Weil er queer ist: Morddrohungen gegen Politiker Lamprecht

Stand: 17.05.2024 11:17 Uhr

Ziel der Attacken ist sein Rückzug aus der Politik und der Kirche, sagt Stephan Lamprecht. Doch stattdessen setzt der queere Politiker Statements für Toleranz und Vielfalt.

Alle paar Wochen landen Drohungen und Beleidigungsschreiben in seinem Briefkasten. Stephan Lamprecht kennt die Umschläge schon, weiß was ihn erwartet. Doch bei diesem Brief ist es anders. Es sieht aus wie normale Geschäftspost, ist dieses Mal nicht an seine Privatadresse gerichtet. "Deswegen habe ich mir nichts dabei gedacht, als ich den aufgemacht habe, aber als ich dann eine geknüpfte Schlinge in der Hand hielt mit der Aufforderung mich zu erhängen, ist innerlich etwas in mir zerbrochen."

Stephan Lamprecht ist queer. Er arbeitet für die Kommunalpolitik in Ahrensburg (Kreis Stormarn) für die Grünen und ist im Finanzausschuss bei der Kirchengemeinde aktiv. Spätestens nach diesem Brief ist sein Leben ein anderes. Als er die Morddrohung in seinen Händen hält, fühlt er sich wie gelähmt, sein Herz rast. Seit 40 Jahren lebt Lamprecht offen queer, seit Jahren in seiner Heimatstadt Ahrensburg.

Beschimpfungen aufgrund seiner sexuellen Orientierung

Angefangen hatte alles im Oktober letzten Jahres, er findet den ersten Brief im Postkasten seiner Privatadresse. Das Schreiben ist voll mit Beschimpfungen aufgrund seiner sexuellen Orientierung. Da Angriffe auf Kommunalpolitiker*innen sich häufen, nimmt Lamprecht das zunächst nicht sonderlich ernst, denkt, nun sei er eben mal dran als Projektionsfläche. Auch andere Kommunalpolitiker*innen haben schon Beschimpfungen erhalten. Doch zwei Wochen später folgt der nächste Brief. Der Täter oder die Täterin hat private Fotos von seinem Instagram-Account in den Umschlag gesteckt und kommentiert - seine Fotos sind voll mit den übelsten Beschimpfungen und queerfeindlichen Äußerungen. Stephan Lamprecht erstattet Anzeige wegen Beleidigung.

Die Drohungen werden schärfer und politischer

Die Briefe sind immer überfrankiert, sie sollen ihn ganz sicher erreichen. Etliche Briefe gehen auch ans Kirchenbüro mit der Aufforderung er müsse aus dem Kirchengemeinderat "entfernt" werden, er sei kein Christ. Dabei wurde Stephan Lamprecht von der Kirchengemeinde selbst gewählt - die Gemeinde stellt sich hinter ihn. "Auch andere Freund*innen, die sich solidarisch mit mir erklärten, haben Drohungen und Beleidigungen erhalten", sagt er. Seine beste Freundin bekam Post, dass sie eine schlechte Mutter sei, weil ihr Kind Kontakt zu ihm habe.

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Bei ihm kommen die Drohbriefe weiter im Wochentakt. Er fühlt sich belästigt und hilflos zu diesem Zeitpunkt, aber spürt noch keine Angst. Zum Jahreswechsel kommt dann zum ersten Mal eine Mail - es wird politischer: Er solle sich vom Neujahrsempfang der Stadt fern halten. Das Drohschreiben enthält auch die Frage: "Traust du dich da noch hin?" Stephan Lemprecht überlegt, wie er mit der Frage umgeht. "Ich habe von der Mail dann einen Screenshot auf Insta gepostet und dazu geschrieben, 'Hey, das klingt fast wie ein Date, ich freue mich drauf, muss mich jetzt aber beeilen, weil ich mir noch die Nägel lackieren muss'", erzählt er. Sein Post löst auf Instagram eine Welle der Solidarität aus. Gemeinsam mit guten Freundinnen geht er zum Neujahrsempfang, alle tragen den selben Nagellack. Sie setzen sich um ihn, schützen ihn, tragen Pfefferspray in der Tasche. "Das war dann langsam der Moment, wo ich realisiert habe, dass es ernst ist mit den Drohungen", sagt er.

Erneutes Coming-Out vor 36.000 Menschen

Stephan Lamprecht ist in Ahrensburg aufgewachsen, hier ist sein Zuhause. Ihm ist es wichtig sich zu engagieren, etwas für die Gemeinschaft zu tun, auch ehrenamtlich. Neben der Kirche ist er kommunalpolitisch aktiv, zunächst in der SPD, aus Überzeugung wechselt er aber dann zu den Grünen. Sein Mandat nimmt er bewusst mit. "Hätte ich mein Amt ruhen lassen, hätten die Drohungen Erfolg gehabt, aufgeben ist aber keine Option für mich", sagt er. Im Februar 2024 werden aus den queerfeindlichen Beschimpfungen und Diffamierungen akute Bedrohungen, er findet die Schlinge mit der Morddrohung in der Post. In seiner Hilflosigkeit postet er wieder ein Foto auf Instagram von der Schlinge mit der Frage "Was mache ich jetzt?". 15 Minuten später steht Eckart Boege vor seiner Tür, der auch Bürgermeister von Ahrensburg ist. Er bringt Lamprecht zur Polizei und hilft dabei Anzeige zu erstatten, weil Lamprecht noch unter Schock steht.

