vor diesem Schritt gewarnt. Die WHO zu reformieren und schlagkräftiger zu machen, sei richtig. Sie in dieser Phase zu schwächen, sei so falsch wie die Abschaffung der Feuerwehr während eines Großbrandes.

China und die USA haben versagt

Nicht einmal sieben Monate nach seiner Entdeckung hat ein neuartiges Virus die Welt, wie wir sie kennen, zum Erliegen gebracht. Es wird nicht das letzte Virus sein - und auch nicht die letzte Pandemie, die die Menschheit erlebt und erleidet. Wer hätte sich nicht alles gewünscht, eher auf die Mahner und Warner gehört zu haben. Für mehr Forschung, bessere Gesundheitssysteme und Schutzausrüstung gesorgt zu haben. Damit aus einer Krise keine Katastrophe wird.

Wer darauf hoffte, dass diese gemeinsame Bedrohung auch zu einem gemeinsamen Handeln führt, wird jedenfalls von zwei Ländern enttäuscht. China und die USA, die beiden bedeutendsten Mächte, haben, Stand heute, in dieser Bewährungsprobe versagt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 19.07.2020 | 19:00 Uhr