Stand: 09.05.2020 14:06 Uhr

Corona-Krise: Weil mit Entwicklung sehr zufrieden

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Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erläuterte bei NDR 1 Niedersachsen das Vorgehen der Landesregierung in der Corona-Krise.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat eine positive Zwischenbilanz zur Corona-Krise gezogen. "Wir haben in den vergangenen Wochen unglaublich viel geschafft", sagte Weil am Sonnabend bei einer Hörer-Fragestunde im Studio von NDR 1 Niedersachsen. Das sei vor allem den Bürgerinnen und Bürgern zu verdanken, die sich sehr vernünftig verhalten hätten. Aus diesem Grund sei es nun auch möglich, Schritt für Schritt in den Alltag zurückzukehren. "Wir müssen unter den Bedingungen von Corona eine neue Normalität schaffen", so der Ministerpräsident. "Der Schlusspfiff der Corona-Krise kommt aber erst, wenn es einen wirksamen Impfstoff gibt."

Fünf-Stufen-Plan ist "spielregelkonform"

Weil verteidigte den Fünf-Stufen-Plan, den die Landesregierung am vergangenen Montag vor den Bund-Länder-Gesprächen vorgestellt hatte. "Die Sicht hat sich aufgeklärt, deshalb ist jetzt eine mittelfristige Planung möglich", sagte er. "Es ist wichtig für die Menschen im Land, dass es einen vernünftigen, nachvollziehbaren Plan gibt. Daher haben wir unseren Vorschlag ganz bewusst als erstes Bundesland auf den Tisch gelegt." Das sei absolut "spielregelkonform" gewesen. Seit zwei Wochen verzeichneten die Behörden sehr niedrige Infektionszahlen. Auf dieser Grundlage sei es vertretbar, die Verhaltensregeln etwas zu lockern. Der Infektionsschutz habe dabei weiter Priorität. Weil betonte aber, dass er keinerlei Ambitionen habe, der "Deutsche Lockerungsmeister" zu werden.

"Gute Vorbeugung sieht man nicht"

Kritik, dass die Einschränkungen zu weit gegangen seien, wies Weil zurück. "Man sieht, wenn man die Dinge laufen lässt, wird es noch schlimmer", sagte er mit Verweis auf die dramatische Lage in Italien, Spanien oder New York. Es sei das Ergebnis der Anstrengungen und Auflagen, dass es hier nicht so aussieht wie in anderen stärker betroffenen Ländern. "Bei guter Vorbeugung sieht man den Erfolg nicht unbedingt", so Weil. Er habe aber Verständnis für die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Lockerungen. Die vorsichtigen Schritte der Landesregierung behielten die verschiedenen Interessenlagen im Blick.

Besuchsverbot in Heimen sorgt für Tränen

Wie sehr die Krise viele Menschen belastet, wurde gleich bei der ersten Anruferin deutlich. Unter Tränen fragte eine Hörerin den Minister, wann Sie denn endlich wieder ihre Mutter in einem Seniorenheim besuchen dürfe. Weil sagte, dass dies derzeit eines der größten moralischen Probleme sei. Da die Hälfte der niedersächsischen Corona-Toten in Heimen verstorben sei, müsse man allerdings sehr vorsichtig sein. Die Landesregierung arbeitete derzeit mit den Trägern an Konzepten, um Besuche möglichst bald zu ermöglichen. Die Verhältnisse in den Heimen seien aber zum Beispiel aufgrund der baulichen Gegebenheiten sehr unterschiedlich, betonte Weil. "Ich hoffe aber, dass hier schnell was passiert und Sie Ihre Mutter bald wieder sehen können."

Urlaubsbuchung noch mit Risiko behaftet

Ein weiteres Thema, das viele Hörer beschäftigt, ist die Frage nach dem Sommerurlaub. Er persönlich wünsche es sich auch, mit seiner Frau verreisen zu können, sagte Weil. Aktuell sei eine Buchung aber noch mit einem "Quantum Risiko" verbunden. Der Stufen-Plan sehe vor, dass zunächst Ferienwohnungen wieder belegt und Dauercamper an ihre Plätze zurückkehren können, da hier eine autarke Versorgung möglich sei. Ab Pfingsten würden dann aber auch die Hotels wieder mit deutlich eingeschränkten Kapazitäten an den Start gehen. "Dies ist ein gutes Beispiel für das schrittweise Vorgehen der Landesregierung", so Weil. Er freue sich für den niedersächsische Tourismus, dass es nun langsam wieder losgehe.

Kita und Schule: Normalbetrieb erst im August

Geduld ist weiter bei den Kitas und Schulen gefragt. Auf entsprechende Fragen mehrerer Hörerinnen sagte Weil, dass er erst im August wieder mit einer Rückkehr zum Regelbetrieb rechne. Derzeit müssten die Zahl der Menschen noch gering gehalten und die Gruppen beziehungsweise Klassen deshalb verkleinert werden. Um berufstätige Eltern zu entlasten, werde allerdings die Notbetreuung deutlich ausgeweitet. Eine Einschulung der Erstklässler nach den Sommerferien ohne Beschränkungen hält Weil nach derzeitigem Stand  für möglich. "Wir müssen uns gegenseitig die Daumen drücken", sagte er.

Kritik an Verhalten der Fleischindustrie

Mit deutlichen Worten kritisierte Weil den Umgang mit Beschäftigen in der Fleischindustrie. Es ärgere ihn, dass Unternehmen Mitarbeiter auch über Landesgrenzen hinweg hin und her schöben, um Corona-Auflagen zu umgehen. Diese Praxis werde so nicht weitergehen, kündigte der Ministerpräsident an. "Wir haben einen ganz besonderen Blick auf diese Branche." Ein Hörer hatte sich darüber beklagt, dass Werkvertragsarbeiter von Fleischbetrieben trotz Corona-Ausbrüchen auf Schlachthöfen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen häufig weiter in Mehrbettzimmern untergebracht würden.

Charaktertest bislang bestanden

Mit Blick auf seine eigene Person sagte Weil, die vergangenen sieben Wochen seien die intensivsten seines gesamten Berufslebens gewesen. "Dagegen sind Wahlkämpfe gar nichts", so der Ministerpräsident. "Wir werden uns sicher alle unser Leben lang an 2020 erinnern." Bislang habe Deutschland den Charaktertest aber sehr gut gemeistert. Mitte März habe er noch sehr viel schwärzere Gedanken gehabt, berichete Weil. "Wir müssen das jetzt nur unbedingt durchhalten. Für den Vorsprung in der Halbzeit können wir uns nichts kaufen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 09.05.2020 | 10:00 Uhr