Stand: 09.06.2020 12:53 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Wacken: Ein Provinz-Nest wird Metal-Mekka

Light-Shows, Vidiwalls und zigtausend Fans: So sieht es mittlerweile aus, wenn in Wacken gerockt wird. Hier spielen Sabaton beim 30. WOA 2019.

Gitarrenriffs und zehntausende Metal-Fans statt Kirchenglocken und Treckermotoren: Das Wacken Open Air hat den Sound eines kleinen Ortes im Westen Schleswig-Holsteins nachhaltig verändert. Begonnen hat alles am 24. und 25. August 1990 - mit knapp 800 Besuchern.

Wacken - Ein fast typisches Dorf

Wacken in der Nähe des Nord-Ostsee-Kanals - ein Dorf wie viele andere in der norddeutschen Provinz: Es gibt mehr Kühe als junge Leute, viel Grün und Silberhochzeiten im Landgasthof. Ein Örtchen mit 1.900 Einwohnern, das über die Gemeindegrenzen hinaus wohl kaum jemand kennen würde. Wären da nicht Thomas Jensen, Holger Hübner und einige weitere Metal-Fans gewesen.

Ende der musikalischen Einöde

Wacken, 1990: Die Freunde Jensen und Hübner sind Mitte 20 und lieben Heavy Metal. Genau das ist auch ihr Problem. Denn außer Dorf-Disco und Blasmusik läuft nichts auf dem platten Land. Aus einer Bierlaune heraus schmieden Jensen und Hübner den Plan, ein eigenes Open-Air-Festival zu organisieren - mit Musik nach ihrem Geschmack. "Wir waren jung, hatten Bock, wollten mit unseren Freunden feiern und haben einfach gemacht", erinnert sich Hübner Jahre später.

Sechs Bands für zwölf Mark Eintritt

Der Ort für ihr Festival ist schnell gefunden: Eine Sandkuhle in der Nähe des Dorfes. Gemeinsam mit Freunden und Familie bauen die beiden Veranstalter aus einem Bierzelt und Lkw die Bühne. Sechs lokale Bands sagen zu - in einer davon spielt Thomas Jensen selbst Bass. Am 24. und 25. August 1990 findet es dann statt: das erste Wacken Open Air.

Die Idee der Jungs aus dem Dorf kommt an: Schon im ersten Jahr pilgern 800 Metal-Fans in die Sandkuhle. Gerade einmal 12 Mark kostet der Eintritt, dafür gibt es harte Musik, viel Bier und Familien-Atmosphäre: "Ich spielte mit meiner Band, zapfte nebenbei Bier und konnte die Einnahmen noch in meine Hosentasche stecken", so Jensen über die Anfangszeit. Niemand ahnt damals, dass in diesen Augusttagen der Grundstein für eines der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt gelegt wird.

Wackens Kuhschädel: Die Geburt eines Kult-Logos

Schleswig-Holstein Magazin -

Das Wacken Open Air erlebt seine mittlerweile 30. Auflage. Mark Ramsauer gehörte zu den Männern der ersten Stunde: Er entwarf das berühmte Logo fürs Heavy-Metal-Festival.

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Höhenflug und harte Landung

Jensen und Hübner wollen weiter machen und organisieren das nächste Wacken Open Air. Inzwischen arbeiten sie unter dem Namen "Stoned Castle Rock Promotion" - als Hommage an den Landkreis Steinburg, in dem Wacken liegt. Nach einer erfolgreichen Zweitauflage mit 1.300 Besuchern folgt 1992 dann der erste Quantensprung für das Festival: Die Veranstalter schaffen es, das britische Heavy-Metal-Urgestein Saxon zu verpflichten. 1992 wird so zum Erfolgsjahr: 3.500 Fans, 20 Bands auf zwei Bühnen und 35 Mark pro Karte - Wacken wächst.

1993: Schicksalsjahr für das WOA

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Das Line-up 1993: Ein Festival-Plakat aus dem Schicksalsjahr.

"Über die Jahre gehört ein ziemlich langer Atem dazu, immerhin sind wir auch oft auf die Fresse geflogen", erklärt Holger Hübner rückblickend auf der WOA-Website. 1993 zum Beispiel: Bereits die Organisation des Festivals steht unter einem schlechten Stern. Hübner hat einen schweren Verkehrsunfall und für Jensen erschwert ein Todesfall in seiner Familie die Vorbereitungen. Vom Krankenhaus aus bucht Hübner schließlich die Bands fürs Festival, als Headliner für viel Geld die US-Metaller Fates Warning. Insgesamt investieren die Veranstalter deutlich mehr als bisher - mit knapp 4.000 Besuchern dümpelt die Resonanz bei den Fans aber auf Vorjahresniveau. Das Wacken Open Air 1993 wird so zum finanziellen Desaster: Jensen & Co fahren ein sechsstelliges Minus ein.

