VIDEO: Kompletter Mitschnitt: Ihre Fragen an Ministerpräsident Weil (63 Min)

Ministerpräsident Weil: "Es geht um unser aller Gesundheit"

Stand: 03.11.2020 08:28 Uhr

Ist Verstöße zu melden Denunziantentum? Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) beantwortet Ihre Fragen zum erneuten teilweisen "Lockdown".

Die neuen Corona-Maßnahmen sind drastisch. Kontakte werden stark begrenzt, Gastronomie, Freizeiteinrichtungen und Fitnessstudios sind dicht. Das verunsichert viele Menschen in Niedersachsen, viele Fragen sind offen - und die Regeln sorgen für reichlich Diskussionen. Hier lesen Sie eine Auswahl der Fragen, die NDR Niedersachsen übers Telefon, E-Mails, die App und auf der Straße erreicht haben. Im Studio saßen Ministerpräsident Weil und Claudia Schröder, stellvertretende Leiterin des Krisenstabs der Landesregierung.

Andreas Braun aus Deutsch Evern: Wie werden private Feiern kontrolliert?

Weil: Wo die Polizei oder das Ordnungsamt in der Gemeinde etwas mitbekommt, da gehen sie auch hin. Wir haben es in den vergangenen Monaten gehabt, dass zum Beispiel Nachbarn gesagt haben: 'Da sind so viele Leute, könnt ihr da mal vorbeischauen?' Das macht keiner gern, da kommt schnell der Gedanke auf, ob ich eine Petze oder gar ein Denunziant bin. Aber ehrlich gesagt: Gerade geht es um richtig viel, es geht um unser aller Gesundheit, es geht um das Leben ziemlich vieler Menschen. Und da können wir eine solche Mithilfe durchaus gut gebrauchen. Die niedersächsische Polizei ist unterwegs. Das kann ich sagen.

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Schröder: Sämtliche Feiern, jede Form von Geselligkeit, sind tatsächlich ein enormer Infektionstreiber. Wir können das nicht den einzelnen Feiern, wie etwa Hochzeiten, zuordnen. Es kommt bei solchen Feiern eben dazu, dass ich den Abstand oder Hygiene vergesse oder keine Maske mehr trage. Dann nutzt Virus einfach die Gelegenheit und wandert von Mensch zu Mensch.

Heiko aus Northeim: Wenn die Gastronomie geschlossen ist, verlagern sich die Treffen dann nicht in den privaten Bereich?

Weil: Wir bitten alle, sich weder noch zu treffen. Das Angebot der Gaststätten ist eben ihrer Natur nach, dass die Menschen zusammenkommen sollen. Und das wollen wir jetzt vermeiden. Das ist der Hauptgrund. Wir wissen, dass viele Gastronomen eine enorme Mühe gegeben haben bei den Hygienekonzepten. Aber wir müssen alle Kontakte herunterfahren.

Birgit Bohr aus Lüneburg: Wie kann Weihnachten mit alten Menschen funktionieren?

Weil: Prinzipiell haben wir in den Heimen gesagt, es besteht ein Besuchsrecht. Natürlich muss man das in zugespitzten Situationen auch einschränken können. Aber wir wollen eine Quarantäne für alle Häuser vermeiden. Ausnahme: Wo das Virus in der Einrichtung ist, da müssen wir natürlich auch Verständnis haben, wenn die Betreiben sagen, dass sie weitere Risiken nicht eingehen können.

Klaus Uwe Grützmann aus Bramsche: Was kommt nach dem "Lockdown"?

Weil: Wir wollen jetzt einen Monat lang unsere Kontakt richtig kräftig reduzieren. Wenn wir das schaffen, dann werden wir das auch deutlich bei den Infektionszahlen sehen. Dann gehen wir in den Dezember und die Vorweihnachtszeit auf einem ganz anderen Infektionsgeschehen und sind nicht in so einer akuten Krise. Deswegen haben wir uns geeinigt, im November alles drastisch herunterzufahren.

Gibt es ein konkretes Ziel, wann die Maßnahmen wieder gelockert werden?

Weil: Nein. Wenn wir in zwei Wochen sehen, dass es sich in die richtige Richtung bewegt, werden eine solche Diskussion führen, nehme ich stark an. Aber in der Situation, in der wir jetzt sind, in der es immer noch steil bergauf geht, wäre es vermessen, diese Diskussion zu führen.

Lothar Held aus Wolfsburg: Weshalb hat man aus dem ersten "Lockdown" nichts gelernt und verunsichert nun die Menschen?

Weil: Wir haben eine Menge gelernt. Es ist nicht dasselbe, was wir jetzt machen. Wir können gerade nicht die Augen davor verschließen, dass wir in einer besorgniserregenden Situation sind. Die Infektionszahlen sind derzeit höher als im Frühjahr und sie steigen sehr viel schneller. Das ist ein anderer Schnack. Da wir über längere Zeit versucht haben, punktuell vorzugehen, müssen wir jetzt aber ehrlich sagen: Bei diesem Infektionsgeschehen geht das so nicht mehr. Diese zweite Welle ist richtig schwierig zu bewältigen.

Schröder: Wir sind aus der ersten Welle heraus wirklich gut über den Sommer gekommen. Durch die Reiserückkehrer haben wir zum Ende der Sommerferien dann einen ersten Anstieg gehabt. Das hat sich wieder etwas beruhigt. Dann hat ein allgemeines Wachstum begonnen. Das liegt nach unseren Feststellungen auch daran, dass wir es alle gemeinsam auch schwer finden, uns weiter an diese Regeln zu halten. Dieser Teil-"Lockdown" ist jetzt notwendig, weil wir uns nicht konsequent an die Maßnahmen gehalten haben.

Nico Kutzner aus Hamburg: Wäre es nicht besser, wenn man sich für einen richtigen "Lockdown" wie im Frühjahr entschieden hätte?

Schröder: Wir wollen mit unseren Maßnahmen verhältnismäßig bleiben. Wir sind der festen Überzeugung, dass die jetzt getroffenen Maßnahmen tatsächlich auch zur Sensibilisierung der Bevölkerung beitragen. Wir müssen das Wachstum bremsen, damit wir keine weiteren Maßnahmen ergreifen müssen.

Weil: Wir wissen, dass die Schäden sich noch vervielfachen, wenn wir die gesamte Wirtschaft lahmlegen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Arbeitsplätze dann verloren gehen würden. Und das müssen wir dabei bedenken. Wenn wir uns alle zusammenreißen, dann kriegen wir das auch hin. Das ist ein großer Appell an den gesunden Menschenverstand. Wir sehen ja, wie es in anderen Ländern zugeht. Das wollen wir verhindern.

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