Sendedatum: 12.03.2018 10:50 Uhr

Jens Spahn: "Hartz IV bedeutet nicht Armut"

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Jens Spahn sagte in einem Interview, dass Hartz IV nicht Armut bedeute. Diese Äußerung wird nun heftig diskutiert.

CDU-Politiker und designierter Gesundheitsminister Jens Spahn hatte am Wochenende in einem Interview vor der Geringschätzung des deutschen Sozialsystems gewarnt und geäußert: "Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut". Diese Äußerung wird nun heftig diskutiert. Die Linke meint, dass dieser Kommentar "kaltherzig und abgehoben" sei. Sie fordert Spahn sogar auf, auf sein neues Amt als Gesundheitsminister zu verzichten. Auch CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kritisieren die Äußerung von Spahn.

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Jens Spahn: Hartz-IV-Bezieher sind nicht arm

Der künftige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat am Wochenende die Gleichsetzung von Hartz IV und Armut hinterfragt - und erntet dafür viel Kritik. Mehr auf Tagesschau.de. extern

Hartz IV: Spahn zu "Armutspraktikum" eingeladen

Mit seiner Äußerung zu Hartz-IV-Empfängern hat CDU-Politiker Jens Spahn eine Welle der Empörung ausgelöst. Viele Bürger und Verbände wünschen dem künftigen Minister mehr Praxiserfahrungen. mehr

Spahns Äußerung: Ihre Meinung?

NDR 1 Niedersachsen hat die Hörer gefragt: Wie sehen Sie es? Haben Sie auch Jens Spahns Meinung? Sagen Sie, dass Menschen, die Hartz IV beziehen, genug zum Leben haben? Oder sagen Sie, dass sich ein gutverdienender Politiker wie Jens Spahn, gar nicht vorstellen kann, wie es ist, von Hartz IV leben zu müssen? Empfangen Sie vielleicht Hartz IV und wissen oft nicht, wie Sie über die Runden kommen sollen?

Einige der zahlreichen Meinungen der Hörer sehen Sie in der Box. Wegen der Fülle an E-Mails und Anrufen konnten hier nicht alle Meinungen abgebildet werden. Wir bitten um Verständnis.

Einige der unzähligen Hörer-Meinungen zum Thema

  • Heidemarie Kluge aus Hamburg meint: "Herr Spahn ist mir schon immer suspekt und abgehoben vorgekommen. Der soll mal mit dem Hartz-IV Regelsatz zurechtkommen. Ich spreche aus Erfahrung, da ich mehrere Jahre mit Hartz-IV auskommen musste. Ich hatte noch nicht einmal für meine Gesundheitsversorgung genug Geld, überall Zuzahlungen. Wenn der Mann jetzt Gesundheitsminister wird, hat ca. 40 Prozent der Bevölkerung nichts mehr zu lachen."

  • Susanne Waddeweitz schreibt: "Ich habe mein Leben lang gearbeitet - trotz der Kinder. Ich war nie zu Hause. Heute - mit 62 Jahren - will mich kein Arbeitgeber mehr. Also bin ich in 'ALG2' abgerutscht. Ich bekomme 507 Euro im Monat und muss davon Miete, Heizung, Nebenkosten, Strom und meinen Lebensunterhalt bezahlen. Ich fühle mich arm, weil ich oft nicht weiß, wie ich über die Runden kommen soll, oder mir mal was leisten kann!"

  • Michael Nestler aus Nienstädt sagt zum Thema: "Meiner Meinung nach äußert sich hier ein Privilegierter zu einem Umstand, den er nicht beurteilen kann, gemäß dem berühmten Zitat des Feudaladels: 'Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen!' drückt hier designiertes Regierungsmitglied seine völlige Unkenntnis über die Lebensrealität von Millionen Mitmenschen aus. Hier ist, wie bedauerlicherweise so oft in letzter Zeit, Fremdschämen für unsere selbsternannten Eliten angesagt."

  • Auch Diethard Hellwig aus Bad Driburg hat eine Meinung zum Thema: "Ich glaube, Herr Spahn sollte - bevor er als Minister sein Amt antritt - schnell noch zurücktreten. So viel Mist habe ich noch nie gehört.Ich bin mir sicher dass Frau Merkel noch jemanden hat, der vernünftiger ist als Herr Spahn."

