Stand: 30.01.2020 15:09 Uhr

Die Religion von Politikern ist irrelevant!

von Canan Topçu

Kann ein Muslim in Bayern Bürgermeister werden, noch dazu als Angehöriger einer Partei, die das C für "christlich" im Namen trägt? In den vergangenen Wochen sorgte diese Frage für Schlagzeilen und für kontroverse Diskussionen in der Partei selbst. Dabei sollte die Religionszugehörigkeit bei politischen Ämtern keine Rolle spielen, meint die Publizistin Canan Topçu in ihrem Gastkommentar.

Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance
Die Religionszugehörigkeit bei politischen Ämtern sollte keine Rolle spielen, meint die Publizistin Canan Topçu.

Sagt Ihnen der Name Aygül Özkan noch etwas? Sie war von 2010 bis 2013 niedersächsische Ministerin für Soziales und Integration. Der damalige Ministerpräsident Christian Wulff hatte sie in sein Kabinett geholt. Aygül Özkan erhielt sehr viel Aufmerksamkeit - nicht etwa, weil sie zuvor kaum jemand kannte, sondern weil sie es als Frau mit türkischer Herkunft und muslimischer Religionszugehörigkeit in der CDU so weit brachte.

Medien betitelten die CDU-Politikerin als Deutschlands "erste muslimische Ministerin mit türkischen Wurzeln". Und das, obwohl sich Aygül Özkan öffentlich nicht darüber geäußert hatte, ob sie tatsächlich religiös ist und wie sehr sie ihren Glauben praktiziert. Den Berichterstattern reichte es aus, dass sie Tochter türkischer Eltern ist, um aus der Ministerin eine Muslimin zu machen. Wie sehr Aygül Özkan das verwundert hat, erklärte sie nach ihrem Ausscheiden aus der Politik. In ihrer Zeit als Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft habe nicht ihre religiöse Zugehörigkeit, sondern ihr "migrantischer Hintergrund" eine Rolle gespielt. Diese Zuschreibung sei mit der Berufung zur Ministerin durch ihre Konfession abgelöst worden. Dabei stamme sie aus einem "liberalen Elternhaus", und Religion habe in ihrer Familie nie im Vordergrund gestanden. Aygül Özkan stellte zudem fest, dass in der Berichterstattung die christliche Religion ihrer Kabinettskollegen nie ein Thema gewesen sei.

Niedersachsens Familienministerin Aygül Özkan (CDU) sitzt am 30.03.2012 auf einer Pressekonferenz in Berlin (Archivbild). © picture alliance / dpa Foto: Sebastian Kahnert
Aygül Özkan war von 2010 bis 2013 niedersächsische Ministerin für Soziales und Integration.
Keine Einzelfälle

Aygül Özkan wagte damals eine Prognose: In einigen Jahren würden Medien der muslimischen Konfession von Politikerinnen und Politikern weniger Aufmerksamkeit schenken. Noch scheinen wir jedoch nicht so weit zu sein: Schon bei seiner Kandidatur für das Amt des hannoverschen Oberbürgermeisters wurde der Bündnisgrüne Belit Onay von einigen Medien als Muslim gelabelt. Dabei hatte der türkeistämmige Politiker in seinem Wahlkampf darauf hingewiesen, dass für ihn als "liberalen Muslim" Religion nur privat eine Rolle spiele. Kategorien wie Ethnie und Religion erachte er für das Amt des Oberbürgermeisters als irrelevant.

Aygül Özkan und Belit Onay sind keine Einzelfälle. Wenn Medien über Politiker berichten, die Wurzeln in einem islamisch geprägten Land haben, wird ihnen schnell das Label "Muslim" verpasst. Aygül Özkan ist zudem ein Beispiel dafür, dass die Zugehörigkeit zum Islam kein Hindernis für die politische Karriere in einer Partei ist, die sich dem Namen nach als christlich definiert. Im Gegenteil. Christian Wulff hatte Özkan aus politischem Kalkül in sein Kabinett geholt: Er signalisierte, dass die CDU auch eine Partei für muslimische Politiker und Wähler ist. In der Tat finden - anders als früher - viele Muslime ihre politische Heimat auch in Parteien mit dem C im Namen - als Wähler und auch als Funktionäre, im Norden wie im Süden der Republik.

Wichtig ist eine Berichterstattung, die nicht die Ausgrenzung von Muslimen befeuert

Die Akteure in der deutschen Politik, deren familiäre Wurzeln in einem islamisch geprägten Land liegen, verstehen sich als Bürger dieses Landes, sie wollen das Zusammenleben aktiv mitgestalten - als Demokraten, die sich den humanistischen Werten verpflichtet fühlen. Sie über ihre religiöse Zugehörigkeit zu definieren, ist nicht richtig!

Kommentar
Canan Topcu © Canan Topçu Foto: Christoph Boeckheler

Islam: Berichterstattung nicht grundsätzlich negativ

Ist die Berichterstattung über den Islam in den deutschen Medien zu negativ? "Wie bei allem gilt es auch bei der Medienkritik zu differenzieren", findet die muslimische Publizistin Canan Topçu. mehr

Richtig ist hingegen die Empörung, wenn sich die Parteibasis - wie jüngst in einem 3.000-Seelen-Örtchen in Bayern - gegen die Kandidatur eines "Muslims" als Bürgermeister ausspricht. Bis vor gar nicht so langer Zeit wäre das keine Nachricht wert gewesen - schon gar nicht in überregionalen Medien.

Über Ausgrenzungsmechanismen zu berichten ist wichtig. Wichtig ist aber auch, Herkunft nicht per se mit religiöser Zugehörigkeit zu verknüpfen - vor allem dann nicht, wenn sich die betroffenen Personen nicht explizit dazu geäußert haben. Noch wichtiger ist aber eine Berichterstattung, die nicht die Ausgrenzung von Muslimen befeuert. Auch, damit Nachrichten wie jüngst aus Bayern ein Einzelfall bleiben.

Canan Topcu © Canan Topçu Foto: Christoph Boeckheler

AUDIO: Die Religion von Politikern ist irrelevant! (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 31.01.2020 | 15:20 Uhr

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