Stand: 02.05.2019 18:17 Uhr  | Archiv

"All In": Gegen muslimischen Antisemitismus

von Andrea Ring

Am Wochenende geht in Schleswig-Holstein die erste Phase des Projekts "All In - Netzwerk gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit" zu Ende. Ein halbes Jahr lang haben junge Migranten und Migrantinnen Workshops zur jüdischen Geschichte, Religion und Kultur, Rassismus und Antisemitismus besucht. Initiator Ehsan Abri ist selbst aus dem Iran geflüchtet und hat das Projekt zusammen mit der Zentralen Bildungs- und Beratungsstelle für Migranten und Migrantinnen in Kiel auf die Beine gestellt.

Ehsan Abri © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz
Ehsan Abri ist Initiator des Projekts "All In - Netzwerk gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit".

Die Regierungen in seiner Heimatregion seien antisemitisch, meint Ehsan Abri. Schulen und Medien machten systematisch Propaganda gegen Israel und gegen Juden, so der Iraner: "Arabische Länder, Iran, sie sind alle der Meinung, dass Israel 'weg' muss. An jeder U-Bahnhaltestelle im Iran gibt es große Poster und Flyer, auf denen steht: 'Alle Zionisten müssen sterben.' Wenn sie sagen möchten, dass ein Mensch "asozial" ist, verwenden sie das Wort "Jude". In der restlichen arabischen Welt ist das genauso. Das ist Antisemitismus."

Gefängnis statt Studium

Schon als Student beschloss Ehsan Abri, das nicht hinzunehmen. 2007 hat er gemeinsam mit Freunden unter dem damaligen Staatschef Ahmadinedschad gegen islamische Gesetze demonstriert, gegen strenge Kleidervorschriften.

Männer und Frauen sollten damals nur noch getrennt studieren: "Wir fanden das schrecklich", erinnert sich Abri. "Wir haben nur gesagt: 'Es ist nicht menschlich. Wir sind Menschen. Wir können miteinander studieren. Was ist euer Problem damit?'"

Die Demonstranten wurden verhaftet und durften nicht weiter studieren. Einen Monat saß Ehsan Abri im Gefängnis. Danach blieb er im Widerstand aktiv: "Wir waren noch jung, aktiv gegen Gott, gegen den Islam, gegen Religion." Und gegen Antisemitismus in seiner Heimatregion. Abri hat Video-Clips einer israelischen Facebook-Seite ins Farsi übersetzt. "Israel loves Iran" hieß deren Botschaft. Ihre Artikel im Internet hatten viele junge Leser und Leserinnen.

Aufklärung über das Judentum

2012 drohte ihm wieder mindestens Gefängnis, und er ging ins Exil, nach Deutschland. Gegen Antisemitismus wollte Ehsan Abri aber auch hier etwas tun. Mit seinem Projekt "All In" will er über das Judentum aufklären und Antisemitismus bekämpfen. Ein halbes Jahr lang haben sich geflüchtete Jugendliche in sechs Workshops getroffen und etwas über das Judentum erfahren. Dass es den Holocaust gab, sagt Ali aus dem Jemen, wussten sie zwar: "Aber wie es geschehen ist, das wussten wir nicht. Aber jetzt wir wissen viel."

Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. © dpa bildfunk/Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa
Auch in Deutschland erleben wir judenfeindliche Demonstrationen, wie 2017 in Berlin.

Meran ist Kurde und vor fünf Jahren mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet. Der Holocaust ist dort kein Thema im Geschichtsunterricht, erzählt der 18-Jährige: "Wir haben immer Negatives gelernt über Israel, über die Juden. Uns wurde nicht die Wahrheit beigebracht, sondern das, was sie wollten. Die haben uns Hass vermittelt, damit wir Israel mit Hass begegnen, und dass wir unseren Kindern beibringen, dass die Juden immer schlecht sind."

"Ich habe meine Meinung geändert"

Was sie beim "All In" über Rassismus gelernt haben? Fatima lächelt: "Dass alle Menschen gleich sind." Für die 18-jährige Iranerin war das nicht selbstverständlich: "Nein, so habe ich nicht gedacht, aber dann habe ich meine Meinung geändert und habe verstanden, dass alle Menschen, egal welcher Religion, welcher Hautfarbe oder aus welchem Land, gleich sind."

Geschichte
Blick auf schneebedeckte Gleise im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. © picture-alliance / dpa Foto: Guenter Schindler

Auschwitz: Symbol des Holocausts

Auschwitz wurde als "Todesfabrik" Symbol für den Holocaust. Wie konnte es zu diesem Verbrechen an den europäischen Juden kommen und welche Lehren können wir daraus ziehen? mehr

Im Rahmen der Workshops haben die Geflüchteten das Holocaust-Mahnmahl in Berlin gesehen und die KZ-Gedenkstätte Ravensbrück besucht. Das war ein bisschen heftig, sagt der 17-jährige Ali, der seit einem Jahr erst hier ist: "Man hat keine Erklärung, man hat keine Gründe, man kann es nicht akzeptieren." "Das war schrecklich, was wir da gesehen haben. Das ist unmenschlich", ergänzt Meran aus Syrien.

Projekt-Ergebnis: ein Film, ein Theaterstück und eine Zeitung

Doch das Projekt war nicht nur Unterricht in einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte. Fatima aus dem Iran stimmt zu: "Wir waren eine sehr nette und gute Gruppe." "Wir haben alle toll mitgemacht, alle hatten Interesse", fügt Ali hinzu. Gemeinsam haben sie einen Film über den Besuch in Ravensbrück gedreht, ein Theaterstück ist entstanden und eine Zeitung. In der Filmgruppe dreht sich alles um Frauenrechte.

Ehsan Abri reicht das aber nicht. Das nächste Projekt steht schon an, und Teilnehmer aus der ersten Phase wollen mit ihm zusammen im Sommer nach Auschwitz fahren.

Der Spruch "Gegen jeden Antisemitismus!" prangt an einer Toilettenwand der Philipps Universität in Marburg. © dpa Foto: Arne Dedert

AUDIO: "All In": Gegen muslimischen Antisemitismus (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 03.05.2019 | 15:20 Uhr

NDR Kultur Livestream