  • Rolf Achter schreibt: "Jens Spahn hat recht. Man kann von Hartz IV leben. Viele tun das ja. Hinzu kommt, dass das Geld auch erwirtschaftet werden muss. Also, volle Zustimmung zu den Äußerungen von Jens Spahn."

  • Angelika Rösicke aus Rosengarten schreibt: " Ich habe 45 Jahre gearbeitet und habe letztendlich auch nicht mehr als Hartz IV. Man kommt vorne und hinten nicht aus. Jemand, der solche Äußerungen macht, gehört nicht auf den Posten des Gesundheitsministers. Man kann an keinerlei Freizeitaktivitäten teilnehmen und zieht sich nur von einem Monat auf den anderen."

  • Erwin Groß aus Osnabrück findet gut, dass Jens Spahn dieses Thema anschneidet: "Besser fände ich es, wenn er uns vormacht, wie eine vierköpfige Familie damit auskommt. Er ist doch sicher bereit, einen Monat vorzuleben."

  • Ursula Krug schreibt: "Wenn es nicht so traurig wäre, könnte ich in helles Gelächter ausbrechen. Ich habe zwei Behinderte in meiner Familie und konnte deswegen kaum arbeiten. Nun muss ich von der Grundsicherung leben. Wer kann mit 514,88 Euro 'leben'? Ich kann existieren, aber das ist auch alles. Am gesellschaftlichen Leben nehme ich nicht teil, das ist überhaupt nicht möglich. Und ich finde circa vier Euro pro Tag nun wirklich nicht üppig für Essen. Herr Spahn ist in einer gesicherten finanziellen Position. Und sein Lebensgefährte ist sicher auch nicht arm. Wie kann er sich also erdreisten zu sagen, dass Hartz IV oder Grundsicherung zum LEBEN reichen? Ich würde ihm sehr gerne mal begegnen, damit ich ihm mal meine Meinung sagen kann! Ob er wohl mit mir tauschen würde?"

  • Angelika Kirchen aus Bad Pyrmont sagt: "Musste seine Mutter ihn auch von 2,70 Euro pro Kind und Tag ernähren? Wer seinen Lebensunterhalt vom Steuerzahler bis ans Lebensende optimal finanziert bekommt, dem spreche ich jegliche Kompetenz ab, über dieses Thema einen Kommentar abzugeben. Noch mehr Realitätsferne, Ignoranz, Arroganz und Überheblichkeit geht ja schon nicht mehr! Solche Minister braucht kein Land!"

  • Peter Scholz aus Dinklage schreibt: "Falls Herr Spahn meint, dass damit niemand verhungern muss, hat er aus seiner Sicht sogar recht. Nur kann das kein Leben sein. Zum Leben außerhalb der Armut gehört mehr als nur ein Grundbedürfnis mit geringsten Mitteln zu befriedigen."

  • Sandra Kämper meint: "Hartz IV ist eine solidarische Leistung der Allgemeinheit gegenüber hilfsbedürftigen Mitmenschen. Insofern wäre etwas mehr Dankbarkeit angesagt, anstatt immer nur neue Forderungen zu stellen. Ein Blick über unsere Landesgrenzen hinaus sollte da vielleicht auch mal den Blick für tatsächliche Armut schärfen. Herr Spahn mag sich vielleicht etwas undiplomatisch ausgedrückt haben, aber im Kern hat er damit absolut recht."

  • Monika Nitzschke aus Göttingen schreibt: "Diese Aussage ist eine Frechheit. Ich beziehe seit vier Jahre Hartz IV - ich bin langzeitarbeitslos. Von diesem Regelsatz muss man jeden Monat seine Fixkosten zahlen, wie beispielsweise Strom. Was dann übrig bleibt, bleibt für den Lebensunterhalt, das sind knapp 300 Euro. Davon kann man nicht am sozialen Leben teilnehmen, man kämpft jeden Monat um seine Existenz. Es gibt jede Menge Sanktionen vom Jobcenter, die Politiker sollten mal sechs Monate davon leben. Hartz IV macht einsam und krank."

