Stand: 15.08.2018 16:46 Uhr Archiv

Sehnsuchtsort Mekka

von Silvia Horsch

Einmal im Leben sollte jeder Muslim und jede Muslimin nach Mekka pilgern, den Geburtsort des Propheten Mohammed. Auch in diesem Jahr sind wieder zahlreiche Gläubige unterwegs, werden in der für sie heiligen Stadt in Saudi-Arabien in der kommenden Woche gemeinsam das Opferfest feiern. Die fünf-tägige Wallfahrt nach Mekka, auf Arabisch Hadsch, bedeutet für Muslime jedoch viel mehr als nur eine religiöse Pflicht.

Die Hadsch-Pilger machen sich auf die Reise und viele der Zurückgebliebenen wünschen sich wie ich, im nächsten Jahr an ihrer Stelle zu sein - oder wie es bei Muslimen heißt: von Allah zu seinem Haus eingeladen zu werden.

Heutzutage schicken viele Pilger Eindrücke via Whatsapp nach Hause, und man kann die Pilgerfahrt im saudischen Fernsehen über das Internet verfolgen. Die Wege nach Mekka, und auch Mekka selbst, haben sich in 1400 Jahren sehr gewandelt; die Kaaba ist jedoch nahezu unverändert geblieben, und die Riten der Hadsch sind noch immer die gleichen.

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Sehnsuchtsort Mekka

Auch für unsere Gastautorin Silvia Horsch hat die Pilgerreise nach Mekka eine ganz besondere Bedeutung. Audio (03:20 min)

Nur wenig Zeit, sich auf die besondere Atmosphäre einzustellen

Pilger aus früheren Zeiten haben uns ihre Erlebnisse in Berichten hinterlassen. Aber natürlich ist es etwas ganz anderes, selbst dabei zu sein. Vor knapp zwei Jahren habe ich die sogenannte kleine Pilgerfahrt gemacht, die Umra. Bei der Umra wird nur ein Teil der Hadsch-Riten vollzogen, und sie ist an keinen festen Zeitpunkt gebunden.  Heutige Pilger sind mit dem Flugzeug in ein paar Stunden in Saudi-Arabien, so wie auch ich damals. Ich hatte daher wenig Zeit, mich auf die ganz spezielle Atmosphäre einzustellen, die die heiligen Stätten prägt.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Reise sehr anstrengend und entbehrungsreich. Sie bereitete so aber die Pilger viel besser auf den Sinn der Pilgerfahrt vor. Für Muhammad Asad, einen österreichischen Journalisten und Diplomaten, war die Hadsch im Jahr 1927 die Reise seines Lebens - nicht umsonst nannte er seine Autobiographie "Der Weg nach Mekka". Von seiner Schiffspassage durch den Suez-Kanal schreibt er:

Über die Autorin

Silvia Horsch arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Sie studierte Germanistik und Arabistik in Berlin und promovierte zu frühislamischen Märtyrerfiguren. Seit 20 Jahren ist Silvia Horsch Muslimin. Es ist ihr wichtig, sich am gesellschaftlichen Diskurs über den Islam und muslimische Frauen zu beteiligen. Mit der Website Nafisa.de zum Beispiel. "Nafisa" ist auch auf Facebook vertreten und hat einen eigenen Youtube-Kanal.

"… In jeder Ecke und jedem Winkel waren menschliche Wesen qualvoll zusammengepfercht. … In großer Demut, nur mit dem Ziel der Fahrt vor den Augen ließen sie all diese Beschwerden widerspruchslos über sich ergehen. …Die Erschütterung, mit der sie der nahen Zukunft entgegenblickten, machte ihre Gesichter hell. Die Frauen sangen in Chören Lieder von der Heiligen Stadt, und immer wieder kam der Refrain `Labbayk, Allahumma, labbayk!`"

Für viele Muslime der religiöse Höhepunkt ihres Lebens

Der Refrain, den Muhammad Asad hier erwähnt, ist der Beginn der Talbiyah, des Pilgerrufs. Er ertönt, sobald die Gläubigen mit dem Anlegen zweier weißer Tücher in den Weihezustand eintreten. Labbayk Allahumma labbayk bedeutet: “Hier sind wir, o Gott, Dir zu Diensten.“ Diesen Ruf habe auch ich in Mekka gehört, manchmal schwillt er zu einem überwältigenden Chor an. Er drückt eine Konzentration auf Gott aus, eine Bereitschaft, Anstrengung auf sich zu nehmen, eine Zielgerichtetheit und ein Gefühl für Sinn, wie ich es in dieser Intensität nur als Pilgerin erlebt habe.

Die Sehnsucht bleibt

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Die Kaaba - im riesigen Innenhof der großen Moschee in Mekka - ist das zentrale Heiligtum der Muslime. Die Gläubigen umkreisen sie sieben Mal.

Die Pilger sind immer unterwegs. Sie schlafen wenig und laufen viel, sie wollen zum Gebet in die große Moschee, sie wollen die Kaaba umrunden, sie wollen vom Wasser des Brunnens Zamzam trinken. Wenn sie nicht in Bewegung sind, sind sie oft tief in Gebet und Gottesgedenken versunken. Unter den Pilgern sind Menschen, denen man ihre Armut ansieht, trotz der Pilgerkleidung, die für alle gleich ist. Menschen, die die Ersparnisse ihres ganzen Lebens für diese Reise aufgewendet haben und deren Vermögen manchmal dennoch nur für die Fahrt, aber nicht mehr für das Hotel reicht und die nun unter einer Brücke schlafen. Die Riten der Pilgerfahrt vollziehen zu können, die Kaaba zu sehen und zu umrunden, ist die Erfüllung ihrer lang gehegten Sehnsucht.

Vollständig gestillt wird diese Sehnsucht jedoch nie. Denn wer die Kaaba einmal gesehen hat, will immer wieder zu ihr zurückkehren. Das habe ich erst verstanden, als ich dort war. Und seitdem wünsche ich mir jedes Jahr, ich wäre unter den Pilgern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 17.08.2018 | 15:20 Uhr