Sendedatum: 09.02.2018 15:20 Uhr  | Archiv

Polygamie: Debatte um Vielehe im Islam

von Hüseyin Topel

Polygamie ist in Deutschland verboten. Aber es gibt die Vielehe immer noch, zum Beispiel in islamisch geprägten Ländern. Als vor kurzem bekannt wurde, dass zwei geflüchtete syrische Männer im Landkreis Pinneberg ihre Zweitfrauen zu sich holen durften, sorgte das für einigen Wirbel. Dabei wird diese Lebensform auch von den meisten Muslimen in Deutschland abgelehnt.

Stimmen zum Thema

Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Lehrerin mit syrischen Wurzeln, kennt das Thema Polygamie aus nächster Nähe. Sie hat drei Großmütter und sogar Onkel, die jünger sind als sie. Ihr Großvater heiratete in Syrien eine zweite Frau: "Die erste Frau konnte ihm nicht mehr Kinder schenken als vier. Das war ihm aber zu wenig. Dann hat er sich eine Zweitfrau genommen, mit der er elf Kinder hatte. Aber ich weiß, dass von der Generation meiner Eltern keiner eine polygame Beziehung eingegangen ist. Das heißt, es nimmt schon tendenziell ab, weil die Moderne Platz in dieser Gesellschaft gefunden hat."

"Nicht mit mir!"

Wie viele Männer und Frauen in Deutschland polygam zusammenleben, ist nicht bekannt. In Moscheen geschlossene Ehen werden nicht registriert. Mehtap Kulin ist eine moderne, verheiratete Muslimin aus Hamburg. Polygamie? Das kommt auch für sie nicht in Frage: "Ich habe vor unserer Hochzeit nicht einmal Scherze über dieses Thema geduldet. Es ist für mich unvorstellbar, jemanden zu heiraten, der solche Absichten hat. Nicht mit mir! Aber Gott sei Dank ist mein Mann nicht so einer. Ich habe auch noch nie jemanden kennengelernt, der heute anders über dieses Thema denkt."

Die Vielehe ist in Deutschland per Gesetz nicht erlaubt. Aber Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, werden in der Regel nach dem Recht des Heimatlandes von den deutschen Behörden anerkannt. Bei der Vielehe wird im Einzelfall entschieden. Im Kreis Pinneberg etwa wurde zwei syrischen Flüchtlingen der Nachzug ihrer Zweitfrauen genehmigt. Nicht um diese als Ehefrauen anzuerkennen, sondern um Mütter mit ihren Kindern zu vereinen.

Der Koran erlaubt Polygamie

"So heiratet an Frauen, die euch gut erscheinen, zwei, drei oder vier, wenn ihr fürchtet, nicht gerecht zu sein, heiratet nur eine." Aus der Sure 4,3

So steht es im Koran. Die Vorschriften des Koran verpflichten jedoch auch Männer, die mehr als eine Frau haben wollen, zu strenger Gleichbehandlung; finanziell, körperlich und auch emotional. Wer diese Bedingung nicht erfüllen kann, sollte nur eine Ehefrau haben. "Der Koran spricht eher davon, und auch die Hadithe über Mohammed, dass die Mehrehe nicht unbedingt allen empfohlen wird", sagt Lamya Kaddor. "Dass sie zwar möglich ist, aber dass die Empfehlung eher in Richtung Monogamie geht. Das wird schon so klar so gesagt."

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Polygamie: Debatte um Vielehe im Islam

Ein Mann - mehrere Ehefrauen. Für viele Deutsche ist das unvorstellbar, egal ob Christin oder Muslim. Aber es gibt die Vielehe immer noch. Audio (03:33 min)

Eine Form der Versorgungsehe

Die Islamwissenschaftlerin erinnert auch daran, dass die Stellung der Frau in der vorkoranischen Gesellschaft noch sehr ungeschützt war. Männer konnten über Leben und Tod ihrer Frauen und Kinder entscheiden: "Der Koran erzählt in einer Sure weiter hinten im Koran, dass man aufhören solle, neugeborene Mädchen bei lebendigem Leibe zu verscharren. Also, es gab diese Praxis, die auch sehr frauenfeindlich war." Betrachtet man die Situation der arabischen Frauen vor 1.400 Jahren, erkennt man in den Regeln zur Polygamie also durchaus einen sozialen Fortschritt. "Möglicherweise gab es Zeiten, in denen die Polygamie 'nutzvoll' war. Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, das heißt, in denen die Polygamie für die damaligen Verhältnisse einen Sinn machte. Vielleicht soziale Absicherung. Aber das heißt nicht, dass sie für immer Sinn machen muss."

Der Islam sei kein theologisches oder ethisches Konzept, das kontextlos gelebt werden könne, so Kaddor. Er müsse immer in die jeweilige Zeit eingebettet werden, um sinnvolle und pragmatische Lösungen zu finden. Das gelte auch für die Polygamie. "Mir persönlich geht es immer auch darum, zu schauen, was der koranische Geist ist, der göttliche Geist, was darin offenbart ist. Und das dann in die heutige Zeit zu übertragen. Denn der erste Impuls war es damals, Frauenrechte zu stärken und Frauen zu emanzipieren. Dann muss das heute weitergedacht werden."

Hinweis der Redaktion: In einer vorigen Version hatten wir geschrieben, dass auch die Mormonen in den USA die Vielehe praktizieren. Dies ist nicht richtig. Die Polygamie wurde von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bereits im Jahr 1890 abgeschafft. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 09.02.2018 | 15:20 Uhr