  • Anonym schreibt: "Was ist 'arm', was 'reich'? Wenn man 5.000 Euro oder mehr auf dem Konto hat? Ich finde, dass Hartz IV Empfänger genug zum Leben haben; es ist nicht viel, man kann sich keine großen Sprünge erlauben, aber man hat zu essen, trinken und ein Dach über dem Kopf. Schauen Sie sich mal Menschen an, die wenig verdienen. Und: Hartz IV Empfänger brauchen für diesen "Lebensstandard" keinen Finger krumm zu machen, andere ackern sich jeden Tag auf's Neue ab und haben dennoch nicht viel mehr!"

  • Beate aus Oldenburg bezieht aus gesundheitlichen Gründen seit zehn Jahren Hartz IV: "Für Menschen wie mich gibt es, auch nach Aussagen des Job-Centers keine Arbeit. Die Rentenversicherung sieht das anders. Wie dem auch sei, nach Abzug sämtlicher laufenden Kosten bleiben mir 110 Euro monatlich für alles (Lebensmittel, Hygiene, Kleidung, Haushalt, Friseur, Geschenke etc.)! Natürlich kann man damit ÜBERleben. Mehr aber auch nicht."

  • Anonym schreibt: "Harz IV Empfänger haben sehr viel mehr als sie zum Leben brauchen. Ich kenne einige persönlich und denen geht es besser als mir, die täglich zur Arbeit geht. Wenn man als Arbeitsloser gut über die Runden kommt, warum sollte man da arbeiten gehen. Ich habe Spahns Meinung ..."

  • Peter Riemann aus Melsungen meint: "Zugegeben, Hartz IV ist wenig. Aber was sollte ich heute morgen an der Kasse im Supermarkt denken? Zwei mir bekannte gutgenährte Hartz IV Empfänger legen Tiefkühlpizza, Dosenbier und Katzenfutter auf das Kassenband. Jeder hat ein Smartphone in der Hand. Da muss man doch schon vor der Spätschicht ins Grübeln kommen!"

  • Christa Bonn meint, dass es darauf ankäme, wie Armut definiert werde: "Vergleicht man Deutschland mit anderen Ländern, in denen es keine Sozialabsicherung gibt, kann man hier tatsächlich nicht wirklich von Armut sprechen. Hartz IV Empfänger können sich vielleicht nicht alles leisten, was sie möchten, aber dafür ist Hartz IV auch nicht gedacht. Sondern für das Leben nötige. Es sollte darüber nachgedacht werden."

  • Frank-Peter Schmidt-Lademann aus Wingst meint: "Ich halte es für keine gute Idee, die Frage, ob Hartz IV ausreicht oder nicht in dieser Form zur Diskussion zu stellen. Das provoziert nur noch mehr solche dummen Aussagen, wie sie Herr Spahn von sich gegeben hat. Außer den Empfängern von Hartz IV selber, können wohl die wenigsten Außenstehenden dies wirklich beurteilen."

  • Gisela Rautenberg aus Blomnerg schreibt: " Ich bin der Meinung, dass Herr Spahn mal für mindestens vier Wochen in einer Wohnung leben sollte, die nach Hartz IV Kriterien eingerichtet ist. Er sollte dann exakt Hartz IV Entgelt bekommen, keinen Cent mehr. Und danach sollte er den Mund auf machen."

  • Joachim Otto schreibt: "Hartz IV Leistungen wachsen ja nicht auf Bäumen, sondern müssen von der arbeitenden Bevölkerung erarbeitet werden! Wer fragt mich denn, ob ich für Leute, die ohne Arbeit ein sorgenfreies Leben führen wollen, noch mehr Steuern und Sozialabgaben zahlen will? In diesen wirtschaftlichen Zeiten ist es wohl kaum ein Problem Arbeit zu finden, wenn man denn welche suchen würde! Mir sind die von mir zu zahlenden Steuern und Abgaben jetzt schon viel zu hoch, und ich selbst bekomme dafür herzlich wenig geboten! Unter anderem deswegen, weil sich in Deutschland viele an ein Leben ohne Arbeit gewöhnt haben, und ganz selbstverständlich Geld vom Staat, also auch von mir fordern! Meine Forderung wäre eh, runter mit den Hartz IV Leistungen und auch eine zeitliche Befristung auf maximal ein Jahr. Anrufen können Sie mich leider nicht, weil ich arbeite ...!"

