Ein altes Foto zeigt zahlreiche Menschen um ein U-Boot. © NDR

Zeitreise: Letzte Zeitzeugen und die Erinnerung an den U-Boot-Krieg

Stand: 18.12.2022 17:34 Uhr

Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die den U-Boot-Krieg im Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Der Mönkeberger Woldemar Triebel erinnert sich.

von Philip Schroeder

Ein altes Foto zeigt zahlreiche Menschen um ein U-Boot. © NDR
Als junger Nachwuchs-Offizier erlebte und fotografierte Woldemar Triebel an der Küste des besetzten Frankreich die Rückkehr der deutschen U-Boote.

Ein bisschen verblichen, aber gut zu erkennen auf dem Schwarzweiß-Foto: Ein deutsches U-Boot kehrt in einen französischen Atlantik-Hafen zurück. Am Sehrohr eine Reihe Wimpel - einer pro versenktem Schiff. Am Flaggenstock die Hakenkreuz-Kriegsflagge. "1940 oder 1941 müsse das gewesen sein", sagt Woldemar Triebel. Es ist sein Fotoalbum, das er in seinem Mönkeberger Wohnzimmer aufblättert. 99 Jahre alt ist er heute - damals war er Offizieranwärter bei der Kriegsmarine. Er hatte sich freiwillig gemeldet. "Ich wollte etwas von der Welt sehen", erzählt er: "Später, auf den U-Booten, hat das mit dem Sehen unter Wasser nicht mehr so geklappt - aber vorher, meine ersten Kommandos führten mich immerhin nach Frankreich."

Aus den ersten Erfolgen machte die Propaganda eine Heldenerzählung

Ein altes Foto zeigt einen jungen Marinesoldaten. © NDR
Woldemar Triebel meldete sich 1940 freiwillig zur Marine.

Die erfolgreich zurückkehrenden Boote, Versenkungswimpel, auf dem Turm die lässig gekleideten Offiziere mit langen Bärten nach Monaten auf See: Immer wieder feierte die Nazi-Wochenschau diese Momente in Bild und Ton, führt regelrechte Versenkungs-Hitparaden. "Die erfolgreichen Kommandanten wurden inszeniert wie Pop-Stars", sagt der Kieler Historiker Alexander Patt. "Und die Verluste sah man ja nicht sofort. Wenn ein U-Boot versenkt wurde, war die See nach zehn Minuten wieder still. Da gab es keine Schlachtfelder mit schreienden Verwundeten. Das Risiko konnte man damals ausblenden. Deshalb galt die U-Boot-Waffe als Elitetruppe und hatte keinen Mangel an Freiwilligen", so Patt weiter. Der Einsatz auf U-Booten, das reizte den jungen Offizier Woldemar Triebel damals. Nicht wegen der Propaganda vom Heldentum der Tiefe. Sondern, weil er wusste, dass junge Offiziere auf den kleinen Booten schnell Verantwortung bekamen. "Auf einem großen Schiff sitzen Dutzende Offiziere in der Messe und da bin ich als kleiner Leutnant einer ganz hinten - das wollte ich nicht", sagt Triebel. Als er nach der U-Boot-Ausbildung schließlich als erster Wachoffizier auf U-978 einstieg, waren die erfolgreichen Zeiten der deutschen U-Boote aber bereits vorbei.

Drei von vier U-Boot-Fahrern kamen um

Von Ende 1943 an konnten die USA und Großbritannien ihre Nachschub-Konvois über den Atlantik besser schützen - Sonar, Radar und ausreichend Sicherungsschiffe machten den U-Boot-Fahrern das Leben schwer. Die alliierten Experten hatten die Verschlüsselung des deutschen Funkverkehrs geknackt, konnten so die Befehle mitlesen, die Konvois umlenken - oder die U-Boote aufspüren und versenken. 75 Prozent der deutschen U-Boot-Fahrer im Zweiten Weltkrieg kamen um.

60 Tage unter Wasser - und ein verweigerter Befehl

Ein älterer Herr sitzt in einem Stuhl und lächelt. © NDR
Woldemar Triebel hat überlebt - vielleicht auch, weil er seinen Kommandanten überredete, einen Befehl nicht zu befolgen.

Woldemar Triebel lief mit U-978 zweimal zum Kampfeinsatz aus - das erste Mal im Oktober 1944. An einen Sieg habe er damals nicht mehr geglaubt, sagt Triebel: "Vielleicht haben wir noch auf eine Art Waffenstillstand gehofft, das ja. Naja, vielleicht." Auf der ersten Einsatzfahrt von U-978 blieb das Boot mehr als 60 Tage unter Wasser, ein Schnorchel-System brachte Luft für Männer und Motoren. Drei Versenkungen konnte die Crew nach der Rückkehr melden - und dass der Kommandant und sein Erster Wachoffizier unterwegs einen Befehl verweigert hatten, fiel nicht auf. "Wir hatten Befehl, auf zehn Grad westlicher Länge kurz eine Standortmeldung zu funken. Ich habe meinem Kommandanten aber überredet, das nicht zu befolgen", erzählt Triebel. Denn die Alliierten konnten damals schon kürzeste Funkmeldungen einpeilen, so die Position der feindlichen Boote bestimmen und Flugzeuge mit Wasserbomben schicken. Triebel sagt: "Vielleicht haben wir nur überlebt, weil wir den Befehl nicht befolgt haben. Ein Boot, das gleichzeitig mit uns ausgelaufen ist, hat seine Funkmeldung abgesetzt - und ist kurz darauf versenkt worden." Wie so viele U-Boote, so viele Männer.

Am Ende verheizt das Regime seine Elite-Truppe

Ein älterer Herr liest eine Wand mit Namen von gefallenen Soldaten. © NDR
Denkmal in Möltenort: Von rund 40.000 deutschen U-Boot-Männern kamen rund 30.000 ums Leben - eine Verlustrate von 75 Prozent.

Zwar ließ das Nazi-Regime mehr als 1.000 U-Boote bauen, schickte immer neue Besatzungen in den Kampf - aber fast 800 Boote wurden versenkt, rund 30.000 Männer starben. Die Nummern der Boote stehen auf den Gedenktafeln des U-Boot-Ehrenmals Möltenort in Heikendorf (Kreis Plön). Und unter den Nummern der Boote stehen die Namen der Männer, die mit ihnen untergegangen waren. Woldemar Triebel kommt regelmäßig hierher.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 18.12.2022 | 19:30 Uhr

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