Voll auf Risiko

Das Wacken Open Air steht jetzt am Scheideweg. Vielen Mitveranstaltern ist das Risiko zu groß, sie springen ab. Jensen, Hübner und einige andere aber setzen alles auf eine Karte: "Job gekündigt, und los ging's", so Hübner. Er und Jensen widmen sich ab jetzt ganz ihrem Festival. Die Familien helfen mit, der Schuldenberg wird teils mit vorgezogenen Erbschaften abgetragen. 1994 geben die Veranstalter weniger Geld für die Bands aus, gewinnen trotzdem einige bekannte Headliner für ihr Programm und schrauben gleichzeitig den Eintrittspreis herunter. Mit Erfolg: 4.500 Besucher kommen in diesem Jahr nach Wacken und sichern so den Erhalt des Open Airs.

Kurz vor der Absage - bis die Böhsen Onkelz kommen

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1996 musste das Open Air beinahe abgesagt werden - dann wurden die Böhsen Onkelz engagiert.

1996 wird es noch einmal brenzlig für die "Stoned Castle"-Crew. Der Kartenvorverkauf läuft so schleppend, dass die Absage des Festivals kurz bevor steht. Doch dann sagt die Band Böhse Onkelz zu. Der berühmt-berüchtigte Headliner wird zum Publikumsmagnet und rettet das Event: Laut Veranstalter kommen 8.000 Metal-Fans und machen die 96er-Ausgabe des Wacken Open Air zur bis dahin erfolgreichsten.

Erfolgsgeschichte Wacken Open Air

Seitdem kennt das Festival nur noch eine Richtung: Steil nach oben. Von Jahr zu Jahr gibt es mehr Bands, Bühnen, Besucher und natürlich Bier. 1997 knackt das Wacken Open Air laut Veranstalter erstmals die 10.000-Besucher-Marke. Nur um diesen Rekord im nächsten Jahr mit rund 20.000 Besuchern gleich zu verdoppeln. Rock- und Metal-Legenden wie Motörhead, Slayer, Ozzy Osbourne, Deep Purple oder Iron Maiden drücken sich auf den Wacken-Bühnen über die Jahrzehnte das Mikro in die Hand.

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Vom Provinz-Nest zum Metal-Mekka

Höher, schneller, Wacken: Aus der Sandkuhle im Nirgendwo sind bis heute 240 Hektar Festivalgelände geworden. Statt der 800 Neugierigen beim ersten Wacken Open Air strömen inzwischen an die 80.000 Besucher in die norddeutsche Provinz. "In einer einsamen Nacht bekomme ich schon mal Angst", so Gründer Jensen. "Aber wir machen gar nicht so viel anders. […] Wir sind genauso beknackt wie damals, nur ist alles etwas größer."

Das Wacken Open Air - ein wahr gewordener Lebenstraum von ein paar Jungs vom Dorf. Der noch lange nicht ausgeträumt ist: "Stillstand ist nicht das, was wir wollen.", erklärt Jensen. "Wir wollen uns immer weiter entwickeln. Und es gibt viele Richtungen, in die wir noch gehen können." Wohin es auch geht: Der Name Wacken ist inzwischen untrennbar mit Heavy Metal verbunden. Aus dem einstigen Dorffest ist das größte Heavy-Metal-Festival der Welt geworden.

Ohne das WOA durch die Corona-Krise

Allein in diesem Sommer bleibt es ruhig in Wacken - zum ersten Mal seit 30 Jahren: Im Zuge der Corona-Pandemie haben die Veranstalter das Festival im April abgesagt. Trotz der herben Enttäuschung trügen die Organisatoren "in dieser für die gesamte Welt schwierigen Lage die Entscheidung der Bundesregierung mit". Wer bereits ein Ticket hat, kann es sich - als eine mehrerer Möglichkeiten - auf das Festival 2021 umschreiben lassen. Der Termin steht schon: Vom 29. bis 31. Juli wird Wacken wieder zur Pilgerstätte für Metal-Fans.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 01.05.2020 | 16:00 Uhr

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