  • Renate Bergmann aus Lüneburg ist der Meinung, dass eine Familie mit Kindern, die nicht Hartz IV bekommt, schlechter gestellt ist, weil sie netto fast weniger hat. "Es wird nur immer von dem niedrigen Regelsatz gesprochen, aber wer bekommt schon die Miet- und Nebenkosten, Kindergarten, Ausflugsfahrten der Kinder und vieles mehr extra bezahlt, ohne zu arbeiten, ohne Steuern, ohne Soli, ohne Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge zu bezahlen und muss dann noch die Miete und Nebenkosten bezahlen!? Wenn man diese Vorzüge einmal zusammenzählt, kommt da bestimmt eine höhere Summe heraus, als ein Facharbeiter noch nach den ganzen Abzügen zur Verfügung hat! Das sollte man einmal bedenken und nicht immer jammern! Man kann bestimmt einmal eine Gegenrechnung aufmachen: Hartz IV Empfänger Familie gegen eine Familie, die den ganzen Tag arbeiten muss!"

  • Konrad Guder aus Schneverdingen schreibt: "Es ist traurig, dass so ein Mensch mit dieser Einstellung ein Ministeramt ausführen soll. Er kennt die Realitäten nicht. Ist ja auch nicht zu erwarten, bei circa 10.000 Euro Diäten. Nicht jährlich, nein Monat für Monat. Gut nur, dass es davon nicht so viele in der künftigen Regierung gibt, denn dann wäre mir um unser schönes Land sehr bange."

  • Hans-Joachim Göddertz schreibt aus Spanien: "Die Äußerung von Herrn Spahn ist eine unverschämte Frechheit. Er sollte freiwillig auf einen Ministerposten verzichten. Es gibt viele Lebensbereiche wie Kultur und Geselschaft auf die Hartz IV Empfänger verzichten müssen."

  • Vera Pohlmann aus Neuenkirchen-Vörden meint: "Die Aussage von Herrn Spahn ist unangemessen und arrogant. Er kann sich bestimmt nicht vorstellen, was es heißt von Harz IV zu leben - ich möchte es jedenfalls nicht. Viele Harz IV Empfänger sind durch Arbeitsplatzverlust, durch Insolvenz oder Krankheit in diese Situation gekommen. Wer weiß was ihm noch alles einfällt, wenn er Gesundheitsminister ist."

  • Bastian Siebert schreibt: "Ich würde den guten Herrn Span nicht zum Gesundheitsminister machen, sondern zum Minister für Arbeit und Soziales. Natürlich ist die Aussage, dass Hartz IV Bezieher nicht 'arm' wären, etwas hart. Denn der Definition nach sind es diese Leute natürlich. Allerdings müsste man das alles etwas auseinander differenzieren. Alte Leute und Kinder dürfen selbstverständlich nicht hinten rüber fallen. Jedoch für junge arbeitsfähige Menschen, die nur keine Lust haben zu arbeiten, für solche Leute ist der Satz des Hartz IV sogar deutlich zu hoch! Wenn wir ständig für ALLE den Satz anheben, wo bleibt denn die Motivation arbeiten zu gehen? Ich persönlich bin fünf Tage die Woche elf Stunden aus dem Haus, um mein Brot zu verdienen. Und nehme zudem noch eine Fahrstrecke von 70 Kilometer (einfache Strecke) auf mich. Das muss alles mal etwas anders laufen in unserem Land. Jeder kann mal in diese Lage kommen und ist angewiesen auf diese Hilfe. Aber das sollte nur eine Überlebenshilfe sein und nicht etwas, worauf man sich ausruhen kann. Anders sieht es aus bei Menschen die aus welchen Gründen auch immer nicht arbeiten können, wie zum Beispiel Kinder und alte, kranke Menschen. Leider hat die Politik das noch nicht verstanden und kein vernünftiges System gefunden. Hoffen wir, dass das irgendwann mal passiert."

  • Peter Wefer aus Hannover schreibt: "Dass ein Jens Spahn so etwas äußert, kann ich nur als niveauloses Spelunkengesülz abtun. Traurig finde ich es allerdings, dass die Gegenreaktionen von Hubertus Heil (designierter Arbeitsminister) und Angela Merkel so dürftig ausfallen. Mit Arbeitslosen kann man es anscheinend machen! Sauerei!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 12.03.2018 | 10:50 Uhr

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