Danach hat er ein Tief, doch Lamprecht sucht sich Hilfe, arbeitet die traumatische Situation auf. Die Therapie stärkt ihn, er will sein Leben zurück, sich nicht mehr wie ein Passagier im eigenen Leben fühlen. Er entscheidet sich dafür, sich öffentlich zu äußern. Das bedeutet auch ein erneutes Coming-Out. Er hält eine Rede vor der Stadtverordnetenversammlung, die später online auf der Homepage der Stadt Ahrensburg steht - es wird ein Coming-Out vor ganz Ahrensburg, 36.000 Menschen.

Mir war klar, ich will wieder ins Handeln kommen und ich werde niemanden den Gefallen tun, mich aufzuhängen oder mein Mandat niederzulegen, und schon gar nicht werde ich schweigen. Stephan Lamprecht

Kommunalpolitik in Ahrensburg tagt erstmals unter Polizeischutz

Während Stephan Lamprecht im Saal seine Rede hält, steht draußen die Polizei. Erstmals muss die Stadtverordnetenversammlung in Ahrensburg aufgrund der akuten Bedrohung unter Polizeischutz stattfinden. Mittlerweile ermittelt auch der Staatsschutz.

Mich vor 36.000 Menschen zu entblößen, war nie mein Plan, aber ich wollte mich nicht unterkriegen lassen, klar stellen: ich bin und bleibe hier. Stephan Lamprecht

Er adressiert die Rede direkt an die Person oder Personen, die ihn bedrohen: "Ich bin Queer - das ist allen Menschen, die mich näher kennen, seit über 40 Jahren bekannt. Für Sie scheint das eine ungeheure Neuigkeit und Sensation zu sein. Es ist meinen Freunden und meiner Familie aber tatsächlich egal." In den Drohschreiben wird er unter anderem als "Perversion" und "Erkrankung an unserem Volkskörper" beschimpft. Der dreifache Vater und vierfache Großvater bezeichnet sich selbst als Christ, ist Mitglied im Kirchengemeinderat - und eben auch ehrenamtlicher Politiker. Deswegen schließt er seine Ansprache mit diesen Worten: "Seit fast vier Jahrzehnten kämpfe ich jetzt für Toleranz, Sichtbarkeit, Akzeptanz von Menschen, die am Rand stehen. Und mein Engagement scheint mir aktuell noch wichtiger als bisher zu sein. Und deswegen werde ich weitermachen und mir ganz sicher nicht von Ihnen den Mund verbieten lassen."

Nach seiner Rede stehen die Kommunalpolitiker*innen auf, klatschen. Stephan Lamprecht ist berührt, die Anteilnahme die er erfährt, macht Mut. Als er vom Pult zurück tritt, fragt er sich, ob die Täter oder Täterinnen seine Rede gehört haben, vielleicht sogar mit im Saal sitzen. Da die Drohungen private Details enthalten, vermutet Lamprecht sie aus dem Umfeld.

Vielleicht bin ich dem Täter oder der Täterin schon begegnet, es könnte jede Person um mich herum sein.

Die ständigen Bedrohungen verändern seinen Alltag, sein Verhalten. "Ich kann abends nicht mehr unbefangen vor die Tür gehen, manchmal vermeide ich bestimmte Wege." Alle zwei bis drei Wochen erhält er weitere Drohschreiben, seit Oktober.

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Ein Zeichen für Toleranz und Demokratie

"Ziel der Drohungen ist es, mich zum Rückzug aus der Kommunalpolitik und der Kirchenarbeit zu bewegen - doch daraus wird nichts", sagt er. Lamprecht trägt weiterhin Perlenketten und Nagellack, bleibt wie er ist, will sich nicht verstecken. Er will ein Zeichen setzen und anderen Mut machen. Menschen sollten sich ohne Angst engagieren dürfen, egal wie sie aussehen, woher sie kommen oder welche sexuelle Orientierung sie haben, sagt er.

Vielleicht gibt es noch viele Menschen in noch kleineren Städten, die bedroht werden und sich nicht trauen, so zu sein, wie sie sind. Denen möchte ich sagen, steht dazu, sonst leben wir irgendwann in einer Gesellschaft, die keiner haben will. Stephan Lamprecht

Deswegen hofft er, dass der Täter oder die Täterin gefunden wird und die Straftaten verurteilt werden. "Wenn Recht gesprochen wird gegen solche Taten und queerfeindliche Gewalt wäre das eine Genugtuung, weil es ein starkes Zeichen für unsere Demokratie ist“, sagt Lamprecht.

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